Review

Season 1

Staffel 1

Für einen einfallsreichen und mit recherchiertem Wissen ausgestatteten Romanautoren ist es ein Leichtes, die Requisiten für seine Vision zu beschaffen. Asteroidengürtel-Bergbau? Ein besiedelter Mars? Er muss sie bloß beschreiben und schon existieren sie (die verlebte Erde voller Umweltkatastrophen und verstrittener Parteien, nun, dafür braucht es nicht einmal mehr den Einfallsreichtum). Adaptionen von Science-Fiction-Romanen in ein visuelles Medium sind nicht umsonst so risikobehaftet. Schließlich reicht es hier nicht, das Drehbuch in die Kamera zu halten, man muss das ganze Szenario schon auch irgendwie sichtbar machen. "The Expanse" ist dahingehend in seiner ersten Staffel ein kühnes Unterfangen, basiert die Syfy-Produktion doch auf einer Vorlage, die mehr als großzügig Räume öffnet, die weit über die Erde als Schauplatz hinausreichen und letzten Endes alle gefüllt werden möchten. Dies mit dem neuen Serien-Standard von zehn Episoden zu bewerkstelligen, ist praktisch unmöglich.

Deswegen liegt der Fokus hauptsächlich darauf, den Raum mit überzeugenden Produktionswerten und dichter Atmosphäre dreidimensional abzustecken. Bereits im Piloten überzeugt "The Expanse" mit kraftvollen Bildern, die frei im All schweben und Relikte menschlicher Kolonialisierung im Weltall vor dem Sternenmeer ganz ohne Pathos, dafür mit einer Menge Warnschilder einfängt. Der Kinofilm "Gravity" von 2013 scheint bei der Gestaltung von All-Sequenzen jedenfalls weiterhin einen starken Einfluss auszuüben. Auch die Innenkulissen überzeugen mit unaufdringlichem Design, das die Fortentwicklung der Technologie nachfühlbar macht, auch anhand kleinerer Gerätschaften wie Handys aus transparentem Material (Thomas Jane trägt charmanterweise eines mit "gesprungenem Glas" - beruhigend, dass sich nicht alles ändert). Sollte es noch zu der geplanten Verfilmung des Videospiels "Mass Effect" kommen, könnte man sich dieses Produktionsdesign durchaus zum Vorbild nehmen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass bezüglich der Beziehungen zwischen den Interessensgruppen, generell der gesamten kulturellen Ordnung im abgebildeten 23. Jahrhundert lediglich Andeutungen gemacht werden können. Die Spannungen zwischen den Bewohnern des Asteroidengürtels, des Mars und den zurückgebliebenen "Terrariern" (Erdbewohnern) sind spürbar, ebenso wie Spannungen zwischen Arm und Reich oder Politik und Volk zur Allegorie auf gegenwärtige Probleme unserer Welt taugen; bis zum Kern werden sie aber allesamt noch nicht ergründet. Was nicht heißen muss, dass die Charaktere allesamt oberflächlich blieben. Im Gegenteil, von Stereotypen hält sich die Figurenzeichnung so weit wie möglich fern. Wenn, ist es als Stilmittel gewollt: So bringt der linkisch auftretende, unangepasst agierende Joe Miller (Thomas Jane mit gewöhnungsbedürftiger Iro-Frisur) eine Menge Detective-Noir-Flair ein und damit ein wenig Altmodisches in die Zukunft.

Staffel 1 bietet einen vielversprechenden Auftakt für eine Romanadaption mit Potenzial, die noch längst nicht aus dem Vollen schöpft. Aber wie oft haben wir schon gesehen, dass ein Konzept erst im zweiten oder dritten Jahr so richtig aufblüht. Diese Zeit sollte man einem ambitionierten Projekt in jedem Fall geben. Insofern schön, dass die zwischenzeitlich eingestellte Serie nun doch weitergeführt wird.

weitere Staffelbesprechungen können folgen.

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