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David Kross spielt einen Jugendlichen, der in einem U-Bahn-Tunnel aus einer Ohnmacht erwacht und sich an nichts erinnern kann. Er gelangt durch einige Hinweise in ein Restaurant und erfährt vom Kellner, dass er vor einigen Stunden noch in Begleitung einiger anderer hier gegessen hat, woraufhin er auf der Herrentoilette versteckt ein von ihm verfasstes Tagebuch findet. Offensichtlich hatte er damit gerechnet, sein Gedächtnis zu verlieren. Dann geht alles sehr schnell: Die Polizei taucht auf um ihn festzunehmen, er wird aber von einer Unbekannten, gespielt von Emilia Schüle, gefunden, mit der er fliehen und sich verstecken kann. Dummerweise leidet aber auch die Fremde unter Gedächtnisverlust, scheint ihn jedoch zu kennen. Er muss zu allem Überfluss feststellen, dass er wegen Mordes gesucht wird. Deshalb nimmt er schließlich das Tagebuch zur Hand, um die Hintergründe seiner misslichen Lage zu klären. Offenbar nahm das Unheil in einer Resozialisierungseinrichtung für straffällig gewordene Jugendliche seinen Ausgang.

Dystopische Sci-fi-Visionen gibt es schon länger als die Hauptdarsteller von „Boy 7“, so hat das Genre im Laufe der Jahrzehnte schon Klassiker wie „Blade Runner“, „1984“ oder „Dark City“ hervorgebracht. Neu ist allerdings, dass sich dystopisch angehauchte Jugendbücher und deren Verfilmungen großer Beliebtheit erfreuen, wobei der Hype vor allem durch „Die Tribute von Panem“ ausgelöst worden war, worauf mehr oder minder erfolgreiche Zukunftsvisionen wie „Maze Runner“, „Die Bestimmung“ oder „Hüter der Erinnerung“ folgten. Da war es nur eine Frage der Zeit bis „Boy 7“, der Roman einer niederländischen Autorin, verfilmt werden würde, schließlich erfüllt dieser sehr bemüht das Pflichtprogramm des Genres. Vom Gedächtnisverlust a la „Total Recall“ über die Einweisung in eine Art Internat für Jugendliche bis hin zu einer düsteren Vision rund um Manipulation und Unterdrückung, um eine Gesellschaft, die Anpassung und Konformismus mit aller Macht zu erzwingen versucht. Kurios ist lediglich, dass praktisch parallel zum deutschen Film auch eine niederländische Verfilmung der Romanvorlage gedreht wurde.

Gleichzeitig ist „Boy 7“ aber auch der Versuch, dem gewaltigen Wust an Wohlfühlkomödien, Krimis und Durchschnittsdramen einen deutschen Genre-Film entgegenzusetzen - Sci-fi Made in Germany also. Dieser Aufgabe nahm sich der durchaus ambitionierte Regisseur Özgür Yildirim an, der neben der Rapper-Klamotte „Blutzbrüdaz“ bisher eine „Tatort“-Folge und den Gangsterfilm „Chiko“ verfilmt hatte. Letztendlich ist „Boy 7“ aber nicht das beabsichtigte Beispiel für einen Genrefilm aus deutschen Landen geworden, der mit amerikanischen Vorbildern mitzuhalten vermag, das bleibt vorerst weiterhin dem Hacker-Thriller „Who Am I“ überlassen. Stattdessen ist er ein auf Zelluloid gebannter Beweis dafür, dass die staatlichen Filmförderstiftungen nicht erst durch ein gutes Drehbuch oder ein stimmiges Gesamtkonzept davon überzeugt werden müssen, Steuergelder in ein Filmprojekt zu pumpen. Denn „Boy 7“ scheitert bereits am Drehbuch und das auf allen Ebenen

Ohne kleinere Logikfehler oder narrative Brüche kommt kaum ein Genrevertreter aus und als geneigter Zuschauer ist man meist durchaus bereit, über das eine oder andere Loch in der Logik hinwegzusehen. Doch im Fall von „Boy 7“ sind es vielmehr gewaltige Logikgräben, in denen der Film regelrecht versinkt. Ein gewaltiger Fehler besteht etwa darin, den Film praktisch im heutigen Deutschland spielen zu lassen. Da wäre es aber undenkbar, dass nach dem plötzlichen Hirntod zweier Jugendlicher in einer Resozialisierungsanstalt kein Anwalt und keine Ermittler auftauchen, zumal die ins Gehirn implantierten Chips, welche für den Tod verantwortlich waren, bei einer Obduktion wohl gefunden worden wären. Überhaupt wäre eine faschistoide Anstalt wie die hier gezeigte im heutigen Deutschland undenkbar, es fehlt neben einem klaren Ortsbezug vor allem ein sinniger politischer, gesellschaftlicher und historischer Kontext, so bleibt vieles im luftleeren Raum. Das Geschehen ist in der Konsequenz von Anfang an derart unglaubwürdig, dass man sich nicht so recht in diese Zukunfts- oder auch Gegenwartsvision einzufinden vermag. Im Roman sowie der niederländischen Verfilmung spielt sich das Geschehen dagegen in einem Polizeistaat ab und der Protagonist ist ein linker Widerständler, kein kleiner Hacker, dessen Straftat darin besteht, in den Schulrechner eingedrungen zu sein. Mit diesem Background hätte man aus der Grundidee wohl zumindest solides Mittelmaß herausholen können.

Katastrophal sind darüber hinaus aber auch die kleineren Brüche und Fehler, die man wohl mitschreiben müsste, um sie an dieser Stelle alle dokumentieren zu können und die vor allem in der Summe ein permanentes Ärgernis darstellen. Da werden also Computerchips in Windeseile hinter das Ohr geschoben, von wo aus sie dann per Funksignal das Gehirn steuern, was dann ja eigentlich auch aus größeren Entfernungen möglich sein müsste. Klingt doof? Geht noch doofer: Am Ende überlebt eine Protagonistin eine Art Explosion in ihrem Kopf, einen gigantischen Schlaganfall also, und ist wenige Stunden später schon wieder putzmunter. Jede Geschichte über Chemtrails wäre in ihren Prämissen jedenfalls glaubhafter gewesen, hätte die Gesetze von Biologie und Physik nicht derart mit Füßen getreten. Über andere Fehler kann man sich dagegen vielleicht noch amüsieren. Zum Beispiel über die Hacker-Szenen, in denen ganz offensichtlich einfach blind auf die Tastatur gehauen wird, über den peinlich schlechten Einsatz der Schach-Spiele im Film oder darüber, dass lediglich ein einsamer Streifenwagen geschickt wird, um einen Mordverdächtigen zu fassen, obwohl doch bei manch einem Tankstellenüberfall schon mehrere SEK-Einheiten ausrücken. Außerdem befremdet es lange, dass die Jugendlichen in der von Grund auf suspekten Anstalt nicht schon viel früher Verdacht schöpfen, schließlich verlieren dauernd Insassen ihr Gedächtnis, können sich nicht mehr an die anderen erinnern. Interessant ist auch, dass die Jugendlichen erst mit Drill und allen möglichen sonstigen Anstrengungen gefügig gemacht werden, obwohl die eingepflanzten Chips dieses Problem doch viel galanter lösen. Was vergessen? Ach ja: Es gibt noch eine aufgesetzte Liebesgeschichte, größtenteils vorhersehbare Wendungen und ganz viel Schwarz-Weiß-Malerei zu sehen.

Yildirim inszeniert den Film meist sehr dynamisch, zeigt den Anfang der Geschichte aus der Egoperspektive mit Wackelkamera, verwendet schräge Kameraansichten, setzt auf schnelle Schnitte und baut auch Unschärfen ein, sodass manche Sequenzen tatsächlich wie diffuse Erinnerungsfetzen wirken. Nach eigenen Angaben orientierte er sich dabei am deutschen Expressionismus aus Weimarer Zeiten, was man als gewagt und spannend empfinden kann oder aber als überstilisierte Musikvideo- bzw. Werbefilmästhetik. Narrativ geht es bei Yildirim zügig auf gleich zwei Zeitebenen zur Sache, sodass eigentlich permanent etwas passiert und keine Längen aufkommen. Doch eine miserable Geschichte bleibt eine miserable Geschichte, unabhängig davon, wie sie erzählt wird. In der Hauptrolle gibt es dabei einen wie immer etwas hölzernen und in diesem Fall tendenziell fehlbesetzten David Kross zu sehen, der etwa ungerührt zur Kenntnis nimmt, dass das Gedächtnis seiner Mentorin soeben gelöscht wurde. Dagegen spielt Emilia Schüle ordentlich. Der entfesselte Jens Harzer gibt derweil mit voller Hingabe ein eindrucksvolles Feindbild ab und trägt dabei so dick auf, dass er tatsächlich an einen Bösewicht aus Stummfilmzeiten erinnert. Das sieht gut aus, erstickt aber auch die letzten moralischen Grautöne, die der Film durchaus hätte gebrauchen können. Lobend wäre noch die überzeugende Liv Lisa Fries zu erwähnen, welche die Mentorin von Boy 7 verkörpert, als solche aber leider nur in einer kleineren Nebenrolle zu sehen ist.

Fazit:
Man muss diesem deutschen Genrefilm, der einen Platz auf der langen Liste der an ein jugendliches Publikum gerichteten Dystopien einnimmt, schon sehr wohlwollend gegenüberstehen, um über die groben Logiklöcher und Fehler hinwegsehen zu können. Unverzeihlich bleibt aber auch dann, dass die Macher „Boy 7“ und die in ihm gezeigten Zustände weder politisch, gesellschaftlich, noch räumlich verorten, ihn stattdessen im heutigen Deutschland spielen lassen, wo die faschistoide Rehabilitationsanstalt wie ein einziger großer Fremdkörper wirkt. Und eine Zukunftsvision, die derart unglaubwürdig daherkommt, die kann letztendlich nur scheitern, wenngleich der Regisseur sich durchaus müht.

21 %

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