Review

kurz angerissen*

Nach „Boro in the Box“ (2011), einer fiktiven Filmbiografie über den polnischen Regisseur Walerian Borowczyk, ist „Notre-Dame des Hormones“ der zweite Kurzfilm von Bertrand Mandico, der höhere erzählerische Ambitionen zu erkennen gibt. Mit einer Gesamtspielzeit von über 30 Minuten ist nicht mehr jede einzelne Sekunde bis ins Detail arrangiert, wie in seinen 10-Minütern. Dauer-Muse Elina Löwensohn bekommt mit Nathalie Richard eine zweite Hauptfigur zur Seite gestellt, so dass sich der filmische Monolog zu einem Dialog entwickelt, was wiederum Raum öffnet für Dynamik und Improvisation im Zusammenspiel der beiden Frauen.

Was natürlich nicht bedeutet, dass nicht auch dieses Werk bis zum oberen Rand behangen ist mit glitzernden Juwelen und kruden Organen. Ein Landhaus in einer wuchernden Dschungelwelt dient als Requisite. Nackte Statisten stehen als Dekorelement oder Einrichtungsgegenstand in der Gegend herum, im Wald kann auch mal ein gigantisches Auge liegen. Durch all den Zierrat und die surrealistische Gestaltung des Hauses fühlt man sich ein Stück weit an den griechischen Experimentalfilm „Singapore Sling“ erinnert, nur dass diesmal alles in Farbe erblüht, als solle die Fruchtbarkeit der brütenden Luft betont werden.

Mandico beschreibt in der ihm eigenen Art eine polyamore Beziehung zwischen den beiden Frauen und einem haarigen Fleischsack mit Stiel, bei dem es sich offenbar eine Objektifizierung des männlichen Geschlechts handelt. Bei dem kümmerlichen Ding könnte es sich genauso gut um eine Requisite aus einem Cronenberg-Film der „Videodrome“-Ära handeln. Die Eifersucht der Frauen aufeinander sorgt als Antrieb für die schnell eskalierende Handlung, die sich zunehmend in einen eskalierenden Alptraum verwandelt.

Diesen illustriert Mandico wie gewohnt kreativ vielseitig: Gigantische Rückprojektionen bäumen sich unmittelbar vor den klein wirkenden Darstellern auf, schrille Zwischensequenzen lassen das Adrenalin in die Höhe schießen. Gerade weil Mandico erste Versuche mit der Analyse von Gruppendynamiken macht und sich zudem des Themas hormoneller Veränderung (im Sinne von Gender-Fluidität) annimmt, wirkt „Notre-Dame des Hormones“ wie die Blaupause für „The Wild Boys“ und nimmt entsprechend viele von dessen Qualitäten bereits vorweg.


*weitere Informationen: siehe Profil

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