Dario Argentos Debutfilm nach Kenntnis seiner späteren Werken zu betrachten, kann der Zuschauer eigentlich nur enttäuschen. Auch in seinem Fall zeigt sich im Verlauf seines Film-Werks ein deutlicher Reifungsprozeß mit stets wachsenen Fähigkeiten in punkto Kamera, Schnitt, Musik, Spannung und Storytelling. Trotzdem kann das "Geheimnis der schwarzen Handschuhe" als typisches Beispiel für die blühende Zeit des Giallos Ende der 60er, Anfang der 70er genommen werden.
Inhaltlich kommt der Film mit all den typischen Zutaten des Stalk'n Slash-Genre daher, dem Serienkiller, dessen Motiv psychologisch in einem Trauma begründet ist; dem Helden, der ungewollt in das Geschehen gerät und trotz Bedrohung auf eigene Faust den Fall klärt, die überforderte Polizei, die Morde auch aus der Sicht des Mörders, das klassische Whodunit-Spielchen mit überraschender Aufklärung und weiterführendem Plot-Twist, das hanebüchene Motiv und viele schräge mögliche Verdächtige.
Argento inszeniert das Ganze so routiniert, daß man kaum an ein Debut glauben möchte (offenbar war er an anderen Genrebeiträgen schon beteiligt), allerdings fehlen ihm noch die nötigen Feinheiten und das "Besondere", daß seine späteren Filme auszeichnet.
Relativ platt damals seine Schauspielerwahl, doch damit sollte er selten ein wirklich glückliches Händchen beweisen, denn Argentos sind selten Schauspielerfilme, sondern mehr optische Kompositionen. Tony Musante ist wahrlich kein emotionaler Darsteller, sondern sonst eher ein fröhlicher Haudrauf, weswegen er sich auch mimisch kaum von anderen unbelebten Objekten wie Bäumen, Autos und Porzellan unterscheidet. Leider bietet auch die deutsche Synchro kaum Hilfe an, denn Rainer Brandt höchstpersönlich leiht völlig unpassend Musante seine Stimme. Brandts Bärenorgan (Tony Curtis in "Die Zwei") paßt denn auch besser in Spencer/Hill-Komödien, denn in einen atmosphärischen Thriller. Auch sonst gibt es noch Aussetzer wie den einsitzenden Zuhälter, ebenfalls eine Witzstimme ersten Ranges. Schauspielerisch gibt es auch sonst kaum Höhepunkte. Suzy Kendall als Musantes Freundin ist ein nervtötendes Klischeeweibchen und raubt dem Zuschauer den letzten Nerv, als sie vom Killer bedroht wird, komplett mit Versagen der gesamten Motorik (auf einmal kann sie nur noch kriechen), Heulattacken und unidentifizierbaren Gewimmere. Etwas besser E.M.Salerno als Polizist Morosini, der sogar etwas Profil entwickelt. Der Rest der Rollen ist kaum erwähnenswert, außer vielleicht Mario Adorf, als komplett durchgeknallter Maler, der Musante ungeahnt mit Katzenragout füttert.
Der Fortgang der Geschichte ist leider nur sehr langsam, dafür mit regelmäßigen Morden und weiteren Attacken auf Musante und Kollegen gespickt. Außerdem hängt sich Argento zu sehr an den entscheidenden Hinweis aus Musantes fehlendem Erinnerungsvermögen, der ihm dramaturgisch passend erst zum Showdown wieder einfällt (eine satte Kopie dieser Idee findet sich, ebenso wie das mörderische Bilderrätsel, in "Profondo Rosso" wieder). Die (eh wenig logische) Aufdröselung des Falles geschieht beinahe nebenher und der Zuschauer ahnt schnell mehr, als Musante folgern kann.
Wahrhaft gelungen ist die Schlüsselsequenz zu Beginn, wenn Musante den Mordversuch in dem hellerleuchteten Atelier mitansieht und zwischen den Fensterscheiben gefangen wird. Schön sinnbildlich für den weiteren Verlauf, ist hier Argentos Meisterschaft für unheimliche Szenen schon voll entwickelt. Der Mann in Schwarz, das weibliche Opfer, die fast schmerzende Helligkeit des Ateliers, daß ausgestattet ist mit absolut monströsen und infernalischen Skulpturen und eine Menge Blut, rot auf weiß, ein starker Kontrast. Argento läßt sich hier Zeit, wohl wissend, daß es sein stärkstes und aussagekräftigstes Set ist.
Der Rest ist eher mittelmäßige Routine, der Härtegrad hält sich ebenfalls noch in Grenzen, wenn auch hier und da schon ordentlich mit der Klinge zur Sache gegangen wird. Auch der Showdown wird wieder in das Atelier verlegt und zwar dramatisch okay, aber logisch an den Haaren herbeigezogen durchgeführt.
Somit gelingt Argento hier lediglich ein grundsolider Giallo mit allen Stärken und Schwächen, die dem Genre ständig vorgehalten werden. Praktisch denselben Film hat Argento mit Profondo Rosso noch einmal (und besser) gedreht, als seine inszenatorische Meisterschaft schon entwickelt war. Trotzdem kann man schon hier viele Elemente entdecken, die es auch in späteren Filmen zu bewundern gab.
Kein Wunderwerk, aber solides Spannungskino mit einigen dramaturgischen Längen. (7/10)