Review

Ein Bündnis fürs Leben: Argento und der Giallo - Plausibility Missing Part 1


„Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe"

Wenn Kleidungsstücke Geheimnisse haben können, dann weiß man sofort, zu welcher Zeit und in welchem Genre man sich befindet. Geheimnisse, Rätsel... im Spannungskino der späten Sechziger und der Siebziger ging es stets mysteriös zu. Und eben die Mysteriösität war bestens dazu geeignet, die Untiefen und Riffs italienischer Narration zu Umschiffen, bzw. ganze Filme darüber hinwegzutragen.

Dabei ist der deutsche Titel um die geheimnisumwitterte Handbekleidung lediglich der vermarktungsbedingten Verschmelzung deutschen Krimikinos mit dem italienischen Giallo zu verdanken, denn dem über 12 Jahre dressierten deutschen Kinopublikum sollte der Übergang von der Wallace-Stangenware hin zum italienischen Genrekino einfach gemacht werden, wie „Das Geheimnis der grünen Stecknadel" 1972 dann in aller Konsequenz zeigte. 
Aus dem italienischen Übersetzt würde der Film grob „Der Vogel mit dem kristallenen Gefieder" bedeuten, was dann auch die Zusammenfassung der ersten drei Argento-Gialli als „Tier-Trilogie" erklärt, die sich folglich im Deutschen so gar nicht erschließt. Vogel, Katze und Fliegen also.

Neben der tierischen Komponente bei der Namensgebung verbindet alle Argentos allerdings ein weiteres wesentliches Merkmal: Sie sind alle gut!

Bereits in seinem Erstlingswerk zeigt uns der Regisseur, wie sehr er sich darauf versteht, eigentlich plakative Filme optisch so zu veredeln, dass sie einen ganz eigenen Drive entwickeln, der durchaus etwas Soghaftes an sich hat und den Zuschauer über die gesamte Laufzeit bei bester Laune hält. Zwar versuchten dies auch andere Regisseure, aber an die Sorgfalt und visuelle Schaffenskraft eines Dario Argento reichte keiner von ihnen heran, soweit ich dies im Moment beurteilen kann. Der Film an sich und insbesondere das Genre sind hier Spielwiese für Argento, der sich austobt und Sequenzen erschafft, die atmosphärisch unglaublich dicht sind und es so schaffen, etwaige Flecken elegant zu übertünchen. Der Beginn mit dem Mord in der Gallerie ist von so schöpferischer Kraft, dass man sich sofort fragt, warum eigentlich das italienische Kino irgendwann in der Bedeutungslosigkeit verschwand, bzw. warum Argento nicht irgendwann direkt für die großen US-Studios drehte, die seine Filme als Nischenprodukt auf dem US-Markt vertrieben und ja auch durchaus Mitspracherecht bei der Produktion hatten. Sein Kameramann Vittorio Storaro lieferte hier hier jedenfalls eine Arbeit von überragender Güteklasse ab und empfahl sich so beispielsweise für Coppolas "Apocalypse Now", was angesichts der optischen Werte nicht weiter verwundert. 

Wie sehr hier stilistische Merkmale überwiegen, fällt mir gerade deswegen besonders auf, weil ich in kurzen Abständen mehrere Gialli gesehen habe und es mir sehr schwerfällt, diese in der Erinnerung zu trennen. Inhaltlich folgt Argento einem sich stets wiederholenden Muster, wenn ein unbeteiligter, kreativ arbeitender junger Mann vollkommen unerwartet in immer etwas unübersichtiche Geschehnisse gezogen wird, die alsbald zu einer konkreten Bedrohung für ihn selbst oder seine Liebste oder das gemeinsame Umfeld werden. Schließlich müssen ja auch Leute, genauer: meist junge Frauen, sterben.
Dabei werden dann Spannungssequenzen aneinandergereiht, die lose durch die Handlung verbunden sind, die wiederum mit einem oftmals angeklatscht wirkenden Ende mit Hilfe einer psychologischen Erklärung abgeschlossen wird. Das Buffet wirkt insgesamt etwas zusammengewürfelt, hält aber bei genauerem Hinsehen außergewöhnliche Leckerbissen bereit, muss letztlich aber mit einen Magenbitter beendet werden, damit alles an seinen Platz rückt.

Zwar gab es den psychologischen Nachklapp auch schon in Hitchcocks „Psycho" zehn Jahre zuvor, aber der wirkte eher wie eine Zusammenfassung dessen, was einem der Film bis dahin sehr elegant schon erzählt hatte. An diese Eleganz kommen Gialli allerdings nie heran und oft ist wird Spiel mit falschen Spuren so ausgedehnt, dass man bis zum klärenden Nachgang gar nichts weiß. Die Erklärung selbst ist in „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" belanglos und der Film hätte tatsächlich auch anders aufgelöst werden können. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Gialli bin ich bei Argento grundsätzlich immer gerne bereit, die Logiklöcher zu übersehen, wenn denn der Rest stimmt und das tut er hier. Im Vergleich zu seinen weiteren Werken muss man hier feststellen, dass die Diskrepanz zwischen handwerklicher und narrativer Güte zwar zu erkennen ist, aber den Filmgenuss nicht unentwegt stört, wie es in späteren Werken Argentos beinahe chronologisch wachsend ein Problem sein wird.

Das, was auf der narrativen Ebene für Spannung sorgt, ist in diesem konkreten Fall das Gefühl des Protagonisten, etwas Wichtiges übersehen zu haben, bzw. die Lösung des Falles bereits zu kennen. Argento spielt hier, wie auch später in „Vier Fliegen auf grauem Samt" mit der Wiederholung einer Sequenz, in der das Geheimnis verborgen liegt. Während in „Vier Fliegen..." eine Traumsequenz verwendet wird, zeigt er sich hier noch deutlich bodenständiger, indem er die Eingangsszene wiederholt, was dem Film gut tut. Die Lösung liegt bereits im Anfang und muss auch nicht von einer Person psychologisch ausgedeutet werden. Der Teufel steckt hier im Detail, was auch ein guter Giallo-Titel wäre, und fertig.

Angereichert werden die Spannungs- und Mordszenen unter anderem von einem Mario Adorf, der hier einen sehr verschrobenen Katzenliebhaber spielt. Diese Sequenz ist interessant, aber ich bin mir nicht sicher, dass sie überhaupt irgendwas Sinnvolles zur Handlung beiträgt... Typisch Giallo.

Ennio Morricone arbeitet hier als Komponist sehr solide, ist aber auch entfernt von seinen ganz markanten Themen, wodurch der Eindruck eines Massenprodukts, das aber von besonderer Machart ist und sich so vom Einheitsbrei abhebt, nochmals verstärkt wird.


 Fazit

„Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" ist ein optisch oftmals beeindruckender Giallo aus der recht kurzen Hochphase des Genres und ein durchaus empfehlenswerter Beitrag, der bereits zeigt, wie begnadet Argento darin ist, Beklemmung und Bedrohung zu visualisieren, wenn er seine Figuren in einer aus den Fugen geratenen Welt beinahe verschwinden lässt. Wenn man weiß, dass Logik im Figurenverhalten und schlüssige Handlungsverläufe im Giallo immer dem Bedienen zentraler Elemente des Genres untergeordnet wurden, dann findet man hier einen gelungenen Vertreter, der eventuell auch diejenigen interessieren könnte, die sich nicht als Fans italienischen Genrekinos bezeichnen würden. Für Letztgenannte aber ist der Film natürlich ein stilbildendes Highlight.

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