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„Der (Es)Sprit wird langsam knapper -  Karl May´s Der Ölprinz"

Der Erfolg von „Unter Geiern" hatte bewiesen, dass an Winnetous Seite auch noch Platz für einen zweiten kernigen Westmann ist. Stewart Grangers ironisch-gewitzte Interpretation der Old Surehand-Rolle mag eingefleischte May-Jünger ob der offenkundigen Vorlagenuntreue wenn nicht verärgert, so mindestens irritiert haben. Das Gros der damaligen Kinozuschauer fand allerdings großen Gefallen an der Leistung des früheren Hollywood-Stars und machte auch Winnetou-Film Numero fünf zu einem Kassenschlager. Das traf sich insofern prächtig, da Lex „Old Shatterhand" Barker erneut für Horst Wendlandts Produzenten-Konkurrenten Arthur Brauner auf weniger ausgetrampelten May-Pfaden wandelte und somit nicht zur Verfügung stand. Schließlich musste Wendlandt mit der geplanten Verfilmung von „Der Ölprinz" gleich wieder die Shatterhand-Figur austauschen. Dank der gelungenen Generalprobe mit „Unter Geiern" dürfte ihm nun allerdings die „Surehand-Einwechslung" deutlich weniger Kopfzerbrechen bereitet haben.

Aber Barker war nicht der einzige, anderweitig gebundene „Key Player". Auch die bewährten Regisseure Harald Reinl und Alfred Vohrer waren ausgebucht, so dass Wendlandt den bis dato relativ unbekannten Harald Philipp engagierte. Der ergriff freudig die Karriere-Chance und sprang auch gleich noch als Co-Autor in Sachen Drehbuch ein. Dieses erkennbare Engagement zeigte aber leider nicht die gewünschte oder erhoffte Wirkung. So fügte sich das Endergebnis zwar stimmig in den Kontext der bisherigen May-Verfilmungen, lies aber eine eigene Handschrift vermissen und konnte auch nicht die jeweiligen Stärken der Vorgänger zumindest kopieren. Während Reinl es trefflich verstand die atemberaubende Landschaft zu nutzen und ein romantisch-märchenhaftes Flair zu erzeugen, Vohrer voll auf Action, Tempo und Timing setzte, reichte Philipp in beiden Fällen nicht an die Vorbilder heran und versäumte es zudem, den May-Kosmos um eine neue, persönliche Note zu bereichern.

Lediglich solide Alltagskost bietet auch das Skript. Wieder einmal wurde der Roman ordentlich entschlackt und auf ein paar wenige Figuren und Handlungselemente reduziert. Wieder einmal versucht ein ebenso skrupelloser wie findiger Schurke mitsamt Banditenbande, einen Keil zwischen gutgläubige Indianer und noch gutgläubigere Weiße (Siedler) zu treiben um die eigene Profitgier zu befriedigen. Und wieder einmal obliegt es dem beherzten Eingreifen des Heldenduos Winnetou und Old Surehand, den gefährdeten Frieden zu retten und die perfide Schurkerei zu entlarven.
Dass dieses inzwischen doch arg strapazierte Handlungsgerüst nicht im Staub narrativer Ödnis landet, liegt an den souverän aufspielenden Protagonisten und deren beherztem Schlagabtausch. Vor allem Harald Leipnitz als „Titelheld" Ölprinz gibt einen famosen Bösewicht, der seinen Verbrechertrupp vom Hotelzimmer aus wie Schachfiguren dirigiert und seine Gegner mit fintenreichen Winkelzügen ausmanövriert. Mit den besten May-Schurken Herbert Lom und Mario Adorf kann er jedenfalls ohne weiteres mithalten, zumal er als genüsslich boshafter Strippenzieher  mitsamt stummem Messerwerfer-Henchman das Bad-Guy Kaleidoskop um eine weitere Facette bereichert.

Sein Gegenpart Stewart Granger überzeugt auch in seinem zweiten Surehand-Auftritt mit Lässigkeit, Ironie und Souveränität. Insgesamt geht er den Part etwas ernsthafter an als in „Unter Geiern" und behandelt auch Winnetou weniger kumpelhaft. Ob die gegenseitige Aversion der beiden Darsteller, Philipps Regie(anweisungen), oder die teilweise geäußerte Kritik an Grangers nicht unbedingt May-getreuer Surehand-Interpretation hier ausschlaggebend gewesen waren, ist  heute nicht mehr zu klären und letztlich auch unerheblich. Die zarte Neujustierung ist jedenfalls kein Nachteil für den Film, zumal Grangers ernsteres Auftreten auch seinen Gegner in puncto Gefährlichkeit und Relevanz aufwertet.
Natürlich kommt das vordergündig komische Element auch in „Der Ölprinz" nicht zu kurz, schließlich darf Milan Sdorc´ erneut als trotteliger Scout Old Wabble in jedes Fettnäpfchen treten, welches das in dieser Hinsicht durchaus großzügige Drehbuch bereit hält. Unterstützung erhält er von Wortakrobat und Vollblutkomiker Heinz Erhardt, der als Kantor Aurelius Hampel eine wild-West-Oper komponieren will. Erhardt spielt seine Paraderolle als wortgewandter Schelm mit der ihm eigenen, fröhlichen Herzlichkeit und federt damit den deutlich banaleren Klamauk Old Wabbles wohltuend ab.

Für den nötigen Ernst sorgt schließlich wieder Pierre Brice als Winnetou, obgleich er sich dem insgesamt leichteren Ton der Surehand-Filme anpasst und vergleichsweise häufig lächelt. Etwas aufgesetzt und unpassend pathetisch wirkt deshalb auch der Einfall, jeden seiner Auftritte laut dröhnend mit Martin Böttchers schwelgerischen Erkennungsmelodie zu untermalen. Dabei fällt umso deutlicher auf, dass Winnetou nicht allzu viel zu tun bekommt und wohl hauptsächlich für das typische May-Flair sorgen soll, das ansonsten nur noch von Böttchers gelungenem Soundtrack erzeugt wird.
Wenigstens darf der unangefochtene Publikumsliebling im Actionhöhepunkt des Films eine tragende Rolle spielen und eine Handvoll Siedler auf einer unfreiwilligen Wildwasser-Floßfahrt vor dem sicheren Ertrinken retten. Stunt Director Allan Pinson hat bei dieser Sequenz ganze Arbeit geleistet und im Verbund mit einheimischen Flößern einen rasanten Schauwert geliefert. Aufgrund der Gefährlichkeit von Choreographie und Location mussten die Nahaufnahmen mit den Darstellern im Studio vor einer Leinwand nachgedreht werden. Die dabei deutlich sichtbaren Rückprojektionen fallen nach heutigen Sehgewohnheiten sicher negativ auf, waren aber zur damaligen Zeit Usus und vor allem im Farbfilm nicht viel besser zu lösen.

Trotz der kompetent umgesetzten und (schau)wertigen Floß-Sequenz ist allerdings das niedrigere Budget im Vergleich zu den früheren Rialto-Produktionen nicht zu übersehen. Besonders augenfällig wird der Sparkurs gleich zu Beginn. So griff man für den Anschlag des Titelschurken auf die Ölfelder eines Konkurrenten auf Material aus Winnetou II (das brennende New Venango) zurück und lies die Darsteller vor der entsprechenden Rückprojektion agieren. In diesem Stil geht es dann auch im Rest des Films weiter. So spielt sich ein Großteil des Films an lediglich zwei Schauplätzen (Wagenburg der Siedler am See und die Westernstadt Tucson) ab, die zudem wenig spektakulär und im Fall von Tucson (Golden Hill in „Old Shatterhand") bereits standen. Letztere musste lediglich leicht überholt und mit ein paar neuen Schildern versehen werden. Deutlich spartanischer und übersichtlicher fielen auch die beiden Indianerdörfer der Navajos und Komantschen aus. Schließlich gab es auch erkennbar weniger Statisten in Indianerkostümen bzw. Siedler- und Banditenkluft auszustaffieren.
Alles ist also eine Nummer kleiner geraten und damit entweder Sinnbild für Wendlandts schwindendes Vertrauen in den ganz großen Erfolg, oder in seine Absicht das Maximum an Gewinn heraus zu quetschen. Konnten Vohrer und vor allem Reinl noch den B-Charakter der Narration mit enormen Tempo, zahlreichen Actioneinlagen und fantastischen Landschaftspanoramen übertünchen, tritt er in „Der Ölprinz" erstmals relativ deutlich zu Tage. Der  vormals glänzende Lack begann zu bröckeln und konnte nur zwischenzeitlich mit Reinls Finale der Winnetou-Trilogie kurzfristig überpinselt werden, bevor er mit „Old Surehand" endgültig abzublättern begann.

Immerhin reichte es auch diesmal noch für die goldene Leinwand, so dass zumindest Wendlandts wirtschaftliche Rechnung aufging. Das Winnetou-Fieber grassierte nach wie vor und trotzte auch einem qualitativ nachlassenden Abenteuer wie „Der Ölprinz". Es ist ohnehin fraglich, ob ein durchgehend höherer Standart und ein geringerer Ausstoß die May-Serie länger am Leben gehalten hätten. Die zeitgleich beginnenden Erfolge der zynisch-brutalen Italo-Western Sergio Leones sowie eine sich spätestens Ende der 1960er Jahre deutlich ändernde Kinolandschaft sprechen eher dagegen. Aber noch war es nicht soweit und Harald Reinl hatte wenigstens noch einen garantierten Volltreffer-Pfeil im Köcher. Dass dies sowohl für die Figur Winnetou wie auch für die Karl-May-Film-Serie gelten sollte, war auch damals schon abzusehen. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

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