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Allie, Sohn eines namenlosen Vaters und einer geistesgestörten Mutter, hat keine Heimat. Verloren zieht er durch die trostlosen Straßen New Yorks, aus denen nur hier und da ein kleiner Lichtschimmer in Form eines kurzen Gesprächs oder eines Saxophonspielers hervorsticht. Mit traumwandlerischer Leichtigkeit ignoriert Allie all die Trümmer aus Stein und Mensch, die an ihm berührungslos vorbeiziehen. Es ist kein glückliches Leben, das er führt, doch kann er nicht anders: Er ist rastlos; verweilt er zu lange an einem Ort, weicht das Gefühl des Neuen einer bodenlosen Angst und Stimmen befehlen ihm, weiterzuziehen. Dies alles erzählt Allie dem Zuschauer in gleichgültigem Ton, während in Diashowmanier seine bisherigen Wohnorte gezeigt werden, die meist trotloser Natur sind.
Doch ist Allie nicht verzweifelt oder besonders unglücklich. Er scheint sich mit diesem unsteten Leben abgefunden zu haben und zieht die zeitlose Gleichgültigkeit seines Daseins einer Konfrontation mit dem Hier und Jetzt vor. Denn wer weiß, was zutage treten würde? So steigert sich Allie beim Tanz in eine entrückte Manie oder hört beim Gang durch die Ruinen seine Geburtsortes Kriegsgeräusche - die Chinesen greifen an! Dann wieder scheint er völlig normal, ein Halbstarker, etwas verloren zwar, aber durchaus nicht auf den Kopf gefallen. Er geht in's Kino, träumt von seinem eigenen Auto und stiehlt schließlich gar eines, nur um seine Weiterreise finanzieren zu können - nach Paris.

Jim Jarmusch hat in diesem Film offensichtlich autobiographische Elemente eingebaut. Schließlich zog er mit 17 Jahren (Allie ist 16) selbst nach New York, dort durch die Kinos, und drehte nach erfolgreichem Filmschulabschluss diesen Film. So ist Permanent Vacation zunächst ein Porträt New Yorks, der Stadt, in der Jarmusch seine Filmkarriere begann und die ihn prägte. Dabei ist seine Darstellung wahrlich nicht lobhudelnd, aber trotz ihrer melancholischen, düsteren Art auch nicht negativ. Dazu ist der Stil des Films viel zu traumhaft, viel zu tranceartig, viel zu touristisch: Nicht nur Allie, auch der Zuschauer befindet sich auf einer dauerhaften Reise - zumindest über die gesamte Laufzeit des Films. Das Pacing trägt einen ganz besonderen Teil dazu bei. Auch wenn häufig noch Unebenheiten im Schnitt zu verzeichnen sind, einige Passagen zu lang, andere wiederum zu kurz scheinen, so findet sich hier doch ein bemerkenswertes Gespür für den Aufbau des Schwebezustands, in dem Allie sich fortwährend befindet.
Die Musik ist ein weiterer wichtiger Bestandteil des Films. Abwechslung gibt es dabei nicht viel, wir haben es entweder mit albtraumhaften Schlägen auf dumpfe Metallrohre zu tun (die, ich bitte den seltsamen Querverweis zu entschuldigen, mich stellenweise an Silent Hill oder auch Tetsuo erinnern), oder aber mit Saxophonimprovisationen, in denen immer wieder der Beginn von "Over the Rainbow" variiert wird. Dies ist das Spiel eines guten Freundes von Jarmusch, John Lurie- nicht nur hinter, sondern auch vor der Kamera. Auch später gehört er zu Jarmuschs Stammcrew. Die Musik, so minimalistisch sie daherkommt, spielt eine wichtige Rolle in diesem Film, ist sogar mit Allies Geschichte verwoben. Der Minimalismus zieht sich durch die gesamte Produktion des Films und ist ihr typisches Merkmal. Die leeren, weiten Kulissen und die selten auftretenden Menschen sind zudem von einer "natürlichen Dreckigkeit", die viel mehr an das Kino der 70er Jahre erinnert als an die 80er, zu deren Beginn der Film gedreht wurde. Es ist deutlich zu sehen, dass der Film seine Wurzeln in den frühen Filmjahren von Jarmusch hat.

Schließlich trifft Allie trotz all seiner Einsamkeit einen Leidensgenossen, der aus der Richtung kommt, in die der Junge fliehen möchte, und mit ihm die Notwendigkeit der ewigen Reise teilt. So kann ihr Zusammentreffen, das zunächst fast wie eine Erlösung wirkt und die intensivste Begegnung Allies mit einem anderen Menschen ist, nur kurz andauern - bald schon ist er auf dem Weg nach Paris und die Skyline New Yorks schwindet im Hintergrund dahin.

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