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WHa-aaY… WHa-aaaY… so setzt Stand-Up-Comedian Gregg Turkington in Person seines Alter Egos Neil Hamburger mit verzogenem Gesicht und nasaler Intonation immer wieder zu einer Frage an, die er kurz darauf selbst mit einer Pointe zu beantworten gedenkt, um dem Publikum mühsam ein Lachen zu entlocken. Erfolglos. Tjaja, vertraut man diesen kauzigen Charakter nun ausgerechnet der Regie von Rick Alverson an, kann dabei selbstredend nur eine armselige Kreatur der Nacht porträtiert werden, die von fahlen Scheinwerfern mit kränklichem Licht bestrahlt, mit Drinks beworfen und von verächtlichen Blicken gestraft wird.

Warum, ja, warum aber für diese inoffizielle Neil-Hamburger-Biografie namens „Entertainment“ ein extremes Widescreen-Format einsetzen? Wie könnte ein solches nicht zu viel der Ehre sein für einen stocksteifen Comedian, der mit der Motivation eines Krusty the Clown durch den Norden Amerikas tourt und das bereits zum Auftakt erschreckende Niveau seiner Gags mit jedem weiteren Auftritt unterbietet, die Schere zwischen Anspruch und Ergebnis immer weiter öffnet? Wo Regisseur Alverson in seinem Vorgängerwerk „The Comedy“ den sarkastischen Großkotz Swanson (Tim Heidecker) noch mit dem Reality-Touch einer Großstadt-Mockumentary inszenierte, Stil und Inhalt folglich also nah beieinander lagen, ergeben sie in „Entertainment“ einen enormen Kontrast. Als Turkington in der Eröffnungssequenz einen Flugzeug-Friedhof besucht, ist das Cinemascope mit enormen Weitwinkelaufnahmen der umliegenden Ödnis regelrecht greifbar… und der metaphorische Gehalt bei seinem Gekrabbel in den Eingeweiden der Flugkörper von erschlagender Wirkung.

Warum also, ja warum kein plumpes Vollbildformat, passend zu den billigen Locations und den armseligen Hotelzimmer-Fernsehern, die in bizarren Momenten zwischen den Auftritten endlose Stille geisterhaft ausleuchten? Na, weil eben nichts so sehr die Armseligkeit eines einsamen Mannes unterstreicht wie die majestätische Größe des Nichts um ihn herum. Mit Western-Romantik jedoch hat das Ganze nichts zu tun, denn so viel Würde wie ein Clint Eastwood im roten Licht des Sonnenuntergangs kennt ein Berufskomiker nicht einmal vom Hörensagen. Der permanente Zwang zum Witzigsein und das Bewahren der Bühnenmaske (tatsächlich soll es zwischen Regisseur und Hauptdarsteller Uneinigkeit darüber gegeben haben, ob man die Hauptfigur überhaupt jemals außerhalb ihrer Komödiantenrolle zeigen soll), es betrübt den Entertainer ebenso wie die Bespaßten; und je schlechter der Witz, desto größer der Fremdschäm-Faktor in der Zuschauerschaft. Alverson hat wahrlich Spaß daran, auf der längst zerfledderten Leiche eines toten Gags herumzutrampeln, bis nur noch blutiger Feinstaub übrig ist. So lässt er Tye Sheridan als gar nicht so lustigen Clown bereits in einer der ersten Szenen vor einer Gruppe von Gefängnisinsassen sinnlos auf dem Tisch hüpfen und mit den Händen klatschen. Die Auflösung einer solchen Szene im Lichte Simpson’scher Postmoderne wäre gewesen, den Clown von einem Aufseher noch mitten im Sprung erschießen zu lassen; hier jedoch stimmen die Insassen zögerlich klatschend in den Takt ein. Und der Hauptfigur passiert noch Unbefriedigenderes – minutenlang imitiert sie mit prustenden Lippen Fürze in ein Mikrofon, in der Hoffnung, das Witzlose möge durch seine schiere Verlängerung geistreich werden, die schiefe Note durch beharrliche Wiederholung absichtsvoll… nur um sich als Quittung ein trockenes „dafür bezahlen wir nicht“ abzuholen. Und das zu Recht.

Warum, Waaaarum sind die Witzbolde aus dem dokumentarischen „The Comedy“ und dem cineastischen „Entertainment“ als Gegensätze zu bezeichnen? Weil der erstere eine gesellschaftliche Subkultur repräsentiert, die sich der etablierten Norm mit ätzender Ablehnung gegenüberstellt, während der letztere ein kurioses Einzelschicksal darstellt. Einmal wird die vom Poststrukturalismus zerfressene, nur noch zu einer verzerrten Selbstreflektion fähige Gesellschaftskultur von innen heraus attackiert, einmal aus der Perspektive eines Outsiders; das Ziel bleibt allerdings das gleiche.

Warum aber, warum teilen sie dennoch Gemeinsamkeiten? Nicht nur, weil der eine bei der Entstehung des anderen aktiv beteiligt war (Turkington spielte eine Nebenrolle in „The Comedy“ und Heidecker war am Drehbuch von „Entertainment“ beteiligt). Sondern weil sie ein gemeinsames Schicksal teilen. Worin das liegt? Niemals zu erfahren, weshalb sie mit der fehlenden Resonanz derer gestraft bleiben, die sie zu beeindrucken versuchen. Erneut zieht Alverson seinen Film wie einen langen Witz ohne Pointe auf und lässt ihn unromantisch verenden, ganz ohne die Befriedigung in Form einer Katharsis auszukosten. In gewisser Weise darf man das eine Werk also sogar als eine Verfeinerung des anderen betrachten, mit höheren Produktionswerten, zugkräftigeren Namen in der Darstellerliste und professioneller arrangiertem Nonsens. Einschränkend ist allerdings zu sagen, dass Turkingtons professioneller Komiker eine Odyssee bestreitet, die durchaus kathartische Augenblicke für ihn bereithält, die sich vor allem um das Motiv des Neuanfangs drehen – die Geburtshilfe auf einer öffentlichen Toilette, der Sprung aus einer Torte. Man könnte sagen, wo Heidecker ein Modell verkörperte, da spielt Turkington doch irgendwie einen Menschen.

Und warum, waaaarum ist „Entertainment“ trotzdem ebenso wenig Unterhaltung wie „The Comedy“ eine Komödie? Weil ein im Nichts gestrandeter Komiker nichts Unterhaltsames an sich haben sollte, sondern zum Nachdenken anregen muss. Die langen Pausen, in denen nichts stattfindet außer betretenes Schweigen, geben dazu reichlich Gelegenheit. Mit dem Babumm-Tss-Slapstick, den die Darsteller in ihrem Hauptberufsfeld „Comedy“ betreiben, hat das längst nichts mehr zu tun; sie begegnen ihrer eigenen Antithese in einer Odysee ohne echtes Ziel. Das ist dann wohl Alversons ganz spezielle Kunst des Sadstick.

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