„Du musst sterben, Deborah!“
Der italienische Regisseur Romolo Guerrieri debütierte im Jahre 1961 mit einer Komödie und drehte anschließend drei Italo-Western, bevor er 1968 in italienisch-französischer Koproduktion mit „Der schöne Körper der Deborah“ einen Früh-Giallo umsetzte, der sich als ähnlich genreprägend wie „Blutige Seide“ oder „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ erwies. Großen Anteil hat der umtriebige Ernesto Gastaldi, der zusammen mit Luciano Martino als Drehbuchautor fungierte und nach „Deborah“ u.a. die Drehbücher zu den erfolgreichen, stilbildenden Sergio-Martino-Gialli verfasste.
Die Frischvermählten Deborah (Carroll Baker, „Sylvia“) und Marcel (Jean Sorel, „Malastrana“) verschlägt es in ihren Flitterwochen nach Genf, dem ehemaligen Wohnort Marcels. Doch das junge Eheglück währt nicht lange, denn dort treffen sie auf Marcels alten Bekannten Philip (Luigi Pistilli, „Der Schwanz des Skorpions“), der behauptet, eine gewisse Suzanne (Ida Galli, „Blutspur im Park“) habe sich wegen Marcel das Leben genommen. Daraufhin mietet man sich eine Villa und möchte seine Ruhe haben. Doch seltsame Dinge ereignen sind und böse Anrufe ereilen Deborah, die ihren Tod als Sühne für Suzanne avisieren. Marcel beobachtet, wie sich Deborah mit Philip trifft, der neugierige Nachbar Robert (George Hilton, „Der Killer von Wien“) taucht als ungebetener Gast auf und als Philip die Eheleute nachts überfällt, eskaliert die Situation vollends: Er will Deborah erstechen, doch Marcel kann ihn in Notwehr töten. Aus Angst vor der Polizist lässt er die Leiche verschwinden. Am nächsten Morgen sieht Deborah Philip am Grab stehen – verliert sie den Verstand? Oder ist nicht alles, wie es scheint…?
„Glaubt nur nicht, dass das noch lange gut geht mit euch!“
Vor der schicksalhaften Begegnung mit Philip führt Guerrieri mit Knutschereien am Strand, einer Autofahrt durch die winterliche Berglandschaft und schließlich durch die pulsierende Großstadt mit wunderschönen Aufnahmen in diesen Psychothriller à la italiano ein und setzt bereits auf einen gewissen Erotik-Faktor, indem er Deborah nackt unter der Dusche zeigt und den attraktiven Körper Carroll Bakers auch im weiteren Verlauf immer mal wieder ästhetisch betont. Noch freizügiger geht es im Strip-Club zu, den Deborah und Marcel anschließend besuchen: Ausgiebig umgarnt die Kamera eine schwarze Tänzerin. In der Folge arbeitet Guerrieri u.a. mit Rückblenden, um der Handlung ein Fundament zu verleihen. Die erste dieser Art, die Marcels Zeit mit Suzanne zeigt, fiel dabei indes recht kitschig aus. Davon jedoch ist im weiteren Verlauf immer weniger mehr zu spüren; der Film gewinnt zunehmend an Biss, wird jedoch mittels Tanzszenen auf Länge gebracht: Eine langer Tanz in einer Disco mit Batman-Comic-Deko, ein Tanz auf einer Wiese bzw. auf farbigen Punkten, während dessen Deborahs Kleidung erneut an Batman, genauer: an den grünen Overall des Riddlers erinnert... Selten habe ich einen Nicht-Tanzfilm mit derart vielen Tanzszenen gesehen.
Wichtiger ist jedoch, wie Marcels Ex-Freundin Suzanne über ihren Tod hinaus das Liebesglück des Ehepaars zu gefährden und beide zu verfolgen scheint, bis die tapfere Deborah zwangsläufig in Zweifel gerät. Damit schürt der Film die allgemeine Angst davor, dass die Vergangenheit einen einholt, sich alte Sünden böse rächen sowie die verbreitete konkretere Sorge vor Ex-Partnern, gleich ob eigenen oder denjenigen des jeweiligen Partners, die das neue Beziehungsglück gefährden. Nach dem tödlichen Zwischenfall wartet „Der schöne Körper der Deborah“ natürlich genretypisch mit einer mehr oder weniger überraschenden Wendung auf, auf die eine weitere folgt, die schließlich den Anfang vom Ende bedeutet. Damit steht er am Beginn der Tradition, die mit Filmen wie „Der Schwarz des Skorpions“ und „Der Killer von Wien“ fortgesetzt und zur Perfektion gebracht wurde.
Wie so viele Gialli ist auch dieser angesiedelt in der Welt der Reichen und Schönen, um deren funkelnde Fassade nach und nach einzureißen. Dieses Exemplar wirkt dabei noch etwas bodenständiger und gezügelter als spätere Vertreter, die sich eleganter, künstlerischer (oder auch künstlicher), erotischer oder exaltierter, entrückter, hemmungsloser und brutaler profilierten und leidet hier und da unter Timing-Problemen, erscheint mitunter etwas langatmig. Der Mystery-Soundtrack Nora Orlandis aber weiß ebenso prima zu gefallen wie die schauspielerischen Leistungen der gerade auch für das Genre namhaften Darstellerriege (aus der ich Pistilli hervorheben möchte, der seine charakteristischere, weniger geleckte, geheimnisvolle Rolle mit Bravour ausfüllt) und das hier schon durchklingende Spiel mit Klischees vom starken und vom schwachen Geschlecht, von Täter- und Opferrollen, weckte bei mir Erinnerungen an Guerrieris ein Jahr später erschienenen „Die Klette“. Für Giallo-Freunde also nicht nur filmhistorischer Pflichtstoff, für alle anderen durch seine Verwurzelung in den 1960ern ein vielleicht ein wenig altmodisch wirkender, aber dennoch vergnüglicher Psycho-Thriller, der zum Finale hin noch mal gut an Fahrt aufnimmt.