Review

Für drei endlose Minuten muß man richtiggehend Angst haben.
Das sind die drei Minuten, in denen Gore Verbinskis US-Remake des japanischen Gruselgeheimtips "The Ring" den Anschein gibt, hier den neuesten Teenager-Slash-Thriller vom Stapel zu lassen.
Es sind die ersten drei Minuten überhaupt und sie sind so leicht, wie nichts anderes mehr in diesem Film.
Dann startet ein Fernseher von selbst in den Betrieb und "The Ring" macht ernst. Todernst!

Es ist sicher leichter, Verbinskis Werk zu sezieren, wenn man ihn am Vorgänger messen kann. Weil dieser als Geheimtip unter Eingeweihten als Meisterwerk geschätzt wird, hätte die US-Version von vornherein keine Chance. Weil aber kaum jemand das japanische Original kennt (zumindest noch nicht), kann man auch diese Version als Referenzpunkt nehmen.

Moderne, leise Horrorfilme sind am wirksamsten, wenn sie sich nicht dem Zuschauer und seinen Sehgewohnheiten anbiedern, sondern hart an ihrer Geschichte bleiben, ohne eine Erwartung zu erfüllen. "The Ring" bleibt dieser Linie treu: kein (oder so gut wie kein) Gore, stattdessen grausam stille, unheimliche Bilder des Schreckens, die notwendige Unausweichlichkeit des Geschehens und ein Rätsel mit so vielen Fußangeln wie offenen Fragen.

Ausgangspunkt dabei ist das mysteriöse Videoband, nach dessen Ansicht jeder Mensch eine telefonische Todesdrohung erhält, binnen sieben Tagen zu sterben. Und so geschieht es.
Das wissen nach dem Prolog (in dem zwei Teenager so einen Fristverlauf mitmachen) aber noch nicht die Protagonisten, allen voran die Journalistin Rachel Keller, die sich erst langsam für die Geschichte zu interessieren beginnt, sich das Video besorgt und...natürlich...es sich ansieht.

Verbinski bietet schon gleich zu Beginn seine ureigenste Gruselpalette der Unmenschlichkeiten: der Prolog ist eine Kette von beunruhigenden und unerklärlichen Ereignissen, gekrönt von einem Höhepunkt, der den Zuschauern erspart wird. Viel besser wird es mit der Einführung der Hauptfiguren dann auch nicht mehr: Rachel ist allein erziehende Mutter, sichtlich weniger reif als ihr ca. sechsjähriger Sohn und der bald hinzugezogene Vater, der sich seiner Verantwortung nicht recht stellen will. Der Job ist extrem unsicher, das Mutter-Kind-Verhältnis getrübt, darüber hinaus verhält sich der Junge extrem seltsam, ja übersinnlich. Angesiedelt ist diese Collage von ruhigen, stimmungsvollen Bildern in einem superanonymen Hochhauskomplex, in dem eine Wohnung wie die andere erscheint, in der sich die Persönlichkeit durch die allerorten sichtbare Präsenz eines Großfernsehers definiert.

Aber visuell nimmt der Film nun bald Fahrt auf. Die Sichtung des Videos in einer halbvermoosten Miet-Landhütte setzt schon düstere Vorzeichen, der unbestrittene Höhepunkt bis dahin ist jedoch die Sichtung des Videos selbst.
Hier kann der Film Akzente in punto tiefe Beunruhigung setzen, denn das Band gestaltet sich als bizarre, absolut surreale und zutiefst verstörende Collage verschiedenster Bilder, angefangen von Stühlen und Leitern, einer Hausfront, einer Frau in einem Spiegel, Landschaften, Würmern, einem brennenden Baum, toten Pferden in einer Meeresbrandung und nicht zuletzt einem Brunnen auf einer Lichtung, alles zusammen eingefaßt in die Erscheinung eines leuchtenden Rings.
Dali hätte es wohl nicht besser machen können, denn dieses Rätselspiel gibt den Zuschauern reichlich zu knabbern mit auf den Weg, während sich der Film beunruhigend wenig Zeit läßt, die ersten fünf Tage von Rachels Frist verstreichen zu lassen.

Dennoch funktioniert die Übertragung der Unruhe perfekt auf den Zuschauer, denn mehr und mehr finden die Bilder auf dem Band ihre Entsprechung in Rachels Realität und der Betrachter wittert noch mehr Unheil, denn ihr Mann hat den Film ebenso gesehen, wie bald ihr Sohnemann heimlich des Nachts.
Gemeinsam mit der zunehmend in Panik geratenden Rachel dringt das Grauen auch stärker in das Bewußtsein des Zuschauers.

Dann allerdings folgt der Film doch einmal den westlichen Konventionen, besteht doch in der mysteriösen Geschichte reichlich Erklärungsbedarf. Das Puzzlespiel rund um die Bilder des Bandes muß noch gelöst werden und deshalb geraten die letzten zwei Tage Frist zu einem zunehmend dramatischen Wettlauf gegen die Zeit, in deren Verlauf man des Rätsels Lösung zwar näher rückt, ohne jedoch auch nur die Spur eines Auswegs aus dem Fluch zu bieten. Hier überdehnt der Film die Details auf Kosten der Dramatik ein wenig zu sehr, spart aber an anderer Stelle entscheidende Fragen (möglicherweise für eine Fortsetzung) dankbarerweise aus, denn nichts würde die gruselige Illusion mehr zerstören, als eine komplette Aufklärung. Trotzdem breitet das Skript die Geschichte des unheimlichen kleinen Mädchens weiter aus, als das japanische Vorbild nötig hatte.

Optisch greift Verbinski dabei in die Vollen: das graue, immer regnerische Bild der Großstadt wechselt sich ab mit ländlich-düsteren, nebelverhangenen Naturszenen, schicksalschwanger und feucht. Nur zweimal gewinnt der Film auf unheimliche Weise natürliche Farbe, ein unheilsschwangeres Rot eines Sonnenuntergangs legt sich immer dann über die Szenerie, wenn der Tod naht, zunächst bei der erstmaligen Sichtung, später bei Ablauf der tödlichen Frist an derselben Stelle.
Diese Art von strenger, visueller Durchkomposition verleiht dem Film ein unglaubliches Flair, wohl heller als im noch dunkleren Original, aber deswegen in der Rezeption nicht unbedingt leichter.

Auf der handfesteren Seite ist zu verbuchen, daß Verbinski in allerbester Tradition weiß, daß das am grauenhaftesten ist, was man eben nicht und wenn doch, dann nur sehr kurz sehen kann. Der Tod im Prolog bleibt dem Zuschauer erspart, doch Minuten später wird uns eine halbe Sekunde das Antlitz des Opfers gegönnt, genug um den Unbedarften für eine Woche die Schuhe auszuziehen.
Auch später fließt weder Blut (außer mehrfaches Nasenbluten), noch gibt es sonstigen Gore, dennoch setzt sich der Schrecken fast unmerklich in den Nervenbahnen des Betrachters fest und kommt erst zur vollen Entfaltung, wenn der Film längst vorbei ist. Das generelle Gefühl der Unruhe, die die Bilder von "The Ring" verursachen, das Abseitige, Nichtmenschliche sorgen ausreichend Unbequemlichkeit.

Zusätzlich wird genußvoll (und doch ohne Ironie) Hitchcock zitiert, u.a. "Das Fenster zum Hof" und, in einer Schlüsselszene, der finale Höhepunkt von Psycho samt dem wohl zweitbesten Filmschrei seit Vera Miles.
Überhaupt ist es dem Skript (welchem auch immer) hochanzurechnen, daß es ein scheinbares und irgendwie unglaubwürdiges HappyEnd präsentiert, um dann in einem dramatischen, aber gar nicht mal so kurzen (falls jetzt an "The Sixth Sense" gedacht wird) Plot-Twist den Zuschauer erneut an der Kehle zu packen, bis zu einem ausnahmsweise einmal erfreulich offenen Ende.

Neben der leichten Erklärneigung gibt es sicherlich den einen oder anderen Minuspunkt, besonders in punkto auf die Wahl, Behandlung und Ausleuchtung des latent übersinnlichen Sohnes bzw. seines Schauspielers, der sich mit seiner unnatürlichen Reife gar nicht mit den beiden Eltern-Darstellern vertragen will. Auch ein in den Film eingefaßter Selbstmord wirkt seltsam überproportioniert. Das alles ordnet sich jedoch glücklicherweise der Gesamtkomposition unter.

So kann man "The Ring" problemlos in die Riege der gelungenen, fast meisterlichen Remakes einordnen. Vielleicht ist es ein Glücksgriff gewesen, einen nicht genre-erfahrenen Regisseur wie Verbinski an diesen Film heranzulassen, denn abgesehen von den Hitch-Reminiszensen wirkt der Film beeindruckend originär, wenn auch diverse Sequenzen fast eins zu eins dem Original nachempfunden sind. Dennoch funktioniert dieses ungewöhnliche Stück Leinwandgrauen auf beeindruckende Weise in fast jeder Phase und kann als einer der wenigen so apostrophierten Filme das Prädikat "Horror" mit Fug und Recht tragen. Es wird schwer sein für Hollywood in absehbarer Zeit etwas Gleichwertiges bieten zu können. (9/10)

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