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Vor vielen Jahren war Ginny Reilly (Lynn Lowry) ein erfolgreiches Pin-Up-Model. Doch ihre Karriere als "Ginny - The Red Hot Bombshell" währte nur kurz, und das Ende war so abrupt wie unschön. Nun lebt sie allein in ihrem Häuschen in einem kleinen, unscheinbaren Vorstädtchen in Buffalo und verpaßt keine Folge der schrägen TV-Show Suzi's Secret, einer Sendung speziell zugeschnitten auf voluminösere Frauen, die vom überall grassierenden Schlankheitswahn und den gängigen Schönheitsidealen angewidert sind und welche von Suzi (Suzi Lorraine, Wrath of the Crows) präsentiert wird. Auf den ersten Blick ist Ginny eine harmlose Dame der Marke "schrullige alte Tante", doch hinter der sanften, gutmütigen Fassade brodeln wahre Abgründe, und die bekommen die Menschen in ihrer Umgebung nach und nach zu spüren. Ginny hat das Ende ihrer Modelkarriere nämlich nie verwunden, ihre fragile Psyche hat dadurch einen ordentlichen Knacks abbekommen. Und wenn die Reise Richtung Looney-Town damals ihren Anfang genommen hat, so ist sie nun endlich an ihrem Ziel angelangt. Daß in Ginnys Haus seltsame Dinge vorgehen, bleibt auch ihren Nachbarn Arnold Winters (Michael Thurber, Exhumed) sowie der labilen Debbie Lombardo (Tiffany Shepis) nicht verborgen. Letztere ist gerade erst mit ihrem Mann Sal (Carmine Capobianco, Galactic Gigolo) in die ruhige Gegend gezogen, um ihre psychischen Probleme auszukurieren. Doch der Strudel der grausigen Ereignisse macht auch vor der hübschen Frau nicht halt.

Hier ist es nun also, das Regiedebüt von B-Movie-Queen Debbie Rochon. Ich muß gestehen, daß mir die am 3. November 1968 in Vancouver geborene Kanadierin im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen ist. Erste Auftritte vor der Kamera hatte sie ja bereits in den frühen 1980er-Jahren absolviert, aber mir ist sie erst seit Troma-Zeiten ein Begriff, wo sie in Filmen wie Tromeo and Juliet oder Terror Firmer eine gute Figur abgab. Als Schauspielerin ist sie enorm gereift, wie sehenswerte Indie-Flicks wie Colour from the Dark, The Good Sisters und Dry Bones eindrucksvoll belegen. Nun ja, sie hatte aber auch verdammt viele Gelegenheiten zum Üben, schließlich kratzt ihre umfangreiche Filmographie an der - man mag es kaum glauben! - Zweihundertfünfziger-Marke! Ihr Schritt hinter die Kamera sorgte bei mir für ein leicht mulmiges Gefühl, weil der pessimistische Teil in mir befürchtete, sie würde es vermasseln. Wie sich herausstellt, war die Sorge jedoch unbegründet. Debbie Rochon verfügt über eine sehr gesunde Selbsteinschätzung; sie weiß genau, was sie will, und sie weiß genau, was sie sich zutrauen kann. So verzichtete sie auf die zweite Hauptrolle, die ihr von Drehbuchautor James Morgart auf den Leib geschrieben wurde, und verpflichtete stattdessen Tiffany Shepis (The Hazing aka Dead Scared), welche es ihr dankte, indem sie eine der besten Leistungen ihrer Karriere ablieferte. Obwohl die Figur eher dürftig charakterisiert ist, beeindruckt Shepis mit einigen intensiven Momenten, die tief unter die Haut gehen.

Und da offenbart sich schon eine der großen Stärken des Filmes. Rochon hat ein ausgezeichnetes Händchen in Sachen Schauspielerführung. Sämtliche Akteure und Aktricen können überzeugen und hauchen ihren jeweiligen, oft etwas kauzigen Figuren plastisches Leben ein. Selbst kleinere (übrigens perfekt gecastete) Nebendarsteller wie Kaylee Williams (Psycho Street), Brian Fortune (Game of Thrones) oder Babette Bombshell (Return to Nuke 'Em High) geben alles. Im Zentrum steht allerdings Lynn Lowry als Ginny, und die 1947 geborene Dame, die schon in Filmen wie I Drink Your Blood, The Crazies, Shivers und Cat People für so manch denkwürdigen Moment sorgte, läuft hier zu absoluter Höchstform auf. Obwohl hinsichtlich ihrer Motivation einiges im Dunkeln bleibt (ein Faible von Debbie Rochon, die einerseits gerne Dinge andeutet, andererseits den Erklärbären aber an der kurzen Leine hält), ist Ginny keine eindimensionale Psychopathin, sondern eine ambivalente, irgendwie auch tragische Figur, die im Zuschauer widersprüchliche Gefühle auslöst. Lowry macht - unterstützt von einer Handvoll innerer Monologe - die Qual, die sie antreibt, spürbar, was für den einen oder anderen Gänsehautmoment sorgt. Parallel zu Ginnys Wahnsinn, der immer neue, abartige Höhen erklimmt, driftet auch die Fernsehsendung Suzi's Secret in immer bizarrere Gefilde ab. Man hat fast den Eindruck, daß sich Ginny und Suzi gegenseitig anspornen, was sich auf der einen Seite in Form von mörderischen und kannibalischen Aktivitäten, auf der anderen Seite via haßerfüllte Tiraden äußert.

Insgesamt ist Model Hunger ein ganz famoses Erstlingswerk, welchem man zwar diverse technische, inhaltliche und dramaturgische Schwächen nicht absprechen kann, das aber einen schönen Fluß hat, keine Sekunde langweilt und nach und nach sein Publikum sogar zu fesseln vermag. Die mit der Subtilität eines Holzhammers präsentierte, grotesk verzerrte Gesellschaftskritik gefällt ebenso wie der sehr garstige, bitterböse Humor (gottlob ohne selbstverliebtes, ironisches Augenzwinkern), der dem Zuschauer immer mal wieder ins Gesicht hüpft, ohne daß der Streifen dadurch zu einer Horrorkomödie verkommt. Für ein, zwei Prisen Ekel sorgen Anleihen bei der Trash-Schmiede Troma und dem Bad Taste-Pionier John Waters, wobei sich Rochon diesbezüglich aber sehr zurückhält. Die On-Screen-Brutalitäten (die Gore-FX sind allesamt handgemacht) steigern sich kontinuierlich und gipfeln in ein haarsträubend grausames Finale, bei dem eine unschuldige Zeugin Jehovas den sadistischen Wahnsinn Ginnys in so noch nie gesehener, erstaunlich expliziter Form zu spüren bekommt. Überhaupt kommen die wohldosierten Gewaltszenen sehr wuchtig und schmerzhaft rüber, ohne in platte Selbstzweckhaftigkeit abzugleiten. Untermalt wird das Geschehen von Harry Manfredinis (Friday the 13th) dezenten Kompositionen, die sich zu keiner Zeit in den Vordergrund drängen und deshalb auch angenehm unauffällig bleiben. Rochon hat mit Model Hunger somit ein tolles, wenn auch ungeschliffenes und eigenwilliges Regiedebüt vorgelegt, das den erwartungsfrohen Genrefans viel mehr bietet, als sie erhoffen durften. Bravo, Debbie. Bravo!

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