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Burghart Klaußner spielt den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, einen homosexuellen Juden, der sich in der Bonner Republik der 50er Jahre im weiterhin von ehemaligen Nazis durchsetzen Justiz-, Polizei- und Geheimdienstapparat wenige Freunde machte. Der scharfsinnige und unnachgiebige Jurist suchte ehemalige NS-Verbrecher und wurde fündig, als ihm zugetragen wurde, der Organisator des Holocaust, Adolf Eichmann, befinde sich in Argentinien. Da außer ihm und seinem jungen, von Ronald Zehrfeld gespielten Kollegen aber niemand in Deutschland ein Interesse an der Ergreifung Eichmanns hatte, gar die Gefahr bestand, dieser könne aus Geheimdienstkreisen gewarnt werden, beschloss Bauer, mit dem Mossad zusammenzuarbeiten, obwohl es sich dabei um Landesverrat handelte.

Fritz Bauer war es, der die Bundesrepublik in den 60er Jahren durch die Ausschwitzprozesse mit ihrer NS-Vergangenheit konfrontierte, der die Untaten des Hitler-Regimes an die Öffentlichkeit brachte, das große Schweigen in der Adenauer-Ära durchbrach. Trotzdem handelt es sich bei Bauer, dem vermutlich homosexuellen Juden, der als Sozialdemokrat frühzeitig vor den Nazis nach Skandinavien flüchten musste, um einen eher unbesungenen Helden, der bis vor Kurzem nur wenigen Eingeweihten ein Begriff gewesen sein dürfte. Filme wie der 2014 erschienene „Im Labyrinth des Schweigens“ oder eben „Der Staat gegen Fritz Bauer“ dürften das geändert haben. Letzterer konnte zudem beim Deutschen Filmpreis 2016 groß abräumen und das nicht zu Unrecht, weil er Bauer durchaus ein sehenswertes Denkmal zu setzen vermag.

Was die Person Bauers angeht, ist der Film weitgehend authentisch und spart nicht mit historischen Details wie z.B. Bauers Treuebekenntnis zum NS-Staat, das dem Sozialdemokraten 1933 die Entlassung aus dem KZ ermöglichte. Dass der Fritz Bauer im Film auch persönlich durchaus fassbar wird, hat aber auch viel mit Burghart Klaußner zu tun, der nicht nur aufgrund der markigen Frisur als perfektes Double des hessischen Generalstaatsanwaltes durchgeht. Klaußner, der auch den Akzent Bauers gelungen imitiert, spielt diesen als einen scharfsinnigen, getriebenen Anwalt, der bei seinen ehrgeizigen Unterfangen aber immer wieder an den ehemaligen Nazis im Staatsapparat verzweifelt. Die werden jedoch leider nicht weiter thematisiert und bleiben plastische Schattengestalten. Stattdessen widmet sich der vielfache „Tatort“-Regisseur Lars Kraume, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist, dem fiktiven jungen Anwalt, der Bauer im Film unterstützt und ebenfalls homosexuell ist. Überhaupt spielt die Homosexualität Bauers, die historisch nicht 100%ig verbürgt ist, eine übergeordnete Rolle. Dabei wird der berüchtigte Paragraph 175, der sexuelle Handlungen zweier Männer unter Strafe stellte, in gelungener Weise angeprangert. Die Frage ist nur, ob das unbedingt in diesem Film sein musste, ist das eigentliche Thema doch ein anderes.

Historisch beschäftigt sich Kraume nicht mit Bauers Rolle bei den Ausschwitz-Prozessen, sondern mit seinen weniger geläufigen und erst nach seinem Tod bekannt gewordenen Aktivitäten bei der Ergreifung Adolf Eichmanns. Und das ist durchaus interessant, weil es einen ganz anderen Blickwinkel auf das Wirken Bauers eröffnet und noch einmal unter Beweis stellt, mit welch hohem persönlichem Risiko dieser zur Tat schritt. Kraume leistet zudem erzählerisch gelungene Arbeit, treibt seinen Film kontinuierlich voran und lässt phasenweise auch mal einen Hauch von Geheimdienst-Thriller aufkommen. Statt sich der Homosexualität der Akteure und dem Schwulenparagraphen zu widmen, hätte Kraume hier die Spannungsschraube aber ruhig etwas weiter anziehen können. Dann hätte „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ein sehr guter Film werden können. So ist es ein interessantes und unterhaltsames Biopic mit guten Schauspielern und gelungener Charakterkonstruktion.

Fazit:
„Der Staat gegen Fritz Bauer“ beleuchtet einen interessanten, aber weniger bekannten Gegenstand der deutschen Geschichte: Den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer und dessen Mitwirken bei der Ergreifung Adolf Eichmanns. Hervorragend gespielt, routiniert erzählt und in Bezug auf die Person Bauers differenziert sowie weitgehend authentisch ein durchaus sehenswerter Film.

71 %

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