Eine junge Frau, gespielt von Brie Larson, lebt mit ihrem fünfjährigen Sohn, gespielt von Jacob Tremblay, in einem kleinen Geräteschuppen, einem Raum mit wenigen Möbeln, einem kleinen Oberlicht und einer von außen verriegelten Tür. Vor Jahren wurde sie als 17jährige entführt, seitdem von ihrem Peiniger eingesperrt und mehrfach vergewaltigt. Ihr Sohn ist auch sein Kind. Mit dessen Hilfe versucht sie nun zu entkommen.
Wer den vermutlich vom Fall Natascha Kampusch inspirierten, 2010 erschienenen gleichnamigen Roman der irischen Schriftstellerin Emma Donoghue nicht kannte, dürfte zunächst verwundert gewesen sein, als der banal klingende Titel „Raum“ als einer der Top-Favoriten für die großen Filmpreise gehandelt wurde. Hauptdarstellerin Brie Larson wurde schließlich sogar mit Oscar und Golden Globe ausgezeichnet, Film, Regie und Drehbuch nominiert - zu Recht.
Das ist unter anderem Emma Donoghue zu verdanken, die mit dem Drehbuch ihren eigenen Roman adaptierte. Sie musste die Erzählweise abändern, weil die Geschichte im Buch radikal aus Sicht des Fünfjährigen geschildert wird und sie trennte sich von Randaspekten, die der Film nicht unbedingt gebraucht hätte. Durch diese Reduktion wird das Geschehen umso intensiver. Für die treuen Leser deutet sie das Ausgelassene aber zumindest an, indem sie etwa mit einem Fleck unter dem Bett auf das dort vergrabene, erste Kind der jungen Frau anspielt. „Raum“ verfügt von Anfang bis Ende über eine runde Geschichte.
Außerdem sieht man dem Film an - und das ist bei Buchverfilmungen leider nicht die Regel -, dass sich auch der Regisseur etwas bei seiner Arbeit gedacht hat. Wenn der Fünfjährige am Anfang den titelgebenden Raum abgeht, die Möbelstücke grüßt, mit seiner kindlichen Naivität seine kleine Welt erklärt, werden die Kameraperspektiven noch so gewählt, dass das Innere des Schuppens tatsächlich wie eine kleine Welt erscheint. Doch dann wird sie immer kleiner, der Raum immer offenkundiger zur Gefängniszelle, in der letzten Szene werden aus gefühlten 20 Quadratmetern dann eher 10. Der erste Ausflug des Fünfjährigen in die große weite Welt, in der er zunächst überfordert ist, wirkt mit den verschwimmenden Bildern, der Helligkeit und der Vielzahl an Eindrücken auch auf den Zuschauer wie eine Flut an Reizen, die im deutlichen Kontrast zur Beengtheit, Schlichtheit, aber auch Vertrautheit des Raumes steht. Diese großartigen Perspektivwechsel, die immer wieder die Sicht des Kindes aufgreifen und wie die Monologe des Fünfjährigen nah am Buch gehalten sind, zeichnen „Raum“ als einen vortrefflich inszenierten Film aus, der unvergessliche Eindrücke vermittelt.
Ein weiteres großes Plus ist die Emotionalität. Zwar benötigt der Film im ersten Drittel, das letztlich etwas zäh ausgefallen ist, erst mal ein wenig, um in Gang zu kommen, doch dann entfaltet „Raum“ eine große emotionale Wucht. Der Film, der ohne melancholisch-pathetische Musik auskommt und zu keinem Zeitpunkt allzu wehmütig oder schwülstig wird, bleibt nah an seinen Figuren und transportiert intensivste Gefühle, vor allem auch dank der interessanten Prämisse. Zwar lässt sich die eine oder andere Länge, die den ganz großen Wurf verhindert, nicht leugnen, dennoch ist der Film über weite Strecken fesselnd, auch dann, wenn Mutter und Kind den Raum schließlich hinter sich gelassen haben und sich in einer sehr viel komplexeren Welt zurechtzufinden versuchen. Das ist nicht zuletzt den großartigen Darstellern geschuldet, vor allem der zu Recht Oscar-prämierten Brie Larson, die als aufopferungsvolle Mutter im beengenden Geräteschuppen genauso überzeugend agiert, wie auch als verstörtes Missbrauchsopfer nach der Befreiung. Beim Oscar führte an Brie Larson jedenfalls kein Weg vorbei. Darüber sollte jedoch die ebenso grandiose Leistung des neunjährigen Jacob Tremblay keineswegs vergessen werden, auch nicht die guten Nebendarsteller, zu denen etwa Joan Allen und William H. Macy gehören.
„Raum“ ist trotz der ernsten Thematik auch ein optimistischer, ein schöner Film. Abrahamson und Donoghue deuten das Martyrium nur an, welches die Entführte über Jahre durchlebte, anders als der weitaus reißerische „3096 Tage“, der die Geschichte von Natascha Kampusch direkt thematisierte. Es geht vielmehr um die enge Bindung einer Mutter zu ihrem Sohn, um eine Frau, die versucht, ihrem Sohn in ihrem Verließ ein möglichst unbeschwertes Leben zu ermöglichen. Und es geht um die Erschütterungen, welche die beiden erwarten, wenn sie nicht mehr zu zweit ausharren müssen. Auch die Art und Weise, wie der Junge schließlich die reale Welt erkundet, ist interessant vermittelt und teilweise herzerwärmend schön.
Fazit:
„Raum“ ist ein Film mit Höhen und Tiefen, mit Emotionen, die kaum intensiver sein könnten, ein großartig gespieltes Drama mit einer interessanten Geschichte und einer durchdachten Inszenierung. Nach einem zähen Beginn ein überwältigender Film.
80 %