kurz angerissen*
Alles an "Raum" schreit nach Unverfilmbarkeit. Der kleine Raum, die langen Zeiträume, die abstrahierten Gefühle der Gefangenen und ihres Sohnes, der unsichtbare Subtext. Anfangs droht die Verfilmung des Romans von Emma Donoghue (die auch das Drehbuch verfasste) auch genau daran zu scheitern: In den Gesprächen mit dem Sohn deuten sich vereinfachte psychologische Schlüsse an, die Extremsituation wird mit der simplen Gegenüberstellung von Raum und Außenraum aufgeschlüsselt, womit nicht nur dem Kind, sondern auch dem Zuschauer Erklärungen geliefert werden sollen.
Dann aber lösen sich die Erklärungsmuster in der Luft und vervielfältigen sich zu einer komplexen Darstellung des Szenarios, die immer mehr auch den Blick auf Dinge richtet, die man vielleicht nicht immer sieht, wenn man sie nicht am eigenen Leib durchgestanden hat. Das ganze Ausmaß der psychischen Gewalt des Entführers wird wie durch einen Blitzschlag deutlich. Schockierender noch als die eigentliche Ausgangstat, die offensichtlich massive Vernachlässigung der Gesundheit der Gefangenen oder der physische Mißbrauch sind die kleinen Entscheidungen, mit denen die Entfaltung der Mutter und ihres in Gefangenschaft geborenen Kindes unterdrückt wird, wofür der Film reichlich schwerwiegende Beispiele findet.
Man hätte es bei diesen tristen Bildern aus dem Inneren einer Wohnzelle belassen und ein Kammerspiel mit Verhaftung oder Tod des Entführers als Finale inszenieren können, doch "Raum" bietet auch ein Danach und läuft gerade hier zur großen Form auf. Wo nämlich wäre das Lehrstück, gäbe es nicht die Erfahrungen aus der Rückkehr in die normale Welt? Die Relevanz des Entführers selbst wird bis zur Bedeutungslosigkeit verringert, sein weiteres Schicksal nicht einmal mehr intensiv verfolgt; im Zusammenleben mit der Mutter und deren neuem Lebensgefährten (großartig auch William H. Macy in einem Kurzauftritt als leiblicher Vater der Hauptfigur) öffnet sich eine ganze Blume weiterführender Probleme, mit denen sowohl Mutter als auch Kind konfrontiert werden und die eine Zeichnung für das gesamte Leben andeuten, das noch vor ihnen liegt. Selten hat ein Film die Konsequenzen einer solchen Gräueltat so umfassend dargestellt wie dieser. (8.5/10)
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