Daniel Brühl spielt einen deutschen Aktivisten, der 1973 in Chile den amtierenden Präsidenten Salvador Allende unterstützt. Als sich der General und spätere Diktator Augusto Pinochet an die Macht putscht, wird er festgenommen, vom Geheimdienst gefoltert und schließlich seinem Landsmann Paul Schäfer, gespielt von Michael Nyqvist, übergeben. Der pädophile Prediger kontrolliert mit seiner ihm untergebenen Psychosekte die landwirtschaftlich und christlich geprägte und nach außen abgeschottete Colonia Dignidad, aus der es für die Insassen kein Entkommen gibt. Das hält die Freundin des nun Inhaftierten, gespielt von Emma Watson, aber nicht davon ab, der Sekte beizutreten, um ihren Geliebten zu befreien.
Die Colonia Dignidad ist ein sehr unrühmliches Kapitel sowohl südamerikanischer, als auch deutscher Geschichte. Der chilenische Militärdiktator Augusto Pinochet, der heute vor allem wegen seiner unerbittlichen Verfolgung politischer Gegner bekannt ist, bezog vom deutschen Prediger Schäfer und seiner Gemeinschaft unter anderem chemische Waffen, nutzte die Örtlichkeiten der Sekte als Folterzentrum. Die deutsche Botschaft pflegte indes beste Kontakte zur christlich-totalitär geführten Einrichtung, in der Zwangsarbeit, Erniedrigung, Kindesmissbrauch und der Konsum verschiedener Psychopharmaka auf der Tagesordnung standen. Entflohene Mitglieder berichteten, von Mitgliedern der deutschen Botschaft zurück ins Verderben geschickt worden zu sein. Zudem beehrten deutsche Spitzenpolitiker wie Franz Josef Strauß die Exildeutschen mit ihrer Anwesenheit. Florian Gallenberger, Regisseur von „John Rabe“, nahm sich nun dieses heißen Eisens an, er wollte den Finger in die Wunde legen und Schäfers Opfer würdigen.
Das ist ihm jedoch allenfalls in Teilen gelungen. Gallenberger schert sich kaum um die politischen Hintergründe, deutet den Militärputsch vom 11. September und die anschließenden Verfolgungen eingangs kurz an und geht im weiteren Verlauf nur oberflächlich auf die Verbindungen der Colonia Dignidad zu Pinochet, dessen Geheimdienst und zur deutschen Botschaft ein. Stattdessen nutzt Gallenberger den historischen Kontext, um seinem Thriller einen spannenden Rahmen zu geben. Es geht im weiteren Verlauf im Wesentlichen um den Ausbruch aus der hermetisch abgeriegelten, von Starkstrom und Selbstschussanlagen gesicherten Kolonie. Das ist prinzipiell nicht verwerflich und hätte durchaus die Grundlage für einen guten Thriller geboten, es ist aber etwas unredlich, im Abspann auf die Opfer Schäfers zu verweisen, ohne diesen hier mit der notwendigen Pietät ein filmisches Denkmal zu setzen, sondern ihre Geschichte vielmehr als Background für eine ganz andere Story zu verwenden.
Gelungen sind immerhin die filmischen Eindrücke aus der Colonia Dignidad, die stellenweise durchaus eine bedrückende Wirkung entfalten, zumal die Einzelszenen gut recherchiert sind. Dazu gehören die obskuren „Herrenabende“ genauso wie die körperlichen Züchtigungen, der Psychoterror und die harte Zwangsarbeit. Die beklemmende Stimmung, die Ausweglosigkeit sind denn auch einer der Hauptgründe, dass Gallenbergers Film insgesamt solide unterhält. Die tristen, aber durchaus authentischen Kulissen tragen ihren Teil dazu bei. Weniger gut ist die Darstellung von Schäfer gelungen, der wie ein 0815-Hollywoodbösewicht erscheint. Während seine Herrschaftsmethoden zumindest angekratzt werden, bleibt es schleierhaft, wie dieser Mann eine derartige Faszination auf seine Leute ausüben konnte, dass viele von ihnen ihrem Prediger von Deutschland nach Südamerika folgten. Dafür ist Mikael Nyqvists Darstellung jedenfalls zu beliebig und die Figurenzeichnung viel zu oberflächlich. Der Film wäre interessanter geworden, hätte man Schäfer mehr Aufmerksamkeit geschenkt.
Als Thriller ist „Colonia Dignidad“ eine solide, angesichts des Potentials aber auch ein wenig enttäuschende Angelegenheit. Gallenberger erzählt zügig und baut vor allem zum Ende hin einige spannende Szenen ein, etwa die Flucht durch die unterirdischen Gänge oder den Showdown am Flughafen. Zudem spielen Emma Watson und Daniel Brühl mit ihren engagierten Darbietungen ganz gut gegen die Profillosigkeit ihrer Figuren an. Ein bisschen mehr Background hätte ihren Charakteren ebenfalls gut getan. Das flotte Tempo täuscht aber immerhin über die inhaltlichen Schwächen der Story hinweg, bei der sich der Protagonist am Ende unverhoffter- und unglaubwürdigermaßen zum Actionhelden mausert.
Fazit:
„Colonia Dignidad“ ist ein solider Thriller über den Ausbruch aus dem Dorf einer christlich-totalitären Psychosekte - nicht mehr und nicht weniger. Gern hätte man dabei mehr über Paul Schäfer, seine Opfer, seine Verbindungen zum Regime und zur deutschen Botschaft erfahren.
58 %