Die Fernbeziehung zu ihrem Freund in Chile ist der Grund, warum sich die Lufthansa-Flugbegleiterin Lena (Emma Watson, Harry Potter) ein paar Tage frei nimmt, als sie mit ihrer Crew in Santiago de Chile landet. Leider ist der Zeitpunkt denkbar schlecht gewählt, denn nach wenigen Tagen trauter Zweisamkeit ereignet sich dort am 11. September 1973 ein Militärputsch, in dessen Folge eine brutale Militärjunta unter Augusto Pinochet die Macht im Lande übernimmt und tausende Oppositionelle verhaftet, einsperrt, foltert und ermordet. Dies betrifft besonders Lenas Freund Daniel (Daniel Brühl, Good Bye, Lenin!), der als Photograph und Grafiker für die sozialistische Partei Allendes Plakate entworfen hatte und - anders als die deutsche Stewardess - ganz besonders im Fokus der neuen Machthaber steht. Die beiden werden auch schnell verhaftet und zusammen mit vielen anderen ins Nationalstadion gebracht, wo sie dann getrennt werden: Lena darf am nächsten Morgen das Stadion verlassen, während Daniel, als Aktivist erkannt, noch in der Nacht in einem vermeintlichen Sanitätsfahrzeug verschleppt wird.
Lenas Nachforschungen in den nächsten Tagen ergeben ein trauriges Bild: Die Mitstudenten vermuten ihn in einem Folterlager der Junta, der titelgebenden Colonia Dignidad, und fast noch schlimmer, sie haben ihn bereits abgeschrieben. Doch die rigorose Lena gibt sich damit nicht zufrieden, sie will ihren Freund da unbedingt rausholen. Nur mit einer kleinen Tasche in der Hand macht sie sich auf den Weg in die ominöse, von deutschen Auswanderern verwaltete Siedlung...
Die als Vorbild dienende reale Colonia Dignidad, 1961 gegründet, geriet während Pinochets Militärdiktatur in den 1970er Jahren als Folterlager der Junta in die Schlagzeilen - in dieser Zeit spielt der Thriller von Regisseur Florian Gallenberger, der seine beiden Protagonisten den Lageralltag kurz nach dem Putsch 1973 erleben läßt. Leider macht der Streifen zu wenig aus dem historischen Stoff, denn die Colonia Dignidad war von ihrer Gründung weg ein höchst zweifelhaftes Unternehmen: der ehemalige evangelische Prediger Paul Schäfer, wegen diverser pädophiler Vergehen in Deutschland angeklagt, floh 1961 mit über 100 Anhängern nach Südamerika, wo er auf einem abgeschieden gelegenen Landgut seine Siedlergemeinde mit allerlei Gehirnwäsche zu folgsamen Feldarbeitern heranzog. Nach außen hin den Schein einer braven religiösen Sekte wahrend, konnte sich der Päderast jahrelang an den getrennt von ihren Eltern aufwachsenden Buben vergehen; gute Beziehungen zur örtlichen Polizei und Militär schützten den selbsternannten Guru vor jeglicher Verfolgung. Nach dem Putsch diente das abgezäunte und bewachte Areal dann dem Pinochet-Regime als Folterlager, aber auch Waffen für die Junta wurden dort produziert.
All dies spielt in Gallenbergers Film aber bestenfalls eine untergeordnete Rolle, stattdessen wird die zierliche Lena ohne besonderes Vorwissen in die Colonia geschickt, wo sie sich als Novizin ausgibt, die dem Ruf des sich Pius nennenden Paul Schäfer gefolgt ist und ihr Leben fortan dort in Demut verbringen will. Nachdem eine seltsam streng-zynische Oberaufseherin sie eingelassen hat, wird sie von Pius himself empfangen - der sitzt breitbeinig vor ihr und spult gelangweilt ein paar Sätze herunter. Ok, sie darf also bleiben, nachdem der Maestro noch geschäftig an ihr herumgeschnüffelt und festgestellt hat, daß ihr BH "Nuttenkram" sei.
Das alles wirkt kaum bedrohlich, sondern vermittelt eher den Eindruck von frisch aus der Klapse entlaufenen Patienten, die hier Rollenspielchen veranstalten. Überhaupt ist die filmische Darstellung des Pius (gespielt von Mikael Nyqvist, Stieg Larsons Milleniums-Trilogie) mit seinen langen Haaren in legerer Freizeitkleidung kaum mit einem gefährlichen Kinderschänder in Verbindung zu bringen, und bis auf eine einzige sehr kurze Szene, in welcher Pius/Schäfers pädophile Neigung (ohnehin nur) angedeutet wird, wird diese Thematik völlig ausgeblendet.
Auch Daniel Brühl als eines der Folteropfer kommt, abgesehen von der ohnehin kurzen Screentime, viel zu wenig überzeugend rüber: zunächst mit Elektroschocks traktiert, sieht sein Kopf verschwollen und entstellt aus, und ein Nebensatz einer Ärztin, daß er für den Rest seines Lebens vermutlich schwachsinnig bleiben werde, genügt zur weiteren Charakterisierung seines Auftritts. Tatsächlich aber hat sich Daniel, der keineswegs einen Hirnschaden davongetragen hat, nach kaum 2 Monaten schon wieder soweit erholt, daß sein Gesicht vollkommen normal aussieht. Als vermeintlicher "Idiot" in der Schlosserei beschäftigt, hampelt er den ganzen Tag träge vor sich hin, schneidet Grimassen und würgt absichtlich unverständliche Wörter heraus. Sein bewußt debiles Verhalten regt bestenfalls zum Kopfschütteln an, hat mit einem bedauernswerten Folteropfer jedoch nichts zu tun.
Auch die harte Feldarbeit sowie nächtliches Kartoffelschälen verbunden mit den harmlosen Jungmädchenträumen einer bevorstehenden Hochzeit bei den besonders streng gehaltenen Frauen im Lager erinnern eher an eine Klosterschule in den 1950er Jahren denn an ein KZ-ähnliches Areal, wo täglich Menschen gequält und ermordet werden. Die (reale) Waffenproduktion wird überhaupt nur in einer einzigen Szene kurz angesprochen, und nebenbei murmelt Pius auf Nachfrage eines Militärs, daß das Sarin(!) natürlich auch vorhanden sei. Jo, alles klar!
Somit bleibt von Colonia Dignidad ein eher durchwachsener Eindruck: Als Doku über ein in der Realität mörderisches Sekten-Camp funktioniert der Film überhaupt nicht, als Anklage gegen den pädophilen Leiter oder auch die unmoralische Tatenlosigkeit der deutschen Botschaft erst recht nicht, als Drama mit (vor allem zum Schluß) Krimielementen dagegen durchaus, und unter diesem letzten Gesichtspunkt (und nur unter diesem) kann man den Film einen gewissen Unterhaltungswert abgewinnen: 5,51 Punkte.