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Was gibt es in Cincinnati? Einen Zoo. Und Chili. Das erfährt Michael Stone, der für einen Vortrag in der Stadt ist. Eingecheckt im Hotel trifft er bald auf die sich dort ebenfalls aufhaltende Lisa, die eine besondere Wirkung auf Michael zu haben scheint. So wie der von Duke Johnson und Charlie Kaufman, welcher auch die Vorlage lieferte, inszenierte Stop-Motion-Film auf sein Publikum.

Für Michael haben fast alle anderen Personen das gleiche Gesicht und die gleiche Stimme, somit auch für die Betrachter des Films. Eine Welt der Eintönigkeit oder einfach eine verzerrte Wahrnehmung durch den Protagonisten. Oder beides. Auf jeden Fall ein direkter und ehrlicher Blick auf Zwischen- und Innermenschliches, was auch immer man da eben für sich rausziehen kann. Es gibt Hinweise zur Lesart, besieht man sich beispielsweise den Namen des Hotels, in welchem Michael untergebracht ist. Der Motivationstrainer ohne Motivation steht da für mich aber auch stellvertretend für andere Empfindungen, die man dieser Welt entgegenbringen mag.
Das Ausbrechen aus der herrschenden oder „nur“ so wahrgenommenen immer gleichen Existenz ist ein spannender Nährboden, in den Kaufman seine Erzählung pflanzt. Abseits moralischer Fragen ist das Aufleuchten und wieder in die gleiche Dunkelheit fallende emotionale Leben von Michael ebenso deprimierend wie nachvollziehbar. So flüchtig ist jeder Rausch, so schnell ist die bekannte Bahn wieder eingenommen. Für Michael scheint es keinen Ausweg zu geben und doch verbreitet sich die Wirkung von Begegnung und Erlebnis weiter, blickt man letztlich auf die Titelfigur.

Stilistisch ist „Anomalisa“ ebenso spannend. Die Verbindung aus Stop-Motion mit erwachsenen Themen bildet hier eine funktionierende Einheit, die detaillierten Animationen lassen die Figuren auffallend lebendig wirken. Im Design wirken die aus dem 3D-Drucker stammenden Puppen angenehm eigen, nicht nur wegen der auffallenden Linie durch Gesicht und Augen, die auch auf erzählerischer Ebene das Maskenhafte unterstreicht. Die zuerst irritierende akustische Präsentation zeigt sich bald als elementarer Bestandteil der Erzählung, ein gewisses Unbehagen diesbezüglich bleibt durchgehend erhalten. Da unterstelle ich dem Film aber auch pure Absicht.

„What is it to be alive?“

Worte beschreiben Kaufmans „Anomalisa“ kaum ausreichend erfassbar. Der Stop-Motion-Film fließt beim Ansehen durch einen hindurch, hängen bleibt da sicherlich etwas. Visuell bestechend und den Ton als wichtigen Bestandteil nutzend ergibt sich eine fantastische Präsentation einer Geschichte, die vielleicht nicht immer berührt, dies aber doch immer wieder mal vermag. Trotz aller audiovisuellen Finesse ein nach innen gerichtetes Werk. Existenzielle Krise, hübsch verpackt.

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