Thomas Thieme spielt Uli Hoeneß, den ehemaligen Fußballstar und Manager des FC Bayern München. Hoeneß, Sohn eines Metzgermeisters, Welt- und Europameister sowie Besitzer einer Wurstfabrik, findet sich 2014 in München vor Gericht wieder, weil er Steuern aus Kapitalerträgen hinterzogen und eine fragwürdige Selbstanzeige gestellt hat. Der Prozess gegen den Patriarchen des deutschen Fußballs polarisiert die Republik, zumal sich die hinterzogene Steuersumme von anfangs gut 3 Millionen Euro innerhalb kurzer Zeit fast verzehnfacht.
Da Gerichtsverhandlungen von Fernsehen und Hörfunk nicht so einfach aufgezeichnet werden können, sah und hörte die Republik vom vielbeachteten Hoeneß-Prozess genauso viel, wie sie aktuell vom NSU-Prozess sieht: nämlich gar nichts. In den Nachrichten kamen lediglich Prozessbeobachter und Journalisten zu Wort, die vom Prozess erzählten, zu sehen gab es derweil nicht viel, außer vielleicht die Bilder des Angeklagten auf dem Weg zum Gericht oder ein paar Skizzen diverser Gerichtszeichner. Grund genug für das ZDF, die entscheidenden Momente des Prozesses für dieses Dokudrama einmal nachzustellen.
„Uli Hoeneß - Der Patriarch“ sollte sehr nah an der Realität sein und er ist es wohl auch. Die Prozessszenen, die im Film zu sehen sind, basieren auf den Aussagen von Prozessbeobachtern und wie zum Beweis der Authentizität des Gezeigten kommt eine solche im Film denn auch des Öftern zu Wort. Das ist stellenweise ganz interessant, über weite Strecken aber eher mäßig spannend, weil die Details des Prozesses fast vollständig bekannt sind und der Film so nur wenig wirklich Neues zeigt. Dass längst allgemein geläufige Vorgänge und weniger interessante Ausführungen über nicht versteuerte Kapitalerträge und eine in Eile zusammengestümperte Selbstanzeige größtenteils ohne Elan und in langweiligem Juristendeutsch präsentiert werden, nimmt dem Doku-Drama immer wieder die Fahrt.
Regisseur Christian Twente bietet keine eigenen Deutungen an und tangiert viele interessante Aspekte der Geschichte nur kurz. Was die Zocker-Sucht von Hoeneß für ihn und seine Familie bedeutete, wird etwa nicht weiter thematisiert, weil der Macher sich sonst die Freiheit hätte nehmen müssen, sich von den Fakten und den dokumentierten Vorgängen vor Gericht zu entfernen. Stattdessen entscheidet sich Twente für einen fast gänzlich dokumentarischen Ansatz und setzt zwischen den Gerichtsszenen auf kurze Rückblenden zur Fußballer- und Managerkarriere von Hoeneß, die insgesamt ganz interessant und unterhaltsam geworden sind.
Außerdem kommt so ziemlich jeder zu Wort, der irgendwann mal irgendwie mit Uli Hoeneß zu tun hatte. Das sind neben den üblichen Verdächtigen wie Reiner Calmund, Werner Hansch oder Waldi Hartmann auch ein Psychologe, diverse (Sport)Journalisten, Sportfunktionäre, ein Investmentbanker und sogar der ehemalige Münchner Oberbürgermeister Christian Ude, womit der Fall Hoeneß aus allen nur erdenklichen Richtungen beleuchtet wird. Die zahlreichen Beiträge sind mal mehr und mal weniger interessant, stellenweise auch mal etwas überzogen, wenn etwa Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger über Hoeneß` erotische Beziehung zum Geld philosophiert oder ein Psychologe anhand des von Hoeneß überlebten Flugzeugabsturzes auf dessen Charakter und seine Zockeraktivitäten zu schließen versucht. Insgesamt ist es aber ein bunter Strauß an Meinungen und Anekdoten, die Twente hier präsentiert, sodass der Film zumindest nicht langweilig wird. Er bietet ein breites Spektrum teils widerstrebender Meinungen an, worin eine große Stärke des Films liegt, der das Urteil dem Zuschauer überlässt.
Inszenatorisch sind die Gerichtsszenen eher bieder und einfallslos, weil vielleicht ein wenig zu sehr um Authentizität bemüht, sie werden aber durch die Rückblenden und die eingespielten Beiträge aufgelockert. Dennoch sieht man dem Film mit seiner bescheidenen Machart insgesamt an, dass es sich lediglich um eine deutsche TV-Produktion handelt. Nur die Darsteller stechen positiv heraus, allen voran Thomas Thieme in der Rolle des titelgebenden Patriarchen. Der sieht Hoeneß zwar nicht im Entferntesten ähnlich, spielt aber ganz groß auf und verfügt über ein vergleichbares Charisma wie der prominente Steuerhinterzieher.
Fazit:
Christian Twente entscheidet sich bei diesem Hoeneß-Portrait für eine dokumentarische Herangehensweise, legt bei den nachgestellten Gerichtsszenen viel Wert auf Authentizität und lässt immer wieder diverse Experten und Vertraute des Fußballfunktionärs zu Wort kommen. Das ist stellenweise interessant, zweitweise aber auch bieder und langweilig. Etwas mehr Justizthriller hätte es durchaus sein können, vielleicht hätte sich Twente auch die Freiheiten nehmen sollen, eigene Interpretationen zu liefern oder die Geschichte ein wenig auszuschmücken. Mal sehen, wie die Konkurrenz von Sat.1 im angekündigten TV-Film „Die Udo-Honig-Story“ die Geschichte verarbeitet. Hier kommt dann hoffentlich auch Christoph Daum zu Wort.
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