Review

-Das verhängnisvolle Geschenk des Gordo-

Es gibt mit Sicherheit über jeden Menschen ein Geheimnis. Ein Geheimnis, dass auszusprechen schon zu schmerzhaft wäre. Ein Geheimnis, dass in der Vergangenheit begraben liegt. Oft holt uns bzw. irgendwann wird uns immer die Vergangenheit einholen. Dass, was wir Menschen antun, wird irgendwann zu uns zurückkommen. In der heutigen Zeit nennen das viele Karma, auch wenn dieser Begriff nur ein Produkt der Mode und vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen ist. Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es auch wieder zurück.
Simon hat sich in jungen Jahren bereits vorgenommen, sein Ego durch die Zerstörung anderer zu pushen. Er ist wohlhabend, hat eine hübsche Frau und eine glänzende Zukunft. Als er mit seiner Frau umzieht 'um die Vergangenheit begraben zu lassen', trifft er auf eine alte Bekanntschaft aus seiner Schulzeit. Gordo. 'Gordo the Weirdo'. Er scheint anfangs noch der Psychopath zu sein, obwohl er sehr herzlich und aufrichtig wirkt. Einzig das ständige, unangekündigte auftauchen, die bedrückende Musik und die Kamerführung, führen von Anfang dazu, dass er eine dunkle und gebrochene Ausstrahlung bekommt.

Wer ist hier verrückt? Das muss sich jeder selbst beantworten.

Erst noch ist es Gordo, der verrückt scheint, bis die Vergangenheit und die Wahrheit ans Licht kommt. Denn Simon verbirgt die dunkle Vergangenheit und sein Dasein als Tyrann. Durch das, was er früher erfunden hat, die Geschichte um einen zurückhaltenden und komischen Jungen, der in einem Auto mit einem Mann geschlafen haben soll, erschafft ein Leben, dass nie mehr normal sein kann.
Alle hassen diesen Jungen früher, zeichnen einen zerbrochenen Charakter früher und jetzt und sein Leben ist zerstört, durch eine Geschichte, die nicht einmal wahr ist. Sie ist erfunden. Weil es einfach ist, schwache Menschen zu demütigen.

Was ist denn Wahrheit?
Mit dieser Frage spielt der Film. Er spielt auch gekonnt mit uns Zuschauern.
Er setzt uns einen Psychopathen vor, nur um ihn dann wieder zu vermenschlichen und einen anderen, weiteren Psychopathen einzuführen.
Der Film hat dabei stets eine bedrückende Atmosphäre, tiefe, dunkle Farben, eine gekonnt inszenierte Bebilderung und eine konsequente Handlung. Sie wird nicht schnell erzählt, was der bedrohlichkeit der Charaktere und ihrer langsam aufgedeckten Hintergundgeschichte mehr als zu Gute kommt. Eben diese Erzählweise hebt sie in den Vordergrund und mein Interesse lies sich nicht zügeln. Dieses Phänomen nennt man Spannung.
Dazu kommt Joel Edgerton, der hier überraschenderweise nicht nur als Hauptcharakter, sondern auch als Regisseur fungiert.
Umso erstaunlicher ist es seinem Kammerspiel zuzusehen. Denn er spielt seine Rolle einfach ''unheimlich'' gut. So gut, dass es mir gegen Ende etwas schwer fiel, seine Racheaktion vollkommen schlecht zu finden. Der Film geht zwar sehr konsequent und extrem überzeichnet in Richtung Ende, zeichnet dadurch aber eine umso kompromisslosere Konsequenz. Es sst ein Thriller, es ist Psycho, es ist Drama. Eine gute Mischung um auch einige Fragen mit einfließen zu lassen.

Was ist Wahrheit? Was hat das, was ich tue, für eine Bedeutung? Was bewirkt, was ich tue, in Vergangenheit und Gegenwart? Wann holt mich die Vergangenheit ein? Was muss ich tun, um nicht aus schrecklichen Fehlern lernen zu müssen? Perfekt sein? Geht nicht. Irgendwann wird uns alle etwas einholen, von dem wir glauben, es liegt in der Vergangenheit begraben.

''See, you're done with the past, but the past is not done with you.'' -Gordo-

''It's all in the eyes, you see.
You see what happens when you poison other people's mind with ideas?'' -Gordo-

Freilich können wir nicht alle in diesem Film sehen, was ich sehe.
Dass liegt aber auch daran, dass ich etwas persönliches damit verbinden kann.
Ich kann mich noch gut an meine Schulzeit bis zur 10ten Klasse erinnern. Ich hatte ein paar Freunde. Ich hatte ein paar falsche Freunde. Ich war nicht der beliebteste. Und die Freundschaft mit einem der falschen Freunde hat mir ein scheinbar endloses und schmerzhaftes neuntes Jahr in der Schule beschert. Dieser falsche Freund hatte seine ''Hunde'', die er nur rufen oder nach ihnen Pfeifen musste und sie tanzten, wie seine persönlichen kleinen Marionetten. So kam es auch vor, dass man mir unerwartet in den Rücken sprang oder auf dem Schulhof auf mich wartete. Etwaige Einzelheiten wird eure Fantasie von jetzt an übernehmen müssen.

Ich kenne das Gefühl, dass Gordo in der Zeit im Film hat, in dem man noch Verständnis für ihn haben darf. Er tut seinem Peiniger das an, was er ihm auch angetan hat. Allein das trifft bei mir auf Verständnis, nicht in der Art und Weise, sondern in der Intention und Botschaft, die verstanden werden will.
Ich bin mittlerweile stärker, glücklicher und zuriedener. Ich wüsste nicht, was ich mit jenem falschen Freund machen würde, wenn ich ihm heute über den Weg laufen würde. Denn auch das hab ich diesem Menschen niemals vergeben. Wie sollte ich? Er hat sich dafür niemals entschuldigt. Er hat niemals Rechenschaft abgelegt. Es reicht mir, etwas in meinem Kopf auszumalen, was diesem falschen Freund wohl geschehen sollte, dafür, dass er sich als Tyrann aufführte und seine Macht über andere Menschen ausnutzte.

Und kennen wir das nicht alle? Lügt nicht. Jeder von euch kennt jemanden, der mal etwas getan hat, in der Vergangenheit, Gegenwart oder in der Zukunft, für das man sich das eine oder andere Mal etwas in seiner Fantasie zeichnet um runterzukommen oder um zu versuchen es zu vergessen? Es ist so. Das ist keine Frage.
Der Film hat eine Message, das Ende wird dann doch pervers und heftig, passt aber zum Grundton des Films und schockt nochmal richtig zum Schluss. Für Simon und Gordo gleichermaßen bringen wir eine Zeit lang Verständnis auf, bis wir über sie beide etwas erfahren, dass sich in der Konsequenz nur noch als krankhaft entpuppen kann. Sie beide sind Produkte ihrer Vergangenheit.

Es geht auch um die Stärke sich für das zu entschuldigen, was man einem Menschen mal angetan hat. Die Stärke zur Wahrheit zu stehen und ein guter Mensch zu sein. Es sind nicht nur Worte zu einem Film. Es sind Worte die verbinden, die aus einem Film erst etwas besonderes machen können.

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