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Musik ist eine feine Sache. Wirklich jeder mag sie. Wer mag schon keine Musik? Der Genuss wohlklingender Klangkulissen der Sache wegen und damit fernab von Balzgesängen oder Warngetriller ist eben typisch menschlich. Ebenso gattungsspezifisch ist es, daran verdienen zu wollen. Dabei lässt sich erfahrungsgemäß viel Kohle machen, wenn man die Qualität eines Produkts senkt, um den Gewinn zu erhöhen. Will man den Reibach allerdings maximieren, muss es gelingen, wertminimierte Wegwerfprodukte zu verkaufen, nach denen es einer großen Masse von Menschen verlangt. Und damit sind wir schon bei den „Spice Girls" angelangt. Und im Jahre 1997, das diesem bitterbösen Generalangriff auf die Musikindustrie als zeitliches Setting dient.

Der A&R Verantwortliche Steven Stelfox (Nicholas Hoult) ist ein Headhunter für eine britische Plattenfirma. Es ist die Zeit des Brit-Pop in den Charts und Clubs. Steven ist damit beauftragt, neue Talente zu entdecken. Doch allzu ernst nimmt der junge Mann seinen Traum-(Job) nicht, denn die meiste Zeit vertrödelt er damit, sich hemmungslos zu betrinken oder Amphetamine zu schlucken, die ihn zu sexuellen Höchstleistungen befähigen. Eigentlich wird sein Job von seiner Sekretärin erledigt (Georgia King), die im Gegensatz zu ihm eine echte Nase für Talente hat. Und doch betrachtet sich Steven als unentbehrlich und meint, der geeignete Kandidat der Chefetage zu sein für die anstehende Beförderung zur Nummer zwei der Firma. Doch die Realität holt Steven ein, denn ein Kollege (und Freund) bekommt die Stelle. Damit findet sich der eiskalte Karrierist nicht ab und schickt den Konkurrenten ins Jenseits. Doch erneut macht ein anderer das Rennen. Steven gibt nicht auf und erweist sich als wahrer Psychopath darin, seinem Willen Nachdruck zu verleihen.

„Kill your Friends" ist eine Romanverfilmung, deren Drehbuch der Autor der gleichnamigen Vorlage selbst geschrieben hat. Und das merkt man. Denn jeder Spruch wirkt vollendet zurechtgeschliffen, jeder Dialog bereitgelegt und der bisweilen derbe Spaß insgesamt wie aus einem Guss. Und das ist selbst bei als „gelungen" gehandelten Persiflagen im Kino der letzten Jahre recht selten der Fall. Zu viele Hände scheinen oft die Weichen zu stellen, zu viele Köpfe am kreativen Prozess beteiligt und zu viele Geldgeber mit im Boot zu sitzen, als dass kompromissloses Filmschaffen mit intellektuellem Anspruch und cineastischen Ambitionen ungestört vollendet werden könnte. Doch Regisseur Owen Harris ist jung, unverbraucht und augenscheinlich auf einer Wellenlänge mit Screenwriter John Niven, der hier sozusagen und im wahrsten Sinne des Wortes eine Steilvorlage liefert.

Wenn Steven durch die promiskuitive Glimmer-Welt des Mainstream und der Retortenmusik wandelt und die Gesellschaft allerlei minder- und unbegabter Zöglinge des Business zu erdulden hat (darunter Moritz Bleibtreu), die sich selbst manisch überschätzen und für bedeutende Künstler halten, dann kommentiert er für uns in die Kamera oder im Off seine meist nachvollziehbaren Gedanken zum musikalischen Unsinn, den er da vermarktet und der ihn natürlich nur in finanzieller Hinsicht interessiert. Rücksichtslos berechnend und zynisch dilettiert er sich durch eine Umgebung, die ihm an mangelnder beruflicher Professionalität in nichts nachsteht und die in ihrem schöpferischen Banausentum, ihrer innewohnenden Eindimensionalität und ihren gewinnorientierten Zahlenspielen gnadenlos unter die Lupe genommen und dann durch den Kakao gezogen wird.

Die letzte erwähnenswerte Blüte der britischen Popmusik, die in den Jahrzehnten zuvor immerhin Größen wie die Beatles, David Bowie und Depeche Mode hervorgebracht hatte, liegt nunmehr beinahe zwei Dekaden zurück. „Blur", „The Verve" und „Oasis" bestimmten Mitte der 1990er die englischen Charts und bescherten der heute in der Versenkung verschwundenen Musik der Insel ein letztes Mal internationalen Ruhm. Dabei besaßen die Pilzköpfe neuer Bauart bei Weitem nicht mehr die Nachhaltigkeit zuvor genannter Künstler und wirken rückblickend in ihrer doch recht spürbaren Substanzlosigkeit wie ein letztes Aufbäumen gegen die bis heute anhaltende Flaute der Jahrtausendwende. Beinahe subversiv, auf jeden Fall nestbeschmutzend gehen Owen Harris und John Niven daran, die nostalgische Erinnerung der Heimat an jene Tage einzutrüben.

„Kill your Friends" ist misanthropisch. Er ist gallig und nachtragend. Wo sich amerikanische Beiträge vergleichbarer Natur am Ende um die allgemeine Versöhnung bemühen und damit ihrer zuvor vorgebrachten Kritik den Biss rauben, bleibt dieser englische Film scharfzüngig und niederträchtig bis zum Schluss. Die Kritik an der Oberflächlichkeit jener Szene ist ernst gemeint, verhagelt und weit davon entfernt, sich des lieben Friedens willen um Schönwetter zu bemühen. Auch sein Humor ist brutal und dabei brutal lustig. Zumindest, wenn man zu der Sorte Filmfreund gehört, der sich neben Geistreichem auch an Grenzwertigem delektiert: „This music ist the biggest insult to humanity since a roomful of Nazis first cooed over the blueprints for Auschwitz."

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