„Ich pfeif‘ ,Die Brücke am Kwai‘!“
Für den sechsten Teil innerhalb der „Tatort“-Reihe um den Kölner Zollinspektor Kressin (Sieghardt Rupp) wagte der WDR ein besonderes Experiment: Erstmals engagierte man mit dem US-Amerikaner Samuel Fuller („Der nackte Kuß“) einen ausländischen Regisseur. Fuller, der seine Drehbücher selbst zu schreiben pflegte und dies auch hier tat, hatte sich einen Namen als Ausnahmeregisseur gemacht, zu dem u.a. die Vertreter der Nouvelle Vague ehrfürchtig hinaufblickten. Die am 7. Januar 1973 erstausgestrahlte Episode wurde bis aufs Rupps Textzeilen komplett auf Englisch gedreht und anschließend auf Deutsch synchronisiert. Neben der deutschen TV-Ausstrahlung wurde auch eine leicht erweiterte Fassung unter dem Titel „Dead Pigeon On Beethoven Street“ in die US-Kinos gebracht. Das deutsche „Tatort“-Publikum konnte mit dem Ergebnis nicht viel anfangen und sah sich in seinem Sehgewohnheiten empfindlich gestört.
„Reden Sie vernünftig!“
Mitten in der Bonner Beethovenstraße wurde der amerikanische Privatdetektiv Johnson erschossen. Der Täter Charlie Umlaut (Eric P. Caspar, „Aurelio und Co.“) konnte schnell gefasst werden und befindet sich unter Bewachung im Krankenhaus. Da man zunächst glaubt, es mit internationalem Drogenschmuggel zu tun zu haben, wird Zollinspektor Kressin auf den Fall angesetzt. Dieser lernt im Leichenschauhaus Johnsons Partner, den US-Privatdetektiv Sandy (Glenn Corbett, „Mörderisch“) kennen, der Kressin einweiht: Er war mit seinem toten Partner einem internationalen Erpresserring auf der Spur, der Politiker – unter anderem ihren Auftraggeber – betäubt, kompromittierende Fotos von ihnen zusammen mit attraktiven jungen Damen schießt und mittels dieser um hohe Geldsummen erpresst. Einer Befragung kann sich der Mörder jedoch durch Flucht aus dem Krankenhaus entziehen, während derer er Kressin anschießt und damit außer Gefecht setzt. Sandy kommt der sich für die Erpresserfotos hergebenden Christa (Christa Lang, „Is’ was, Doc?“) jedoch auch ohne Kressin auf die Spur. Er benutzt sie, um als vermeintlicher Konkurrent Kontakt zu den Hintermännern zu bekommen. Doch verliebt er sich auch in Christa – und sie sich in ihn…
„Ich schnapp‘ gleich über!“
Den initialen Mord enthält Fuller seinem Publikum vor und zeigt lediglich Charlie Umlaut (der Versuch einer „deutschen“ Namensgebung?), wie er dem Toten etwas entwendet. Die Verfolgungsjagd mit der Polizei ist kurz, recht unspektakulär wird Charlie angeschossen und verhaftet. Wesentlich aufsehenerregender und turbulenter ist Charlies Flucht aus dem Krankenhaus, in deren Verlauf er nicht davor zurückschreckt, an der Säuglingsstation herumzuballern und eben auch auf Kressin zu schießen. Dies ist nur der Auftakt für mehrere „Entweihungen“ bzw. Umdeutungen von Schauplätzen, die sich durch diesen „Tatort“ ziehen: Im Hotel Petersberg beispielsweise, wo sonst offizielle Staatsempfänge stattfanden bzw. deren Gäste untergebracht waren, treiben Sandy und Christa ein schmutziges Spiel mit einem afrikanischen Politiker. Am eindringlichsten ist sicherlich die Sequenz ausgefallen, in der Sandy ausgerechnet mitten in einem Karnevalsumzug den als Clown verkleideten Umlaut eigenhändig erwürgt – eine vom Wahnsinn geprägte Szene. Kressin hingegen spielt seit seiner Schussverletzung keinerlei Rolle mehr in diesem Fall, weshalb konsequenterweise auch auf das sonst obligatorische „Kressin und…“ im Titel verzichtet wurde.
„Die Amerikaner sind ein gewalttätiges Volk!“
Um sich zunächst einmal an Christas Fersen zu heften, folgt Sandy ihr ins Kino, wo er sich den US-Western „Rio Bravo“ ansieht, seiner Freude über den Streifen Ausdruck verleiht und John Wayne anfeuert – eine Szene, die wie eine Parodie auf US-Amerikaner wirkt und den bulligen, schnauzbärtigen Sandy als einfältiger charakterisiert, als er eigentlich ist. Denn der wahrscheinlich beste Kniff der Handlung ist der gewiefte Plan, den er anschließend eiskalt durchführt, indem er Christa betäubt, Fotos von ihr schießt und für eine kompromittierende Fotomontage verwendet, sodass fürs Publikum temporär der Eindruck entsteht, er sei selbst Teil des Erpressersyndikats. Als Sandys Plan aufgeht und er auf den Kopf des Syndikats (Anton Diffring, „7 Tote in den Augen der Katze“) trifft, entpuppt sich dieser als bildtelefonierender und international operierender Boss – und Sammler mittelalterlicher Hieb- und Stichwaffen. In seiner Exzentrik erinnert er ein wenig an die Obermotze aus Agententhrillern. Mehr als für seine Figuren scheint sich Fuller aber für Zitate und Insider-Verweise zu interessieren: Neben „Rio Bravo“ wird eine kurze Szene aus „Alphaville“ von Nouvelle-Vague-Vorreiter Jean-Luc Godard zitiert, in der Christa-Darstellerin Christa Lang zu sehen ist, die auch Fullers Ehefrau war. Ohne wirklichen Bezug zur Handlung ist Stéphane Audrans Gastauftritt, ein Star der Nouvelle Vague. Ihr Rollenname: Dr. Bogdanovich…
Mit seinen zeitweise eingesetzten Zooms auf Augenpartien erinnert Fuller hingegen ans damalige italienische Genrekino. Seine Kameraführung ist verspielt und perspektivenreich, dabei häufig selbstzweckhaft. Die fatalistische Beziehung zwischen Christa und Sandy gemahnt an den Film noir. Die Kölner Avantgarde-Gruppe Can löste Stammkomponist Klaus Doldinger bei der Filmmusik ab. Was nach einer reizvollen Melange klingt, ist jedoch sehr dialoglastig inszeniert worden, zudem wird die lineare Erzählung von Auslassungen bedeutender Ereignisse unterbrochen, um sich im Anschluss wieder mühsam durch Belanglosigkeiten zu schleppen. Wie viel davon Kalkül und Intention Fullers war, kann ich nicht beurteilen, zumindest scheint er aber eine nachvollziehbare oder gar spannende Inszenierung seinen stilistischen Spielereien, seinen Augenzwinkereien und seinen Referenzierungen geopfert zu haben. Erschwerend hinzu kommt, dass die Amerikanisierung dieses „Tatorts“ ihn vor vertrauter rheinländischer Kulisse wie einen Fremdkörper erscheinen lässt.
Der Showdown mit seinem Degenkampf und Sandys verzweifeltem Gebrauch des Waffenarsenals des Syndikatsbosses ist irgendwo zwischen skurril und bizarr einzuordnen. Nichtsdestotrotz ist es Fuller gelungen, einen „Tatort“ mit einer knallharten Pointe zu entwickeln, in dem durch die Bank weg alle käuflich sind, ständig jemand geschmiert wird und jeder ein falsches Spiel spielt – ein Stück weit wie ein permanenter böser Karneval, in dem niemand der- oder diejenige ist, die er oder sie zu sein vorgibt. Ganz so, wie dieses „Tatort“ kein Kressin-Fall ist – und eigentlich auch gar kein richtiger „Tatort“. Ob Fuller diese Parallelen bewusst waren?