Der Boston Globe erhält einen neuen Chefredakteur, gespielt von Liev Schreiber, einen Auswärtigen aus Florida, einen Juden, der mit den örtlichen Gepflogenheiten, mit Baseball und der katholischen Kirche, wenig am Hut hat. Er stößt den Chef des Investigativ-Teams Spotlight, gespielt von Michael Keaton, auf die Spur eines pädophilen Priesters, der mehrere Kinder missbraucht haben soll. Besonders pikant: Dem Kardinal der US-Metropole sollen die Taten bekannt gewesen sein. Die Journalisten, gespielt von Mark Ruffalo, Rachel McAdams und Brian d`Arcy James, nehmen die Arbeit auf und fördern schockierende Erkenntnisse über ein System zutage, das zahllose Vergewaltiger in seinen Reihen duldet und die Kindesmissbräuche mit allen Mitteln verschleiert.
Dass „Spotlight“ schließlich den Oscar als bester Film gewann, wurde mitunter als ein salomonisches Urteil der Oscar-Jury gewertet, schließlich hatte ja „The Revenant“ schon die Goldjungen für seinen Hauptdarsteller und die Regie gewonnen, „Mad Max: Fury Road“, der dritte große Abräumer, sechs Preise in diversen technischen Kategorien. So wurde auch „Spotlight“, neben dem Oscar-Gewinn für das Drehbuch, entsprechend gewürdigt. Von der Presse wurde der Film ohnehin gefeiert, was aber auch dem Umstand geschuldet sein könnte, dass es um ein Team Pulitzer-Preis-prämierter Investigativ-Journalisten geht. Nüchtern betrachtet lässt sich jedoch eines ganz klar festhalten: Die Entscheidungen der Jury gehen in Ordnung, Inarritu hat sich seinen Regie-Oscar mit seinen opulenten Bildern für „The Revenant“ verdient, aber „Spotlight“ ist der mit Abstand beste Film dieses Jahrgangs.
Und er beginnt mit der Spitze des Eisbergs: Die Journalisten werden von ihrem neuen Chefredakteur auf ihre Story gestoßen, einen pädophilen Priester, dessen Taten vertuscht wurden. In der Folge decken sie einen Skandal nach dem anderen auf, eine Justiz, welche die Taten verschleierte, einen degenerierten Klerus, der sich entweder widerlicher Übergriffe auf Kinder und Jugendliche schuldig machte, zumindest aber die Taten der schwarzen Schafe verschwieg, auf eine Kirche, die jeden diskreditiere, der gegen dieses System anzugehen versuchte. Das Ausmaß der regelrecht mafiösen Strukturen wird dabei überdeutlich. Beachtlich ist zudem, dass auch die Rolle des Boston Globe nicht glorifiziert wird. „Spotlight“ zeigt, dass auch die Journalisten lange nichts von den Missbrauchsvorfällen wissen wollten, dass sie auch den klarsten Hinweisen keine Aufmerksamkeit schenkten und somit selbst Komplizen der Vertuscher wurden. Bezeichnend ist, dass der neue, nicht aus der katholischen Hochburg Boston stammende Chefredakteur die Journalisten erst auf die Story ansetzen muss. Selbiges gilt für die Widerstände, auf welche die Journalisten bei ihren Recherchen in Boston stoßen. Dass die katholische Kirche mitunter sogar lobende Worte für den Film fand, spricht zudem dafür, dass hier wenig künstlich aufgebauscht wurde.
Das Drehbuch von Regisseur Tom McCarthy und Josh Singer thematisiert die Arbeit der Journalisten bis hin zur Veröffentlichung ihrer Arbeit in einer Detailliertheit und Präzision, die angesichts des gewaltigen Umfangs der mehrmonatigen Recherchen mehr als beachtlich ist. Da stets ein roter Faden erkennbar ist, läuft „Spotlight“ dennoch zu keinem Zeitpunkt Gefahr, seine Zuschauer zu überfordern. McCarthy gelingt es, die interessante, aber enorm umfangreiche Recherche, so dicht zu erzählen, dass sein Drama spannender als jeder Thriller ausfällt und seinem Zuschauer keine Verschnaufpause vergönnt. Wenn Szenen, in denen hektische Menschen in Stapeln von Akten blättern, eine immense Spannung entwickeln, wird deutlich, welches erzählerische Kunststück dem „The Visitor“-Regisseur McCarthy hier gelungen ist. Dazu tragen auch die präzisen, pointierten Dialoge, der emotionale, aber doch treibende Score von Howard Shore sowie der zügige Schnitt bei, der dynamisch, jedoch nicht hektisch ausgefallen ist. Kurzum: Besser und vor allem spannender hätte McCarthy seinen Film nicht inszenieren können.
Was die emotionale Komponente angeht, bleibt McCarthy kaum Zeit, um seine Figuren zu vertiefen. Umso beachtlicher ist es, dass die Reporter dennoch an Profil gewinnen, weil nebenbei und vor allem über Bilder das Wichtigste aus ihrem Privatleben deutlich wird. Vor allem zeigt der Film, wie nah die Recherchen den Journalisten schließlich gehen, weil ihre Enthüllungen jedes Gerechtigkeitsempfinden überstrapazieren, weil sie mit vielen traumatisierten Opfern persönlich konfrontiert werden, weil sie vor der Konkurrenz veröffentlichen wollen, weil die Fälle mitunter ihr direktes Umfeld betreffen. Die Reporter werden zu Getriebenen ihrer Recherche und verbeißen sich in einen Fall, bei dem es mehr als verständlich ist, dass er sie nicht mehr loslässt.
Und McCarthy gelingt noch ein weiteres Kunststück. „Spotlight“ ist, wenngleich sie im Film nur selten zu Wort kommen und vor allem die Arbeit der Journalisten im Vordergrund steht, auch ein Film für die Opfer, ein Werk, das ihnen eine Stimme gibt, wie es die Verantwortlichen bei der Oscar-Verleihung betonten. „Spotlight“ macht deutlich, dass die traumatischen Kindheitserlebnisse zu Drogensucht und Alkoholismus führen können. In kurzen Interviews befragen die sichtlich betroffenen Reporter einige Opfer zu ihren Erfahrungen und diese Momente gehören zu den persönlichsten und intensivsten des Films. Das ist auch dem perfekten Darstellerensemble zu verdanken, das bis in die kleinste Nebenrolle ein gewaltiges Potential besitzt. Niemand sticht heraus, weil man hier ohnehin nur negativ herausstechen könnte. Mit Mark Ruffalo und Michael Keaton konnte McCarthy zwei bereits für den letztjährigen Oscar nominierte Darsteller gewinnen, deren Darstellungen in „Spotlight“ denen in „Birdman“ und „Foxcatcher“ in nichts nachstehen, zudem einen Liev Schreiber, der als charismatischer und nachdenklicher Chefredakteur nicht besser besetzt sein könnte. Die positive Überraschung des Films ist die sonst oft als schmückendes Beiwerk besetzte und damit offenbar unterschätzte Rachel McAdams, die ihr tiefes, persönliches Bedauern in den Interviews mit den Opfern nicht besser zum Ausdruck bringen könnte und hier definitiv die beste Leistung ihrer Karriere abliefert.
Fazit:
„Spotlight“ ist nicht nur ein würdiger Oscar-Gewinner, sondern einer der besten Journalisten-Thriller überhaupt, der sich auch hinter „Die Unbestechlichen“ nicht zu verstecken braucht. Die umfangreiche Recherchearbeit wird detailliert und pointiert aufgearbeitet und derart dicht erzählt, dass der Film eine atemlose Spannung entfaltet, wobei auch die Emotionen nicht auf der Strecke bleiben. Ohne die Arbeit der Journalisten, die den Missbrauchsfällen über Jahre nicht nachgehen wollten, allzu sehr zu verherrlichen, ist McCarthy hiermit ein eindrucksvolles Plädoyer für den Investigativ-Journalismus und eine ebenso schockierende Aufarbeitung der Bostoner Missbrauchsvorfälle gelungen.
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