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Ein verstörtes Kind sitzt mit seinen Eltern in einem Raum eines Polizeireviers. Ein Priester redet mit Nachdruck auf die Familie ein. Kurz darauf sieht man diesen mit einem anderen Priester in ein Auto steigen und davonfahren. Zwei Polizisten sehen dem Auto teilnahmslos hinterher.
Mit dieser Szene beginnt der Oscarprämierte Spotlight. Nahezu ohne gesprochene Worte fasst sie brillant, mit wenigen Bildern das verkausalisierte Vertuschungssystem von Kindesmissbrauch in katholisch-kirchlichen Einrichtungen und ihr dadurch ermöglichtes jahrzehntelanges Fortbestehen zusammen.

Der neue Chefredakteur des Boston Globe Marty Baron (Liev Schreiber) drängt sein Team investigativer Journalisten mit sanftem Nachdruck auf den jahrelang vernachlässigten Fall von mehreren missbrauchsvorwürfen gegen die Bostoner katholische Kirche. Unter der Leitung von Walter Robinson (Michael Keaton) recherchiert, prüft und forscht sein Team (Mark Ruffalo, Rachel McAdams, Brian d'Arcy James und John Slattery) nun Aussagen, Akten und Beweise. Die nüchternen Augen des Qualitätsjournalismus nähern sich den lange von allen Seiten ignorierten Opfern und stoßen auf viele, meist bürokratische, Hürden. Man wühlt sich durch Aktenberge, befragt Informanten und erduldet schikanöse, offenbar systemimmanente, Vertuschungsabsichten. In ihrer journalistischen Arbeit wird nicht aufgebracht nach Tätern gesucht, oder Opfern voyeuristisch über die Schulter geblickt, sondern faktisch und professionell ein langjähriges Verbrechen gegen alle Widerstände an die Öffentlichkeit gebracht. Selten und subtil lässt sich auch ein kleiner Blick auf das Privatleben der Journalisten erhaschen, das trotz der Schemenhaftigkeit, kleine, aber gewichtige Details über die Figuren erfahrbar macht.

Die fürs Kino vermeintlich unspektakuläre Tätigkeit des Journalisten, zeichnet sich hier vor allem durch sachliche Dialoge und präzise geschilderte Recherche aus. Zu keiner Zeit erliegt Regisseur Tom McCarthy der Versuchung, sich der Emotionalität des Falles gänzlich hinzugeben und dem einfach gestrickten Empörungskino anzubiedern. Spotlight sieht sich dankenswerterweise vielmehr als ein Plädoyer für den investigativen, professionellen Journalismus und ihren unerlässlichen Wert für eine funktionierende Demokratie. Ohne billige Betroffenheit und Emotionalisierung widmet man sich der kirchlichen wie gesellschaftlichen (Mit-)Schuld und Verantwortung, die ein Netz aus systematischer Vertuschung möglich gemacht hat. Der kritische Blick, der auch nicht vor der Arbeit der Presse halt macht, erklärt sich schon daraus, dass Spotlight keinen Fall wiedergibt, der im klassischem Sinne aufdeckt wurde. Immer wieder wird darauf verwiesen, dass die Fakten, die zur Klärung und Aufdeckung nötig gewesen wären, schon Jahre auf den Schreibtischen bzw. in den Archiven gelegen sind. Das System des Ignorierens und Verschweigens, das weit über die Grenzen der Kirche hinausging, ist der eigentliche Skandal. So ist es auch kein Zufall, dass die Vorwürfe erst auf Nachdruck des „Neulings" Marty Baron bearbeitet werden. Betriebsblind und voll unbemerkter Tabus, stellt es für die heimischen Journalisten eine Herausforderung dar, sich gegen die bisher unhinterfragte Religionsloyalität der Bostoner Gemeinschaft und Gesellschaft zu stellen.

Dem großen Vorbild All the President‘s Men steht Spotlight in nichts nach. Mit klugen Dialogen, fantastischen Schauspielern, dem Verzicht auf redundante Effekthascherei und trotzdem voller memorabler Bilder ist McCarthy ein wunderbar unaufgeregter Ensemblefilm gelungen. Diesen Film wird man, trotz seines Themas, nicht mit selbstgerechter Wut oder tränenverschwollenen Augen verlassen und gerade dieser Verzicht auf solch plakatives, wie nutzloses Echauffieren, erlaubt eine intelligente, tiefere Auseinandersetzung, die der Thematik angemessen ist.

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