Review

kurz angerissen*

"Spotlight" erzählt, obgleich seine wahre Geschichte nur eineinhalb Jahrzehnte in der Vergangenheit liegt, von alten journalistischen Werten und vermittelt einen Eindruck davon, welchen Einfluss Informationsmedien geltend machen können und wie sehr ihre Durchschlagskraft vom Berufsethos abhängt, mit dem sie verwendet werden; nicht zuletzt auch, wie abhängig das Gesellschaftsbild sich von ihnen zeigt. Tom McCarthy zeigt schlussendlich auf, dass Zeitungen keine Fenster sind, die einen neutralen Blick auf das Weltgeschehen geben. Anhand der Hochleistungen einiger weniger macht er deutlich, dass es eines unbedingten Kraftakts braucht, um einen großen Skandal wie den sexuellen Mißbrauch von Kindern durch Geistliche der römisch-katholischen Kirche aufzudecken, da Widerstände eine offene Berichterstattung unter normalen Aufwänden unmöglich machen, ob nun ein persönlich befürchteter Schaden oder ein solcher an der gesellschaftlichen Ordnung Grund für ihre Existenz ist.

Angesichts der pikanten Thematik wäre eine Heroisierung der Spotlight-Investigative allzu schnell bei der Hand; um so wichtiger, dass McCarthy darauf völlig verzichtet. Die von Mark Ruffalo, Rachel McAdams und Brian d'Arcy James unter der Leitung von Michael Keaton dargestellten Journalisten erscheinen wie Relikte aus einer längst vergangenen Zeit, in ihrem Denken festgefahren und hochfokussiert, dabei jedoch äußerst menschlich. Und Menschlichkeit bedeutet hier auch: Unscheinbar, manchmal fehlgeleitet und immer fehlbar, im Team jedoch zu außergewöhnlichen Leistungen in der Lage, die im Film niemals als solche gefeiert werden. Wie bei jeder wahren Geschichte kann man die dargelegten Fakten anzweifeln, zumal ein Film, sei er auch noch so dokumentarisch gehalten, immer auch selbst ein wertendes Medium ist. Mindestens ein dreifacher Zerrspiegel wird auf die ungefilterte Realität gehalten (die Berichterstattung über den Bostoner Skandal auf der ersten Stufe, dann das auf dem Skandal basierende Drehbuch, dann der auf dem Drehbuch basierende Film). Und doch reflektiert sich in der medialen Interpretation wiederum eine Perspektive auf die Wahrheit, die viel Entlarvendes enthält. "Spotlight" kann als Film dazu beitragen, dass die Kurzfristigkeit der Enthüllungen des Boston Globe eine Nachhaltigkeit erfahren, die sich über den eigentlichen Wirkungsgrad der journalistischen Arbeit hinaus erhält.

*weitere Informationen: siehe Profil

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