Staffel 1 - 8/10
Staffel 1
Schmort alle in der Hölle!!!
Dass es in Reality-TV-Formaten wie dem „Bachelor“ um alles andere als die „echte Liebe“ geht, dürfte selbst den naivsten Zuschauern des Rosenkavaliers klar sein. Doch „UnREAL“ bringt die unfassbaren Machenschaften und miesen Maschen im Trash-TV-Business derart ungeschönt und mit verschmitztem, oft im Hals stecken bleibendem Lächeln ans Licht, dass man solche Formate in Zukunft nochmal mit ganz anderen Augen sehen könnte... Im Premierenjahr von „UnREAL“ folgen wir einer sehr intelligenten aber psychisch auch etwas angeknacksten Produzentin und Steuerfrau der Sendung „Everlasting“, bei der ein reicher englischer Junggeselle aus zwei dutzend amerikanischen Frauen die „einzig Wahre“ finden soll. Und während versucht wird mit sprachlos machenden Manipulationen und Techniken eine unterhaltsame Show zu kreieren, ergeben sich hinter den Kulissen der beliebten Farce fast mehr Intrigen und Skandale, als meist gestellt vor der Kamera...
„Der Bachelor“ und seine Ableger sind die letzten Sendungen, die ich noch bzw. schon seit jeher im „klassischen TV“ verfolge. Da bekenne ich mich schuldig, dabei kann man einfach hervorragend abschalten, lachen und einem ziemlich perfiden Experiment mit mehreren Ebenen beiwohnen. Um echte Gefühle oder langlebige Beziehungen ging es da noch nie, das dürfte auch jedem der Beteiligten und der halben Nation klar sein. Doch „UnREAL“ füllt einige der Fragen über die Produktion und die Abläufe dermaßen teuflisch und abgefuckt mit Leben, dass selbst den zynischsten Zuschauern der ohne Zweifel fragwürdigen Sendung(en) des Öfteren die Haare zu Berge stehen werden. Es ist das Porträt einer Sendung und indirekt einer ganzen Branche, die düsterer und asozialer kaum sein könnte, in den Staaten glaube ich nochmal ein ganzes Stück heftiger regelmäßig in Abgründe springt, als hierzulande.
Egal ob es psychologisches Ausspielen der ohnehin schon angeschlagenen, oft recht verzweifelten Kandidaten ist oder gleich wesentlich ekelhaftere Methoden wie das perfide Verdrehen eines Selbstmords zum Vorteil der Show - „UnREAL“ scheut sich nicht dahin zu gehen, wo es weh tut. Und das ist bei diesem Thema auch zwingend notwendig. Manchmal gleitet die Serie selbst etwas Richtung Kitsch und Soap, aber die meiste Zeit schwingt eine grandiose Boshaftigkeit mit, der man sich nicht entziehen kann und die man in dieser Form eher selten im Fernsehen sieht. Irgendwo zwischen „Veep“ und „Californication“. Das ist nicht weniger als ein Angriff auf und ein Mittelfinger gegen das „alte Fernsehen“ - vom neuen Streaming-TV. Mutig und längst überfällig. Vor allem unsere zwei Leading Ladies spielen das richtig groß, fast wie Anti-Helden und kleine Mephistos, zwischen Erfolg, Selbstzweifel, Dreistigkeit und immer mit einem kleinen Schimmer Menschlichkeit hinter den oft skrupellosen, leeren Augen. Hier gibt es keine Tabus oder Grenzen, hier wird wortwörtlich über Leichen gegangen. Geahnt hat man das schon immer - aber es so aufgezeigt zu bekommen, ist nochmal was ganz Anderes. Bitter, berechnend, bösartig. Und wir lieben es... In wieweit die Serie natürlich etwas dick aufträgt und übertreibt, weiß ich nicht. Aber ich würde fast behaupten, dass die Wahrheit (zumindest in den noch oberflächlicheren Staaten) vielleicht sogar mindestens genauso niederschmetternd und heftig sein könnte.
Fazit: böse, bissig, biestig - die perfekte Serie und Ergänzung für „Bachelor“-Gucker. Herrlich fies und ein dunkler, augenöffnender Spiegel für alle Beteiligten - inklusive uns Zuschauern! Gnadenlose Medien- und Gesellschaftskritik mit herrlichem Drive, Diabolik und dicken Eiern. Und starken, äußerst interessanten, komplexen (Frauen-)Figuren, die Lust auf mehr machen. (8/10)