Rabenschwarz, bitterböse, sarkastisch, endlos traurig und einer der besten Hollywoodfilme aller Zeiten: Das ist "Sunset Blvd." (1950) von Billy Wilder. Gloria Swanson brillierte dort als gealterte Stummfilmdiva, die sich im Laufe einiger Schönheits-OPs kurzzeitig in ein horrorfilmmäßig bandagiertes Monstrum verwandelt und sich immer wieder die Filme einer längst vergangenen Ära in ihrem Mausoleum von Villa vorführen lässt.
Dieser Typus der ebenso monströsen wie mitleiderregenden, labilen und egomanischen Diva kehrte später mehrfach auf die Leinwände - oder die Bildschirme - zurück: etwa in Mitchell Leisens "The Sixteen-Millimeter Shrine" (1959), einer frühen Episode der einflussreichen, wegweisenden TV-Serie "Twilight Zone" (1959-1964). Dort spielt Ida Lupino eine vergleichbare Diva, die am Ende der Episode den großen Sprung schafft: den Sprung in die Vergangenheit, in ihre Filme. Eine Pointe, die man aus EC-Comics bereits kannte - und die zurückgeht auf all jene unheimlichen Erzählungen, in denen es diverse Menschen in irgendwelche Gemälde verschlägt.[1]
Neue Popularität gewinnt diese phantastische Pointe dann in einer Komödie: In Woody Allens "The Purple Rose of Cairo" (1985) tritt zur großen Überraschung einer unzufriedenen, eingeschüchterten Hausfrau ein strahlender Leinwand-Lover aus der Leinwand, um sich an jene Zuschauerin heranzumachen, die seinen Film nun schon so oft besucht hat, um ihrem Leben zu entfliehen. Allen, der in Anlehnung an Buster Keatons "Sherlock Jr." (1924) damit seine metafilmisch-selbstreflexiven Ansätze aus "Stardust Memories" (1980) und "Zelig" (1983) originell weiterführte, verleiht der phantastischen Pointe noch etwas mehr Tiefe - und sein Film geht einer ganzen Reihe von Filmen unterschiedlichster Couleur mit ähnlicher Prämisse voran: "Dèmoni" (1985), "Dèmoni 2" (1986), "The Video Dead" (1987), "Last Action Hero" (1993) und "Pleasantville" (1998) lassen allesamt ihre Figuren in Filme-im-Film eintreten oder Charaktere aus solchen Filmen in die innerfilmische Realität überwechseln. Cronenbergs "Videodrome" (1983) ist in dieser Hinsicht ebenfalls als Inspirationsquelle zu werten, verfolgt aber gänzlich eigene Wege... gleiches gilt für jene Komödien, die gerade in den 70er Jahren ihre Charaktere in eine übergeordnete Realitätsebene eindringen ließen ("Blazing Saddles" (1974), "Monty Python and the Holy Grail" (1975)).
In diese Filme reiht sich auch [Achtung: Spoiler!] Todd Strauss-Schulsons "The Final Girls" ein, welcher zugleich auch in der Tradition des postmodern-selbstironischen Slasherfilms von "Scream" (1996) bis "The Town That Dreaded Sundown" (2014) steht und vor allem auch wie für Slasher-Fans gemacht erscheint.
Da gibt es in der Welt von "The Final Girls" eine klassische Slasher-Reihe namens "Camp Bloodbath", die deutlich in der Tradition der Filme/Filmreihen um "Friday the 13th" (1980), "The Burning" (1981) und "Sleepaway Camp" (1983) steht: In dieser mordet ein Kane-Hodder-/Jason-Vorhees-Lookalike eine Reihe junger Camper, darunter die schöne Nancy. Nancy wurde einst von Amanda Cartwright gespielt (welche wiederum von Malin Akerman gegeben wird), die seitdem als mäßig erfolgreiche Darstellerin unter dieser Rolle litt. Ein Unfalltod beförderte Cartwright einst ins Jenseits - und Tochter Max Cartwright (Taissa Farmiga), die (ohne wirkliche Schuld) zum Unfall beigetragen hatte, ist fortan auf sich allein gestellt.
Als sich der Jahrestag des Unfalls nähert, lässt sich Max überreden, einem "Camp Bloodbath"-Kinoabend beizuwohnen - und wird gemeinsam mit einigen Freunden in die Realität der Filmreihe hineingesaugt: die Flucht während eines Feuers durch die brennende Leinwand - auf welcher derweil Nancys Sterbeszene abläuft - reicht als Ursache des phantastischen Ebenenwechsels bereits aus.
Nun befindet sich Max mit ihren engen und weniger engen Freunden im Slasher-Kosmos mit seinen peinlichen Klischee-Teenagern - und kämpft nicht bloß um das eigene Überleben und das Überleben ihrer Freunde, sondern auch um das Überleben der von ihrer Mutter verkörpterten Figur Nancy: immerhin hat Max seit dem Unfall ein paar Schuldgefühle abzubauen. Der Aufenthalt in "Camp Bloodbath" gerät für sie zum Initiationsritus: das unscheinbare, blasse Mädchen, welches die einzige Jungfrau in ihrer Clique ist, nimmt bald die Rolle des Final Girls ein, als man versehentlich das ursprüngliche Final Girl Paula in den Tod befördert...
Zeit, nochmals auf den Titel zu schauen: "The Final Girls". Wer ist gemeint? Paula, das ursprüngliche Final Girl - welches gar nicht so recht in den "Camp Bloodbath"-Stoff passt (und eher wie eine Verbeugung vor Tarantinos & Rodriguez' "Grindhouse" (2007) wirkt) -, und Max? Eher weniger... Max und das ursprüngliche Opfer Nancy, das es nun vor allem zu retten gilt? Schon eher... Vor allem aber alle weiblichen Charaktere, die nach Paulas Ableben theoretisch die Rolle des Final Girls einnehmen könnten... und vielleicht auch noch einfach alle Final Girls der vorangegangenen Filmgeschichte. Zumindest ist es ein Film mit einer recht emanzipiert-weiblichen Sicht auf das Subgenre: Der männliche Slasher-Konsument in "The Final Girls" ist zumindest ein unsensibler Freak, ein vertrottelter Nerd, der sich so gut im vertrauten Slasher-Kosmos auszukennen glaubt, dass er gleich als erster dem Maskenkiller zum Opfer fällt. (Vergleichbar dem sexbesessenen Aufreißer und Tittenheft-Konsumenten, der innerhalb des "Camp Bloodbath"-Stoffes den nervtötende Macker abgibt, welcher früh zum Opfer wird.) Hilfreicher erweist sich da die Empathie der Frauenfiguren: die beste Freundin, die - gleichwohl nicht unansehnlich - nicht den Standards der Filmschönheit entspricht, die aber mehrfach ihre inneren Werte unter Beweis stellt; die sorgende Mutter und die besorgte Tochter, die sich jeweils für die andere aufopfern wollen. Selbst die gehässige Bitch legt hier eine ehrliche Beichte ab...
"The Final Girls" ist nicht zuletzt ein Mutter-Tochter-Drama: Der von der Tochter mitverschuldete Autounfall kann zwar nicht rückgängig gemacht werden, auch kann Nancy nicht von Max gerettet werden (wohl aber der junge Mann, auf welchen Max ein Auge geworfen hat), aber es kommt immerhin zu einer Aussprache zwischen der Tochter und dem Filmbild ihrer verstorbenen Mutter, die ihren Opfergang zum Maskenkiller zu "Bette Davis Eyes"-Klängen antritt, welche auch schon während des Autounfalls auf CD zu hören waren[2]: Max kann mit ihrer tragischen Vergangenheit abschließen und an der Seite ihres ersten Freundes eine neue Zukunft beginnen, in der sie ihre jungfräuliche Unschuld hinter sich gelassen haben wird. (Wobei: Am Ende verschlägt es Max und Freunde nicht wieder in ihre Realität, sondern in das erste "Camp Bloodbath"-Sequel.[3])
Mit diesem Spannungsbogen steht "The Final Girls" den metafilmischen (Tragi)komödien "The Purple Rose of Cairo" und "Pleasantville" wesentlich näher als dem klassischen Slasherfilm, dem er sich zwar stark annähert, sich ihm aber zugleich auch verweigert: "The Final Girls" verzichtet auf krudere Gewaltakte und spart ganz erheblich mit nackten Brüsten und Hinterteilen. Wer das Fehlen dieser slashertypischen Elemente kritisiert, übersieht, dass der Film ihn ohnehin mit einem trotteligen, emotional etwas verkümmerten Nerd vergleicht und seinen Schwerpunkt eher auf das Mutter-/Tochter-Drama verlagert - und auf Darstellerinnen, denen Slasherrollen mehr Fluch als Segen waren, sowie auf Final Girls, die nicht deshalb überleben, weil sie Jungfrauen sind, sondern deshalb, weil sie sich nicht vom erstbesten Frauenaufreißer flachlegen lassen: Dass man sich vor auf schnellen Geschlechtsverkehr drängenden Männern zu schützen habe, kommt schon früh im Film als mütterlicher Rat zur Sprache und wird mehrfach aufgegriffen. Strauss-Schulson und seine Autoren versuchen mit "The Final Girls", den konservativen Jungfräulichkeits-Aspekt des Slasherfilms mit einem leidlich feministischen Ratschlag, auf den Richtigen zu warten und sich nicht vom Nächstbesten benutzen zu lassen, zu verbinden: am Ende überlebt dann auch nicht bloß das Final Girl, sondern auch ihr love interest, sodass der Lust nichts im Wege steht... (Tatsächlich ist diese Grundhaltung des Films mindestens so konservativ wie die des typischen 08/15-Slashers. Einen kritischeren, wesentlich geglückteren Zugang zur Slasher-/Sexualitäts-Thematik hatte dagegen "It Follows" (2014) im Vorjahr gefunden.)
Wie Cravens "Scream"-Reihe erzählt "The Final Girls" somit eine psychologisch stimmige Geschichte der Überwindung eines Traumas, kann seine vielversprechenden Ansätze aber nicht optimal umsetzen. Nur selten gibt sich der Film hintersinnig: der Humor ist oftmals recht oberflächlich, das Spiel mit Metalepsen wird recht bald zu Tode geritten. Während "Scream" Hommage und Parodie zu einer wahren Einheit verschmelzen konnte, lässt bei "The Final Girls" eine Hassliebe zum Subgenre den Film auseinanderklaffen: Ein phantastisches Mutter-Tochter-Drama beginnt ambitioniert, wird aber zugunsten einer Darstellung von Slasher-Schablonen zu stark reduziert, wobei letztere mit all ihren peinlichen, zum Fremdschämen anregenden Tiefpunkten reproduziert werden. Zudem kann "The Final Girls" nicht kaschieren, dass er trotz eines vordergründig kritischen Umgangs mit dem Slasher selbst bloß ein etwas konservatives Rührstück über wahre Liebe darstellt.
Inszenatorisch legt es "The Final Girls" bloß während einiger Ebenenwechsel (zwischen Film und Film-im-Film, zwischen Farbe und S/W, zwischen Echtzeit und Zeitlupe) und loops (sich wiederholender Ereignisse) auf Originalität an. Ansonsten bleibt die Inszenierung ausgesprochen durchschnittlich: und wenn sich die Kamera einmal ein paar Extravaganzen leistet, dann werten meist suboptimale, durchschaubar computergenerierte Eindrücke diese vermeintlichen Kunststückchen ab.
Insgesamt ein recht unrunder Mix, der Slasher-Fans nicht die volle Dröhnung Blut & Nacktheit liefern wird und dem am phantastischen Mutter-Tochter-Drama interessierten Publikum die ambitionierten Ansätzen zu sehr mit Slasher-Trivialitäten (eines mitunter recht geringen Niveaus) unterbricht: Mehr dommage als hommage... 5,5/10
1.) Auch das Videospiel ist längst ein Ort geworden, in welchen es die Spieler verschlagen kann: In "Freddy's Dead: The Final Nightmare" (1991) geschieht das bereits ansatzweise; deutlicher in "Jumanji" (2017), dem Remake des Robin Williams-Vehikels, in welchem es die Spieler noch in ein Brettspiel verschlagen hatte.
2.) Bette Davis hatte im Spätwerk in Filmen wie "What Ever Happened to Baby Jane?" (1962) oder "Hush... Hush, Sweet Charlotte" (1964) übrigens einige höchst einprägsame Fanatikerinnen gegeben, die mit dem Alter nicht zurechtkamen und der Vergangenheit nachtrauerten. Pathologische Nachfolgerin von Gloria Swansons Norma Desmond in "Sunset Blvd."... Dass "The Final Girls", der auch Weiblichkeitsbilder auf der Leinwand und das Altern behandelt, damit indirekt zurückverweist auf frühe filmische Beschäftigungen mit der ungesunden Obsession mit den Filmbildern des sehnsüchtig Begehrten, wäre dann wohl aber doch eine Überinterpretation.
3.) Sollte tatsächlich noch ein "The Final Girls"-Sequel kommen, wäre es also möglich, die Handlung letztlich doch noch als einzigen Alptraum nach dem Kinobrand auszuweisen, was die etwas aufgesetzten "The Wizard of Oz" (1939)-Zitate dieses Films etwas sinnvoller werden lassen würde.