Review

Über die Menschlichkeit

Was zeichnet einen guten Film aus? Zum einen natürlich seine Ästhetik, seine handwerkliche Qualität. Doch was meist noch mehr zählt, ist sein Inhalt, und damit meine ich nicht nur den blanken Plot, sondern vor allem die Atmosphäre, die Aussage, die Tiefgründigkeit.

Was zeichnet einen guten Trickfilm, oder Anime aus? Eigentlich das gleiche. Zwar bewegt er sich auf einer ganz anderen Ebene der künstlerischen Form, aber der Inhalt ist gleichen Kriterien zuzuordnen. Trotzdem werden Animes meist gesondert betrachtet, bei ihrer Kritik der Inhalt eher zurückgestellt. Die meisten Animes schaffen es ja auch nicht (obwohl immer behauptet), wirklichen Tiefgang zu erzeugen, oder haben andere inhaltliche Schwächen. "Jin-Roh" ist wohl eines der wenigen glänzenden, wenn nicht sogar neben "Prinzessin Mononoke" und etwa "Ghost in the Shell" das glänzendste Gegenbeispiel.

Neben den düsteren Actionsequenzen überzeugt "Jin-Roh" gerade in den ruhigen, nachdenklichen Szenen, wo eine tiefgründige Dramaturgie über Menschlichkeit sinniert. Das Setting ist eine Art Anti-Utopie, die in Japan in der Mitte des 20. Jahrhunderts angesiedelt ist. Während der Besatzungszeit nach dem Krieg bildete sich eine eigenständige Polizeitruppe, die Hauptstadtpolizei aus, die als militärische Unterstützung gegen regierungsfeindliche Kräfte aus dem Untergrund gedacht war. Besonderheit ist eine gepanzerte, hochmoderne Eliteeinheit von Soldaten, die mit aller Härte gegen die Rebellen vorgeht. Sie werden zum Töten ausgebildet. Der Held im Film ist ein solcher Soldat, nur lebt er in einer Zeit, wo die moderne Öffentlichkeit sich nach dem Sinn einer solchen Killertruppe fragt und die Einheit abschaffen will. Trotzdem gibt es immer noch radikale Terroristen im Untergrund, die regelmäßig Bombenanschläge mit vielen Opfern in Kauf nehmen.

Der Film handelt davon, wie der Held bei einem Einsatz seine Menschlichkeit entdeckt. Als er eine Bombenlegerin, eine minderjährige Studentin, erwischt, kann er sie plötzlich nicht wie befohlen erschießen. Stattdessen sprengt sie sich vor seinen Augen in die Luft. Nach dem Vorfall wird er zurück auf die Akademie versetzt, aber er hat Schwierigkeiten, seinen Beruf weiterzumachen. Sein Gewissen plagt ihn, er fragt sich nach dem Sinn seiner Existenz. Kann er trotz seiner Ausbildung seine Verantwortung gegenüber dem Leben anderer leugnen?

Tiefsinnig, in tristen Bildern erzählt der Film den inneren Konflikt des Helden. Als dieser die vermeintliche Schwester der Studentin trifft, weckt diese plötzlich verdrängte Gefühle in ihm. Und der Film stellt wirklich die Frage, wie es sein kann, dass Menschen Menschen töten, auch noch in einer Zeit des Wohlstands. Ob der Mensch nicht von Grund auf gut ist? Muss er nicht eigentlich jedes Leben respektieren? Oder kann man den Menschen zum Wolf erziehen, der auf Befehl oder für abstrakte (politische) Ziele die Menschlichkeit negiert? Das Ende des Films ist in der Hinsicht kein positives, aber ein deshalb mutig gesetztes Statement. Schließlich ist das Thema hochaktuell. Wie auch im komplexen "Jin-Roh" gibt es in der Realität kein Gut oder Böse. Die Grenzen verschwimmen und der Held ist vielleicht gar keiner. Ein Bezug auf die momentane Situation auf der Erde ist unübersehbar. Da sind die Terroristen, welche ohne Rücksicht auf eigenes oder fremdes Leben für ihren "Kampf für mehr Demokratie" eintreten. Doch sie sind nicht das ewige Gute-Rebellen-Klischee aus einer beliebigen Antiutopie. Ihre Methoden und Ziele bleiben fraglich. Von einer tyrannisch-totalitären Gesellschaft ist nie wirklich die Rede, die Motivation der Terroristen bleibt im Dunkeln. Im Gegenteil: Trotz der hohen Polizeipräsenz erscheint die Gesellschaft ja gerade liberal und modern (was die Kritik an der Spezialeinheit erklärt). Und da sind die Elitesoldaten, die ihren scheinbar ewigen Kampf gegen die Terroristen führen. Es stellt sich die Frage, ob sie selbst nicht vielleicht der Grund dafür sind, dass der Terrorismus immer noch weitergeht. Eine Kommunikation scheint nicht möglich.

Hinzu kommen bemerkenswerte, ebenfalls brisante Ansätze von Politik: Die gegenseitigen Kräfte des Polizeiapparats, Konservative Militärs, die die Einheit auf jeden Fall erhalten wollen, und Leute des moderneren Lagers, die u.a. durch den Vorfall mit der Studentin die Öffentlichkeit endgültig gegen die Einheit mobilisieren wollen. Nie endenwollende Machtspiele, deren reales Pendant z.B. auch ein Grund ist, warum die Krise im Orient scheinbar nie enden will. Und dazwischen unser Protagonist, der auf dem potentiellen Weg der Läuterung nur auf Hindernisse stößt, weil ihn jeder noch als den Unmenschen sehen will, der er war (ist?). Er scheint von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Solche Fragen über den Sinn von Gewalt, über die menschliche Natur, in derart poetischer Form dargestellt, findet man kaum in anderen (Real)Filmen.

Dabei lässt sich auch ein positiver Blick auf die Ästhetik des Films lenken. Die Hintergründe und Kulissen sind von vorne bis hinten stimmig, gelegentlich minimalistisch, aber immer kunstvoll arrangiert, sehr plastisch mit sehr viel Liebe zum Detail gezeichnet. So gibt es z.B. schön gemachte Stadtsequenzen, die durch zahlreiche Lichteffekte, Reflexionen und Bewegungen, wie etwa der Straßenbahn durch die breiten Straßenschluchten, enorme Plastizität erreicht. Die Bewegung der Figuren ist flüssig und ebenfalls durch lebensnahe Details ausgeschmückt, sie leben geradezu! Die Bildführung ist eher ruhiger Natur, was zum nachdenklichen Thema passt.

"Jin-Roh" ist einfach ein bewegender, grandioser Film. Mamoru Oshii hat das Drehbuch geliefert und zeigt sich sehr erwachsen, verzichtet auf Anime-üblichen Kinderhumor oder extrem stilisierte Action. Und wenn bei "Mononoke" noch Kritiker gewisse Kinderfilmtendenzen erkennen mögen und ihn deshalb ablehnen, so kann man bei "Jin-Roh" wirklich von einem reifen Drama sprechen, was dem "gewöhnlichen" Trickfilmschauer wohl wenig zusagen dürfte. 10/10

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