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Jin Roh – wohl einer der besten Animes aller Zeiten und neben wegweisenden Klassikern wie Akira oder Ghost in the Shell die Referenz für japanisches Atmosphärekino durch gezeichnete Hand. Nach einer Idee Mamoru Oshii führte hier zum ersten Mal Hiroyuki Okuira Regie und bewies gleich, dass er und seine gesamte Crew es voll drauf haben.

Dabei ist alleine schon die Wahl des Weltszenarios für einen Anime einzigartig: zwar in der Vergangenheit, genauer den 50er Jahren in Tokio angesiedelt, erfindet der Film einen eigenen Ausgang des zweiten Weltkriegs: durch schwerwiegende soziale Probleme kommt es in den großen Städten immer häufiger zu Unruhen und blutigen Demonstrationen. Die Regierung bildet daraufhin eine Spezialeinheit, die dem organisierten Terror, der im Zuge der Demonstrationen als „Die Sekte“ mitmischt, entgegenwirken soll. Zu der als „Cerberus“ bezeichneten Einheit zählt auch der Soldat Fuse. Bei einem Einsatz in der Kanalisation stellt er ein junges Mädchen, welches bei der Organisation der Anschläge mithalf, woraufhin dieses sich vor seinen Augen in die Luft sprengt. Geplagt und gezeichnet trifft er danach auf die Schwester der Toten, und zwischen den beiden entwickelt sich eine ungewöhnliche Beziehung. Doch in Wahrheit spielt sich im Dunklen eine gewaltige Intrige zwischen den polizeilichen Apparaten ab, mit der die Spezialeinheit der Cerberus zerschlagen werden soll – und beide sind mittendrin...

...wird schwierig, hier weiterzuschreiben, da der Film spätestens hier sehr kompliziert wird und ich nicht unbedingt spoilern möchte. Obgleich die Handlung spannend ist und filmisch unheimlich gut inszeniert wurde, ist sie nicht einmal die größte Stärke dieses als Utopie anmutenden Großstadt-Märchens – es ist die absolut geniale Atmosphäre, was Jin-Roh zu dem macht, was er ist. Jeder einzelne Hintergrund in jeder einzelnen Szene ist zauberhaft und zieht den genießenden Zuschauer vollkommen in seinen Bann, steckt in den Bildern doch unheimlich viel urbaner Zauber wie er selten besser zu beobachten war, während im Vordergrund ein trauriges Charakterspiel im Gewand eines eiskalten Politthrillers abgespielt wird. So kontrovers das auch klingen mag, im Gesamtbild bleibt schlichtweg nur der Film. Der Film als Verwirrspiel mit unerwarteten Wendungen und einem dramatisch-stillen Ende. Hier werden durch die Bank weg keinerlei Klischees bedient, hier trifft sich ein intelligentes Drehbuch, gut eingedeutscht mit zeichnerischem Können, dem Verständnis für künstlerische Expression sowie geschickter Dramatik, einer starken Spannungskurve und vereinzelten, surrealistisch anmutenden Traumsequenzen. Darüber hinaus braucht definitiv niemand Angst haben, im Laufe des Films einzuschlafen: er hält nämlich eine kompakte Lauflänge ein und bietet die ein oder andere deftig-heftige Actioneinlage, die der Szenerie und dem Setting die gebührende Härte hinzufügt. Bleibt noch der absolut geniale und unübertroffen stimmige Soundtrack von Hajime Mizoguchi zu erwähnen, der zum Film nicht nur wie die Faust aufs Auge passt sondern auch für noch mehr Sinnestiefe sorgt, sodass Jin-Roh für immer unvergessen bleibt, ohne an der kleinsten Stelle aufdringlich gewirkt zu haben, da man – für Animeverhältnisse – doch mit allem durchaus auf dem Teppich zu bleiben weiß.

Unterm Strich gehört „Jin-Roh“ für mich ganz klar in die Top 5 der besten Animes aller Zeiten. Nur sollten jüngere Neugierige vielleicht das Wort „Anime“ in Zusammenhang mit dem Film doch etwas in den Hintergrund schieben, denn Jin-Roh ist alles andere als das, was man sich darunter normalerweise vorstellt, nicht nur aufgrund des realitätsnahen Zeichenstils, sondern auch aufgrund des literarischen Anspruchs, den der Film bietet.

Ganz groß!!!

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