Review

Seit Jahren suche ich nach einem Anime, das wirklich empfehlenswert ist – und mit „Jin Roh“ scheint meine Suche endlich beendet. Im Gegensatz zu sämtlichen anderen Produktionen (und das schließt auch die des Hauses Gibli mit ein) konnte mich dieser Zeichentrickfilm voll und ganz begeistern. Ein dermaßen stimmungsvolles Japano-Werk ist mir bis dato nicht untergekommen – wenn ich ehrlich bin, auch nicht im Realfilmbereich. Ich glaube auch, das dies der einzige Manga sein dürfte, der mal ausnahmsweise komplett auf den grenzdebilen Asia-Humor verzichtet (Naja, gut, ich gebe zu, das kleine Cyperpunk-Mädel von „Cowboy Beebop“ war in seiner völlig aufgedrehten Art schon lustig, und auch in anderen Serien und/oder Filmen kann das zwischendurch schon ganz erheiternd sein) – aber in diesem Fall hätte das auch nicht gepasst.
Die Zeichnungen sind zwar zweckmäßig einfach gehalten, aber jedes Bild strotzt nur so vor Details. Ein weiterer Punkt, in dem sich „Jin Roh“ von den anderen Werken japanischer Zeichner unterscheidet: Standbilder finden kaum(st) Verwendung. In jedem Bild bewegt sich etwas – für ein Anime mehr als ungewöhnlich. Der Soundtrack ist spitze, und passt sich durch seine Melancholie perfekt dem Geschehen an. An manchen Stellen sogar so perfekt, dass ich eine leichte Gänsehaut bekam (besonders stark in der Traumszene mit den Wölfen, die grandios inszeniert ist). Allerdings muss man auch ganz klar sagen, dass sich dieser Film so sehr an die westlichen Sehgewohnheiten angenähert hat, dass die asiatische Herkunft allerhöchstens an den Namen der Personen und der etwas undurchschaubaren Story erkennbar ist. Undurchschaubar, aber nicht unverständlich. Denn die Handlung ist an sich nicht allzu kompliziert, allerdings, und das muss ich dem Film ankreiden, hätte diese Aneinanderreihung von Twists wahrlich nicht sein müssen. Jeder spielt eine Doppelrolle, oder gar eine doppelte Doppelrolle – richtig gut tut das dem Verständnis für die Handlungsweise der Protagonisten nicht. Dennoch hat der Film auf der Metaebene eine Botschaft, die nicht nur zeitlos sondern auch wichtig ist. Dass das Genre „Drama“ hier nicht mit eingetragen wurde wundert mich doch sehr, denn für einen Thriller, kommt die Intrigenreiche Handlung viel zu spät in Fahrt. Action sollte man auch nicht zuviel erwarten, denn wenn Gewalt gezeigt wird, ist diese eher Actionarm denn kritisch anzusehen. Zu sehr distanziert sich der Film von der Glorifizierung des Mordens und des Kämpfens. Was jedoch nicht bedeutet, dass gerade diese Szenen blutleer wären – Kinder sollten sich dann doch eher „One Piece“ und „Detective Conan“ zuwenden – einige Szenen könnten auf die lieben Kleinen etwas verstörend wirken.Das Rotkäppchen-Thema des Films ist zwar gut gewählt wirkt durch ständiges Wiederholen jedoch ein klein wenig penetrant. Weniger wäre wohl mehr gewesen, aber wenn man nur lang genug sucht findet man natürlich immer etwas zum meckern. Löblich übrigens auch die Synchronsprecher, die wirklich perfekt ausgewählt wurden (etwa die Synchronstimme von Johnny Depp), obwohl ich ein zwei Stellen, in denen das Mädchen Emotionen zeigt (Weinen und Schreien) nicht ganz so überzeugend rüberkamen, ansonsten ist aber auch Ihre Besetzung die perfekte Wahl; die melancholische, leicht brüchige Stimme unterstützt den depressiven Gesamtton.
Alles in allem ein wunderschöner, trauriger und nachdenklicher Film, den sich auch Menschen die dem Genre Anime eher kritisch entgegenstehen unbedingt ansehen sollten. Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden sah das damals wohl genauso und verlieh „Jin Roh“ das Prädikat „wertvoll“.

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