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"Derjenige, der den nächsten Zug des Gegners vorherahnt und als erstes zuschlägt, ist im Vorteil."

In einem fiktiven Tokio der 50er Jahre herrscht Unruhe. Weder die labile Regierung noch die spärlich ausgerüstete Polizei kommt gegen die häufigen Demonstrationen der unzufriedenen Bevölkerung noch der terroristischen Wiederstandsbewegung "Die Sekte" an. Daher wird eine Spezialeinheit gegründet, die mittels durchschlagender Ausrüstung, einer Vollkörper-Panzerung sowie einem Maschinengewehr der Lage Herr werden soll. Immer wieder kommt es zwischen der Spezialeinheit und der Wiederstandsbewegung zu heftigen Gefechten.
"Die Sekte" nutzt Mädchen in weinroten Jacken mit Kapuze, sogenannte "Rotkäppchen", um ihre speziellen Molotov-Cocktails und hochexplosive Sprengkörper schnell an Brennpunkte zu verlagern. Bei einem ihrer ungern gesehenen Alleingänge stellt die Spezialeinheit eines dieser "Rotkäppchen" beim Transport einer Bombe. Jedoch zögert Kazuki Fuse sie laut Befehl sofort zu erschießen. Das Mädchen zündet die Bombe und stirbt. Fuse überlebt den Vorfall, wird jedoch traumatisiert in ein Ausbildungslager geschickt. Als er die Grabstätte des toten Mädchens besucht, lernt er ihre Schwester Kei kennen. Auch sie unterstützte die Wiederstandsbewegung und verliebt sich in Fuse. Die Regierung will gleichzeitig die Präsenz der Spezialeinheit einschränken und sieht in Fuse den idealen Mann für ein Komplott.

"Jin-Roh" enthält so viel Inhalt und Details, dass man sein ganzes Pensum erst nach mehrmaligem Sehen erfassen kann. Verflochten mit der Liebesgeschichte und der persönlichen Entwicklung der Figuren ist ein komplexes Ränkespiel aus Spionage und Gegenspionage verschiedener, untereinander konkurrierender staatlicher Organisationen und Behörden. Dabei bedient sich die Geschichte an Metaphern sowie diversen Zitaten aus dem Grimms Märchen "Rotkäppchen" und überträgt sie in den düsteren Anime.

Trotz brachialer Actionsequenzen, die einen realistischen Eindruck hinterlassen und sich nicht vor heftiger Darstellung von Gewalt scheuen, ist "Jin-Roh" ein gemächlicher Zeichentrickfilm. Figuren und Handlung entblättern sich nur schichtenweise und erst gegen Ende hin ist ein wirkliches Verständnis der kompletten Geschichte möglich. Und die Auflösung hat es wirklich in sich.
Den zentralen Mittelpunkt bietet die identifikationsfigur Fuse, der geplagt von Alpträumen und moralisch erschüttert eine greifbare Persönlichkeit entwickelt. So wie auch die meisten anderen Charaktere.

Durch die rauen Umstände wirkt "Jin-Roh" äußerst kalt und gefühllos. Humor sucht man vergeblich. Stattdessen finden sich immer wieder philosophische Ansätze, die den Anspruch zusätzlich in die Höhe schießen.
Durch die hervorragenden klassisch-melancholischen Musikstücke bildet sich eine enorm dichte Atmosphäre, passend zu den präsentierten Bildern.

Der Zeichenstil ist durch eine dominante grau-braune Farbgebung konsequent ernst und realistisch gehalten. "Jin-Roh" ist weitgehend handgezeichnet, nur in einzelnen Szenen werden Computeranimationen eingesetzt. Auffällig ist die Darstellung der Dunkelheit und die Stimmungen, die in den Dämmerungs-, Nacht- und Untertageszenarien aufgebaut werden. Sie zeichnen sich vor allem durch den Einsatz starker Licht- und Schatteneffekte aus.
Das Aussehen der Personen knüpft an die realen Darstellungen an. Augen und Nase sind normal proportioniert, was in einem Anime eher ungewöhnlich ist. Frauen haben nur unwesentlich größere Augen und irgendwelche Gesichtsverzerrungen entfallen völlig. Genauso wenig sind stylistisch völlig unmögliche aber optisch gut aussehende Haarfrisuren zu finden.

"Jin-Roh" wird nicht ohne Grund als letzter sensationeller Anime des vergangenen Jahrtausends bezeichnet. Ganz offensichtlich ist das genial verpackte Verwirrspiel im hochklassischen Polit-Thriller nichts für ungeduldige Gemüter, die nach dem temporeichen Intro schnell nach weiteren brachialen Actionszenen dürsten. Der Anime bietet überwiegend ein sentimentales und doch kühles Drama mit philosophischer Tiefe und hangelt erzähltechnisch am Grimmschen Märchen "Rotkäppchen" entlang. Der ungewöhnlich realistische Zeichenstil sagt bereits an, dass es hier nicht sonderlich lustig zugeht. Und tatsächlich bietet der Anime keinerlei Humor, stattdessen unerwartete Wendungen, die erst bei mehrfachem Sehen völligst verstanden sind.

10 / 10

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