Eine dystopische Alternativ-Realität: totalitäre Regierung gegen aufbegehrendes Volk, ein ausufernder Polizeistaat, Zuspitzung der Gewalt. 1999 war das sicher noch weiter weg als heute, aber die grundsätzliche Kritik solcher Zustände ist weniger das Anliegen des Filmes, als ein Blick auf die Menschen hinter den sogenannten "Seiten". Pflicht, Moral, Verantwortung, Schuld.
Jin Roh ist fantastisch gezeichnet und eine intensive Mischung zwischen Action und Philosophie. Ja, eines der nicht gerade häufigen Beispiele, wo anspruchsvolles Arthouse / Drama bemerkenswert gut auf nervenfetzenden Thrill trifft. Wer allerdings wilde Fantasiewelten erwartet ist hier falsch, der Zuschauer befindet sich vom Gefühl her eher in einem gezeichneten Real-Film. Ein Film für Erwachsene, nicht ausschließlich aufgrund überspitzter Gewalt, sondern des enormen Anspruchs. Also genauer definiert, ein erwachsenes Publikum, welches kein Problem mit geistig forderndem Inhalt hat. Entsprechend tritt der Film zwischenzeitlich ziemlich auf die Bremse und driftet in tiefsinnige Dialoge und bebilderte Gedanken-Konstrukte. Zwischenzeitlich ist untertrieben, eigentlich zu 80 Prozent. Das Wehrmacht-Design der Zerberus-Einheit bzw. Wolfsbrigade ist ikonisch, was auch sonst. Schafe im Wolfspelz, im Auftrag von Wölfen im Kampf gegen Schafe. Dabei frisst die Uniform auch die Identität des Trägers. Die zentrale Metapher im Film ist allerdings eine andere, bzw. abgewandelt, die Rotkäppchen-Geschichte. Mehr Details dazu würden aber zu viel Spoiler bedeuten. Ich fand diese Teile allerdings übertrieben bedeutungsschwanger, wenngleich klar ist worauf das hinausläuft: die Definition eines nihilistischen Finales. Eines, nach dem sich sicher manchen fragt, ob seine auferlegte krampfhafte Pflichterfüllung auch immer der Ruf seines Herzens ist.