Review

Make America Great Again!

Herr Moore, werden Sie auf Ihre fortgeschrittenen Jahre etwa milde? ;-)

Spaß, seine neueste Doku-Satire "Where To Invade Next" hat immer noch wirklich beißende und (vor allem für Amis) weh tuende Momente. Doch sein Feldzug quer durch Europa & seine Suche nach guten Ideen in unserer Hemisphäre wirkt witziger, leichter und positiver als seine herunterziehenden und enorm wichtigen Doku-Klassiker ala "Bowling For Columbine" oder "Fahrenheit 9/11". Wenn er etwa den typischen Italiener beschreibt, "der immer irgendwie aussieht, als ob er gerade Sex hatte" oder wir ein norwegisches Gefängis sehen, in dem die Schwerverbrecher eher wie in einer Ferienpension leben und rehabilitiert werden, dann treffen sich Humor, Blick für Details, Fassungslosigkeit und Wut irgendwo zum Kaffekränzchen. Als Europäer sieht man die Doku vielleicht noch ein ganzes Stück gelassener als ein Nachbar aus Übersee. Was gut ist, denn genau an seine US-Mitbürger richtet sich ja der berühmte und polarisiernde Doku-Filmemacher. Er will schockieren und wachrütteln, anstoßen und aufzeigen. Gerade den selbstbewussten Amerikaner.

Dass Michael Moore extrem links ist, seine Ansichten schamlos und manipulativ vorträgt und sich die Rosinen herauspickt, ist weder Überraschung noch schlimm, denn er ist hier in Europa unterwegs "um die Blumen, nicht das Unkraut zu pflücken". Ich mag die zusammenführende und Brücken bauende Grundidee sehr, hoffe das er so vielleicht nur ein paar Leuten klar macht, wieviel und was alles in den Staaten (und an vielen anderen Plätzen der Welt) schockierend falsch läuft. Ebenso zeigt er uns auf, dass die USA bei weitem nicht mehr das Land der unbegrenzten Träume und Freiheiten ist, für das es einst stand. Höchstens noch landschaftlich und popkulturell. Wenn es u.a. um das Gesundheitssystem, Gefängnisse, Gleichberechtigung, Vergangenheitsbewältigung, sexuelle Aufklärung, Ernährung, Offenheit und Arbeitsrecht geht, hinkt die größte Supermacht der Welt dramatisch hinterher. Danach überlegt sich jeder zehnmal, ob er wirklich dorthin auswandern würde und ob es uns (z.B.) hier in Deutschland nicht doch (noch) besser geht, als die ewigen Jammerlappen & Negativdenker uns vormachen wollen.

Die Doku ist selten nervig predigend, endet mit einem feinen (Pro-Amerika-)Twist, unterhält ungemein und balanciert gekonnt ernste mit satirisch-witzigen Momenten. 20 Minuten kürzer hätte Moores Reise durch die alte Welt allerdings durchaus sein können. Und als Europäer, dem die hier ausgeblendeten, durchaus vorhandenen Probleme diesseits des Kanals jederzeit bewusst sind, kann man mit der Schönmalerei & Blümchenpflückerei & Übertreibung des Regisseurs durchaus sinnvoll und selbstbestimmt umgehen. Man muss eben provozieren um etwas zu ändern oder zumindest seinen Punkt klar zu machen. Wer Moores Art jedoch vorher nicht gemocht hat, wird sich auch nach "Where To Invade Next" nicht drehen. Aber vielleicht gibt es eine Annäherung und man nimmt zumindest ein paar Punkte, Ideen, Ansätze und Weisheiten mit. Sei es nur, dass man bei sich selbst anfangen sollte und jede Mauer irgendwann fällt.

Fazit: die sinnvollste US-Invasion seit dem zweiten Weltkrieg - unterhaltsam, satirisch, lockerer als sonst gewohnt von Moore. Zudem mit einigen Aha-, Oha- und Owei-Effekten. Macht nachdenklich, vor allem und hoffentlich für US-Bürger.

Details
Ähnliche Filme