"You know who I am, he said
The speaker was an angel
He coughed and shook his crumpled wings
Closed his eyes and moved his lips
It′s time we should be going
(Waiting so long, I've been waiting so, waiting so)
Look back in anger, driven by the night
Till you come
(Waiting so long, I′ve been waiting so, waiting so)
Look back in anger, see it in my eyes
Till you come"
(David Bowie, Look Back in Anger)
"Funny how secrets travel
I′d start to believe if I were to bleed
Thin skies, the man chains his hands held high
Cruise me blond, cruise me babe
A blond belief beyond, beyond, beyond
No return, no return
I'm deranged
Deranged down, down, down
I′m deranged down, down, down
So cruise me babe, cruise me baby
And the rain sets in
It's the angel man
I'm deranged
Cruise me, cruise me, cruise me baby"
(David Bowie, I'm Deranged)
Die ersten drei Minuten sagen [Achtung: Spoiler!] alles: Schwarzbild. Zwei Männer, blutbefleckt, panisch erregt und auf der Flucht; vor einer Schuld vielleicht, vor einer Bedrohung womöglich. Ein nächtlicher Highway, scheinwerferbeleuchtet. Gelbe Mittelstreifen schieben sich durch Bild, auf dem die opening credits erscheinen, derweil die moderne country music des Autoradios einem Moderator weicht, faselnd von der Zuhörerschaft als lost souls und sinners, running from their past, auf der road of redemption, auf dem endless highway, der road with no name, auf der letztlich alle unterwegs wären und die einem doch ganz persönlich gehöre, während man vor seinen wicked demons fliehe. In einem Motel, in dem man dann irgendwo in Texas unterkommt, wird in Großaufnahme ein Fernsehbildschirm warten. Es läuft – auch eine Minute später nochmals – Herk Harveys "Carnival of Souls" (1962): Die Hauptfigur wird dort gerade von ihren Häscher(inne)n übermannt. Und das Motel selbst, Roy's Cafe, verweist auf Roy's Cafe in Amboy aus "The Hitcher" (1986)...
Der Beginn gemahnt unter anderem an David Lynchs "Lost Highway" (1997): auch dort jagt unter den opening credits ein nächtlicher Highway mit seinem gelben Mittelstreifen vorbei, während Bowies "I'm Deranged" ertönt. Deranged ist nach verbreiteter Deutung auch Lynchs Hauptfigur, die sich als Mörder zwischen den Zelle und dem elektrischen Stuhl in ein besseres zweites Leben träumt, das bald vom bösen alten heimgesucht wird. Der nächtliche Highway ist am Ende wieder da, der Film ist ein Kreislauf, ein doppelter Kreis: ein Möbiusband, bei dem es nicht bloß weder Anfang noch Ende, sondern auch keine Ober- und keine Unterseite gibt. Auch "Southbound" folgt einer Kreisbewegung und wird enden, wo er angefangen hat. Sein Muster ist das nach unten – gen Süden – weisende Pentagramm mit seinen fünf Zacken und seinen fünf Kreuzungen, die hier bildhaft für fünf Episoden dieses Episodenhorrorfilms stehen.
"Lost Highway", Lynchs mindgame movie mit seinem twist ending, konnte man bereits in der Tradition von "Carnival of Souls" ansiedeln: Dort wird eine Frau nach verheerendem Unfall von unheimlichen Verfolger(inne)n und Wahrnehmungsstörungen geplagt, bis sie schlussendlich als bereits beim Unfall tödlich Verunglückte ausgewiesen wird. Wie "Lost Highway" nutzt auch "Carnival of Souls", der noch in Christian Petzolds Drama "Yella" (2007) als Blaupause verwendet wird, das Motiv des Reisens, der Fahrt; das für Lebensreisen ebenso genutzt werden kann wie für das Hinübersetzen auf die andere Seite, vom Dies- ins Jenseits, meist an der Seite eines Fährmanns und ohne festen Grund, auf nicht greifbarem Gewässer, in einer keinen Halt gebenden Zwischenzone, die nur zum Durchqueren, aber kaum zum Aufenthaltsort taugt... Auch der Horrorfilm "Dead End" (2003) von Jean-Baptiste Andrea und Fabrice Canepa verfuhr so und outete seinen unheimlichen Spuk auf nächtlicher Straße als Nahtoderfahrungen infolge eines Autounfalls. Ebenso das direkte, von Wes Craven produzierte Remake "Carnival of Souls" (1998) von Adam Grossman. Eine lose und recht grottige Variation drehte zuvor schon Michael Rissi mit "Soultaker" (1990)...
Mitunter haben auch Zugreisen solche Funktionen erfüllt: etwa in der mit Peter Cushing, Christopher Lee und Michael Gough reizvoll besetzten Amicus-Produktion "Dr. Terror's House of Horrors" (1965), dem ersten Episodenhorrorfilm der für diese Spielart berüchtigten Studios. Dessen Bedeutung dürfen Nachgeborene, die mit dem – ohne Einfühlungsvermögen im Rückblick – etwas behäbig wirkenden 60er-Jahre-Grusel nicht viel anfangen können, daran erkennen, dass die Handlung noch in "I tre volti del terrore" (2004) nachhallt (dessen Titel freilich einen ganz anderen Episodenhorror-Klassiker zitiert): Zugreisende bekommen von einem Wahrsager ihre jeweilige Zukunft vorhergesagt, die sie allesamt in unterschiedlichen Episoden unheimlich dahinscheiden lassen wird. Am Ende sind sie aber allesamt bereits verstorben und der Tod selbst führt(e) sie als Wahrsager ins Jenseits hinüber, das beim Halt des Zuges auf alle wartet. Und der Titel dieses Amicus-Klassikers verwies schon bei Erscheinen auf einen ganz anderen "Dr. Terror's House of Horrors" (1943): einen so berüchtigten wie verschollenen, Urheberrechte verletzenden Kompilationsfilm, der 30er-Jahre-Horrorfilme verwendete und durch eine Rahmenhandlung koppelte. Das Flickwerk soll seinerzeit über den Einsatz kostümierter Schauspieler bei den Vorführungen einen Show-Charakter besessen haben, war also eher expanded cinema und weniger reiner Film; dementsprechend handelte es sich bei diesem ominösen National Roadshow Release dann auch tatsächlich um eine Roadshow... Was jetzt nicht völlig vom Episodenhorrorfilm zurückführen, aber doch noch einmal den Aspekt der Roads und Highways, des Reisens und der Fahrt aufgreifen soll.
Road und Highway sind symbolträchtige und zugleich fest zum Alltag gehörende Motive, die das Kino insgesamt immer wieder prominent in Szene setzt: im Road Movie natürlich ganz besonders, aber eben auch im Horrorfilm und somit freilich auch im Episodenhorrorfilm, der immer wieder populäre Motive und Strukturen des Genres in Miniaturform möglichst prägnant durchzuspielen gedenkt.
Road und Highway können als Motive Sehnsucht und Fernweh transportieren sowie einen Freiheitsgedanken vermitteln, sind doch die Reisenden mitunter nicht mehr an bestimmte Orte und Strukturen gebunden, etwa die Biker aus "Easy Rider" (1969), deren Gegenstück der Horrorfilm spätestens mit "The Devil's Rejects" (2005) darbietet. Allerdings hält man sich hier wie dort immer noch an die Strukturen des Straßenverlaufs, der Verkehrsmarkierungen und -zeichen und mitunter gar noch an die Verkehrsregeln. Absolut frei sind die Reisenden auf Roads und Highways also doch nicht. Hier zeigt das Motiv sein etwas anderes Gesicht: Road und Highway dienen dazu, einen vorgegebenen Verlauf aufzuzeigen, sie können fatalistische Eindrücke einbringen – wie in "Gerry" (2002), Gus Van Sants Beginn seiner Todes-Trilogie. Das kommt insbesondere bei Genres zum Tragen, in denen Bedrohung, Gefahr und potentielles Unglück eine Rolle spielen; und "[d]ie meisten Fahrten in amerikanischen Produktionen tendieren – um der Spannung willen – zur Fluchtbewegung oder zur Verfolgungsjagd"[1], wie das Handbuch Standardsituationen im Film zum Topos der Fahrt mitzuteilen weiß (und sich an dieser Stelle freilich auf Steven Spielbergs "Duel" (1971) stürzt).
Gehetztsein und Flüchten gesellen sich also im Thriller und im Horrorfilm noch zum Fatalistischen hinzu; und zum Eindruck von Sehnsucht, Fernweh, Freiheit und Unabhängigkeit, der in diesem Genrekontext zumeist zu Beginn der Handlung noch seinen Platz findet: etwa in Tobe Hoopers "The Texas Chain Saw Massacre" (1974), wo zwar alle Umstände schon Unheil andeuten, sich die jungen Leute aber auf eine kommende schöne Zeit freuen, die allerdings ausbleiben wird.
"Southbound" greift Hoopers Kult-Klassiker in der Episode Siren auf, in der die drei Protagonistinnen zwar keinen grünen Ford Econoline Van fahren, sondern einen grünen VW T2-Bus, wie er – allerdings in roter Variante – von Hooper und seiner Crew bei den Dreharbeiten genutzt werden war: "The Texas Chain Saw Massacre" dürfte dennoch sofort in den Sinn kommen, zumal hier sehr schnell auch eine Anhalter-Thematik (unter umgekehrten Vorzeichen) verwendet, Kannibalismus (vor allem in der teils recht freien deutschen Synchronfassung) angesprochen und späterhin Fleischverzehr thematisiert wird. (Auch an Scooby Doo und seine Mystery Machine könnte man beim Anblick des Gefährts denken, was gar nicht einmal total abwegig wäre... Darauf sei später zurückzukommen.)
Siren folgt "The Texas Chain Saw Massacre"-Klischees, um dann doch eine recht eigenständige Geschichte zu erzählen; rekurriert aber eben auf die Straßen- und Fahrszenen aus Hoopers Film, um gleich zu Beginn der Episode einen verhängnisvollen Weg der Clique anzudeuten und um zudem zu unterstreichen, dass die road of redemption, der endless highway, die road with no name in "Southbound" eben wenig verheißungsvoll für die Reisenden sein wird. Im Fall von Siren gilt das für Sadie, die sich schuldig am Tod ihrer Freundin Alex fühlt, und ihre Freundinnen und Band-Kolleginnen Kim und Ava. Nach einer Panne lassen sie sich von einem unscheinbaren Ehepaar mitnehmen, bei welchem Sadie mehrfach von ihren Schuldgefühlen heimgesucht wird. Anders als Kim und Ava wird sie, die Vegetarierin, nichts vom angebrannten Braten verzehren, der ihnen von dem Paar und seinem Freundeskreis aufgetischt wird – und auf den Kim und Ava wenig später mit dem Erbrechen schwarzer Schlacke reagieren, um anschließend apathisch zu wirken... Apathisch nehmen beide in der Nacht auch an einem Ritus der scheinbar vampirisch-kannibalistisch-satanistischen und sonderbar jung wirkenden Gastgeber(innen) teil, den Sadie als Zeugin beäugt. Als sie entdeckt wird, flieht sie auf den Highway...
Einen etwas anderen Bezug auf Straßenbilder eines anderen Klassikers des Horrorkinos lieferte die erste Episode The Way Out: Die eingangs erwähnten Männer auf der Flucht steigen in einem Motel ab. Die dortige Mitarbeiterin dort heißt Sutter – und wie Sam Neill als Versicherungsdetektiv John Trent, Opfer des gottgleichen Horrorautors Sutter Kane in John Carpenters "In the Mouth of Madness" (1994), müssen sie die Erfahrung machen, dass ihre Flucht im Wagen immer wieder an denselben Ort zurückführt. Während der Diskussion, die Flucht einfach zu beenden, wird einer von ihnen von einem jener engelsgleichen, skelettierten Geisterwesen entseelt, die ihnen auf den Fersen sind... und die auch das Agieren der Figuren in anderen Episoden beäugen. Der überlebende Freund kehrt geradezu geleitet von jenen Wesen ins Motel zurück. Im Inneren erwartet ihn eine offenbar vertraute Umgebung, die aber nicht zu diesem Motel zu gehören scheint – und Spuren von Gewaltausübung aufweist. Dort erscheint ihm seine Tochter, deren Fotografie er zu Beginn in seinen blutbefleckten Händen hielt. Er folgt ihren Rufen und Erscheinungen, wird sie aber niemals einholen können...
Die gespenstischen Wesen beäugen in Siren, der zweiten Episode, auch Sadies Flucht. In der dritten Episode wird diese Flucht damit beendet sein, dass ein Autofahrer Sadie aus purer Unaufmerksamkeit überfährt, um sich später die eigene Schuld an diesem Unfall kleinzureden. Auch sein Hilfe lässt der Unfallfahrer, der kurzzeitig mit Fahrerflucht liebäugelt, erst verspätet zukommen. Nicht zu orten muss er das noch lebende, aber schwer versehrte Unfallopfer den telefonischen Anweisungen einer Saniäterin folgend ins nächste Krankenhaus bringen, wo sich aber keine Menschenseele befindet – wo aber ebenfalls einmal "Carnival of Souls" auf einem kleinen Fernsehbildschirm läuft; diesmal das Gespräch der Hauptfigur mit einem Psychiater, der alles als Einbildung beschreibt. Also muss er die nötigen Maßnahmen auf telefonische Weisung der Sanitäterin und eines Arztes unter großer Selbstüberwindung selber durchführen – wird das Leben seines Opfers aber nicht retten können. Eine Entschuldigung, ein Schuldeingeständnis kommt ihm dabei nicht über die Lippen; die eigene Sicherheit interessiert ihm am Ende dieser Episode auch am meisten... und letztlich verdrückt er sich dann auch, ohne noch irgendjemanden verständigt zu haben, als ihm sein Helfer am Telefon frische Kleidung zukommen lässt. Eine direkte Anspielung auf einen großen Genreklassiker gibt es hier weniger... aber überdeutlich schimmert die Blaupause des moralisch nicht integren Unfallfahrers durch, den seine Schuld nicht loslässt: In Michael Gornicks "Creepshow 2" (1987) wird eine Unfallfahrerin der Episode The Hitch-Hiker dauerhaft vom schlimm entstellten Opfer verfolgt; zuvor hatte sie sich einem Callboy hingegeben – der Unfallfahrer aus "Southbound" hingegen hat sich unmittelbar vor dem Unfall um neue Dessous für seine Gattin gekümmert; die Lust ist groß, das Verantwortungsbewusstsein gering. Das Drehbuch stammte by the way von Stephen King, der in seinem Roman "Thinner" (1984) einen Unfallfahrer an einem bösen Fluch dahinsiechen ließ. "Creeshow 2" war zudem wie George A. Romeros "Creepshow" (1982) eine Stephen-King-gestählte Hommage an die EC-Comis – und freilich ein Episodenfilm. Der Creep, die Comicfigur eines Creepshow-Comics innerhalb beider Filme, orientiert sich am Cryptkeeper der EC-Comics Tales from the Crypt. "Dr. Terror's House of Horrors"-Regisseur Freddie Francis brachte als vierten Amicus-Episodenhorrorfilm – und abermals mit Peter Cushing – vor nunmehr 50 Jahren "Tales from the Crypt" (1972) auf die Leinwand. Als Jahre später ein neuer Episodenfilm nach den Comics in die Kinos kommen sollte, wurde angesichts der verhaltenen Nachfrage nach Episodenhorrorfilmen eine TV-Serie daraus: "Tales from the Crypt" (1989-1996). Als Cryptkeeper war dort – und in zwei späteren Kinofilmen und dem "Fox Halloween Bash" (1995) – John Kassir zu hören, der jede Episode ein- und ausleitete. Er ist das Pendant zum Dr. Terror aus dem ersten Amicus-Klassiker, das Pendant zu Rod Serling aus "The Twilight Zone" (1959-1964). Auch "Southbound" hat solch einen Erzähler: Den offenkundig dämonischen, höllischen Radiomoderator, den Larry Fessenden spricht. Fessenden taucht als Darsteller und Produzent vor allem regelmäßig im Umfeld von Ti West auf: Auch beim Fledermaus-Horrorfilm "The Roost" (2005), in dem Tom Noonan eine Parodie des horror hosts ablieferte. Direkt mit dem Episodenhorrorfilm verschränkt ist Fessenden als einer der Regisseure und Autoren von "The ABCs of Death 2" (2014) – oder des jüngst entstandenen Pandemie-Episodenhorrorfilms "Isolation" (2021). (Und er spielte, auch das mag für die Besetzung mitentscheidend gewesen sein, eine kleine Rolle in Martin Scorseses "Bringing Out the Dead" (1999), in dem Nicolas Cage, getrieben von den Geistern seiner Vergangenheit, als Sanitäter durch die nächtlichen Straßen Manhattans fährt...)
Bevor zu den restlichen "Southbound"-Episoden zurückzukehren ist, seien hier nun kurz die Fahrt und die Straße im Episodenhorrorfilm bzw. der Episodenhorror-TV-Serie als populäres und traditionelles Motiv rekapituliert. Denn diese beschränkt sich nicht darauf, dass Reisende im ersten Amicus-Episodenhorrorfilm überhaupt im Jenseits enden. The Hitch-Hiker, die Episode aus der "Tales from the Crypt"-Hommage "Creepshow 2", spielt inhaltlich bzw. im Titel auf zwei – darunter eine der populärsten und beliebtesten – Folgen der Anthologie-Horrorserie schlechthin – "The Twilight Zone" – an: Die Folge "The Twilight Zone: You Drive" (1964) lässt einen Unfallfahrer Fahrerflucht begehen und bald darauf von seinem rebellierenden Wagen terrorisiert werden, bis er sich stellt. Und die Folge "The Twilight Zone: The The Hitch-Hiker" (1960) nahm im Grunde den Coup von "Carnival of Souls" vorweg. Eine junge Frau, die auf ihrer Reise von einem mysteriösen Fremden verfolgt wird, erfährt bei einem Anruf bei ihrer Mutter, dass sie selbst bei einem Unfall tödlich verunglückt ist; der Verfolger ist indes der Tod selbst. Die Folge basierte auf einem ebenfalls schon immens populären Radio-Hörspiel von Lucille Fletcher für "The Orson Welles Show" (1941-1942). Fletcher, die insbesondere mit dem mehrfach verfilmten Hörspiel "Sorry, Wrong Number" (1943) große Erfolge feierte, hatte damit dem klassischen Anhalter-Stoff eine ganz neue Wendung gegeben: In diesem waren entweder die Anhaltenden Geistererscheinungen – wie im Kurzfilm "Return to Glennascaul" (1951) – oder aber die Gefährte selbst waren zum Entsetzen von Anhalter(inne)n solche – wie in Miss Amelia Edwards viktorianischer Gruselgeschichte "The Phantom Coach" (1864), die knapp 120 Jahre später für die deutsche TV-Serie "Gespenstergeschichten" (1985) als "Die Verschwörung" adaptiert worden ist. Die Fahrt und die Straße sind in dieser sechs Folgen fassenden TV-Serie überhaupt sehr präsent... In der Folge "Ambrose Temple" tritt eine Greisin mit ihrem toten einstigen Verehrer die Fahrt ins Jenseits in einem Phantom-Wagen an; in der Folge "Im Schatten des Zweifels" spielen das Reisen und ein Autounfall tragende Rollen; in "Die Brücke nach Fenders" führt eine eingestürzte Brücke zwei Männer unabhängig voneinander in ein Spukhaus... Bis auf letztgenannte Episode basieren alle übrigen auf literarischen Stoffen, auf Kurzgeschichten, auf horror stories – was die Eignung solcher lange erprobter, gemeinhin bekannter Stoffe, die teils auch in urban legends transformierten, für das Kurzfilm-Format und somit für den Episodenfilm oder kurze TV-Folgen erklären mag. Zu den Klassikern unter den direkten Literaturverfilmungen zählt die auf E. F. Bensons horror story "The Bus-Conductor" (1912) zurückgehende Episode The Hearse Driver aus dem Episodenhorrorfilm-Klassiker "Dead of Night" (1945) von Alberto Cavalcanti, Charles Crichton, Basil Dearden und Robert Hamer: Hier ist es ein Rennfahrer, der einen Bus nicht besteigt, dessen Fahrer dieselbe Äußerung macht wie ein Leichenwagenfahrer aus seinen Träumen – und der dadurch einem Unfalltod entgeht.
Die auf Lucille Fletcher zurückgehende Folge "The Twilight Zone: The The Hitch-Hiker" koppelte also einen neuen Twist an die Fahrt, der in "Carnival of Souls", in "Dr. Terror's House of Horrors" und später von "Lost Highway" über "Dead End" bis heute immer wieder anzutreffen ist: den Twist der sich selbst als tot begreifenden Hauptfigur(en). In der wie "The Twilight Zone" von Rod Serling gestemmten TV-Serie "Night Gallery" (1969-1973), die im Deutschen bezeichnenderweise den Titel "Wo alle Wege enden" trägt, taucht so ein ähnlicher Plot in der Folge "Midnight Never Ends" (1971) auf, in der ein Anhalter und eine Autofahrerin sonderbare Déjà-vus erleben. Und in der ersten Neuauflage "The Twilight Zone" (1985-1989) findet sich etwa die Folge "The Twilight Zone: Dead Run" (1986), in der ein Trucker bereit ist, Seelen in die Hölle zu befördern; und in "The Twilight Zone: The Crossing" (1988) tritt ein Mann, der sich vorwirft, aus Feigheit den Unfall einer geliebten Person nicht verhindert zu haben, seine letzte Reise an, um seine Schuld zu tilgen. (Solche Unfallfahrer-, Auto- und Höllenfahrten-Motive tummeln sich in "The Twilight Zone" letztlich derartig, dass der berüchtigte folgenschwere Absturz eines Hubschraubers bei den Dreharbeiten von "Twilight Zone: The Movie" (1983) wie eine böse Ironie des Schicksal wirkt...)
Auch im Episodenfilm "Tales from the Crypt" (1972) tauchte das Motiv der verhängnisvollen Fahrt wieder auf: Keine Zugreisenden wie in "Dr. Terror's House of Horrors", sondern Touristen, die in alten Katakomben ihrer Reisegruppe verloren gehen, werden am Ende erfahren müssen, dass sie schon verstorben sind; und einer von ihnen bekommt vom Cryptkeeper seine persönliche Geschichte erzählt; die Geschichte eines untreuen Mannes, der nach einem Autounfall mit seiner Geliebten heimkehren will, dabei (auch als Anhalter) überall Entsetzen auslöst und schließlich erkennt, dass er der verrottende Kadaver eines vor zwei Jahren Verunglückten ist... EC-Comics waren reich an Reise- und Anhalter-Geschichten, sodass man ihnen auch in der TV-Serie wieder begegnen konnte: In der Folge "Tales from the Crypt: Came the Dawn" (1993) begegnet Brooke Shields als kriminelle Anhalterin an einen Autofahrer, der ihr zum Verhängnis wird. Und als bräuchte man noch den letzten Beweis: Knapp eine gesamte Dekade hindurch kreiste eine ganze Anthologie-TV-Serie in Thriller-Gefilden um die Figur eines Anhalters – "The Hitchhiker" (1983-1991)...
Genau deshalb ist es auch gar nicht einmal so verkehrt, sich beim VW T2-Bus aus Siren an die Mystery Machine aus "Scooby-Doo, Where Are You!" (1969-1970) und allen Nachfolge-Serien-/Filmen erinnert zu fühlen, fuhr doch dieser Kleinbus unablässig von (vermeintlichem) Spuk zu (vermeintlichem) Spuk, immer wieder, scheinbar endlos, seit 1969 bis heute... (Übrigens: Auch bei Scooby Doo übernahm Fessenden einmal eine Sprecherrolle...)
Nachdem sich der Mittelteil von "Southbound" eher an kleineren Vorbildern – also "Creepshow 2", "The Twilight Zone: You Drive", "Thinner" (1996) – orientiert, um einen wenig altruistischen Unfallfahrer zu strafen, da orientiert sich die vierte Episode wieder an einem konkreten, populären Klassiker: Robert Rodriguez' "From Dusk Till Dawn" (1996), anfangs Thriller, Drama und Road Movie, später Vampirfilm, steht hier Pate wenn ein bewaffneter Typ in einer Bar, in der sich auch die telefonisch beratende Sanitäterin der vorherigen Episode befindet,[2] Erkundigungen nach dem Verbleib seiner Schwester einholt... am Ende findet er sie, aber da gehört sie schon zur Clique kannibalisch-vampirischer Wesen, die dem Bruder den Garaus machen. Derselbe Switch vom Thriller, vom Drama, vom Road Movie zum phantastischen Horrorfilm, ähnlich auf Coolness getrimmte Einzeiler... und der erste dämonische Unhold ist ein fettleibiger, bärtiger Hühne mit Holzfäller-Hemd, wie er auch bei Rodriguez zu Beginn des phantastischen Treibens wütet. Der Titel dieser vierten Episode lautet Jailbreak... William Friedkins TV-Film "Jailbreakers" (1994) erzählte ebenfalls eine Aussteigerinnen-Geschichte, allerdings als nicht-phantastisches Kriminaldrama.
"From Dusk Till Dawn" trat womöglich seinerzeit einen kleinen Boom los – oder fiel doch zumindest in solch einen Boom –, in dem weite Straßen durch wüste Landschaften Tummelplatz für Outlaws und Jailbreakers waren, für alle, denen die zivilisierten Strukturen zu beengt waren: für Kriminelle (oder doch zumindest harte Burschen) und einfache Aussteiger wie auch für Kreaturen der Nacht (oder doch zumindest monströs übersteigerte Psychopathen) – wobei so etwas manchmal in einer einzelnen Figur aufgehoben wurde, derweil manchmal zwei konkurrierende Aussteiger-Fronten gegeneinander antraten. In diesen etwa zehnjährigen Boom fallen natürlich die Sequels "From Dusk Till Dawn 2: Texas Blood Money" (1999) und "From Dusk Till Dawn 3: The Hangman's Daughter" (1999), "John Carpenter's Vampires" (1998), dessen Sequel "Vampires: Los Muertos" (2002), Álex de la Iglesias "Perdita Durango" (1997), der Kinofilm "Tales from the Crypt: Demon Knight" (1995), Turi Meyers "Sleepstalker" (1995), Ate de Jongs "Highway to Hell" (1991), Bill Crains "Mirage" (1990), Richard Stanleys südafrikanischer "Dust Devil" (1992) oder – ja, auch das noch! – "Legion of the Dead" (2000) vom fürstenfeldbrucker Amateursplatterer Olaf Ittenbach... Der Weg in die kaum besiedelte Weite verspricht nicht nur Freiheiten, sondern verheißt auch Gefahren und notwendige Eigenverantwortung; dieser kleine Boom variierte, was Spät- und Italowestern, was Bikerfilme, Terrorfilme und andere Subgenres in den 70er Jahren hevorgebracht hatten; Rob Zombies "The Devil's Rejectes" führte kurz nach diesem Boom ebendiesen wieder auf seine Ursprünge zurück.
Bis hierhin folgt "Southbound" also in jeder Episode groben Schablonen horribler Fahrten, die über Literatur, Radiohörspiele und urban legends in Kino und TV Fuß fassen konnten: In The Way Out sind es die unheimlichen Verfolger, die sich nicht abschütteln lassen und die von Lucille Fletcher bzw. "The Twilight Zone: The The Hitch-Hiker" oder "Carnival of Souls" bis hin zu "In the Mouth of Madness" reichen; in Siren ist es die Anhalter-Prämisse, die sich teils an "The Texas Chain Saw Massacre" anlehnt, aber der Struktur nach nicht die Variante des gefährlichen Anhalters, sondern die Variante des gefährlichen Fahrers à la "Tales from the Crypt: Came the Dawn" durchspielt; in The Accident ist es der verfluchte Unfallfahrer, den seine Schuld verfolgt; in Jailbreak ist es die Fahrt aus dicht besiedelter Zivilisation in Areale großer Freiheiten aber auch großen Horrors.
The Way In hat als fünfte Episode erst einmal wenig mit dem Fahrt- und Straßen-Rest zu tun, gibt sie sich doch als waschechter home invasion-Thriller: Eine Familie will das letzte gemeinsame Wochenende genießen, ehe die Tochter – die zu Beginn der Episode die dämonische Schwester der vorangegangenen Episode trifft – auf das College gehen wird; da versammeln sich maskierte Männer auf dem Parkplatz vor dem Haus, belagern und bedrohen Vater, Mutter und Tochter, verschaffen sich alsbald Eintritt. Der Familienvater, dem die aus The Way Out bekannte Fotografie eines Mädchens gezeigt werden wird, hat offenbar Schuld auf sich geladen; aus Rache wird ihm nun seine Frau genommen... die Tochter lässt man entkommen; aber sie wird zurückkehren und wie der Rest der Familie doch noch sterben. Aus den toten Körpern brechen dann aber die gespenstischen, skelettierten Racheengel hervor, die in der ersten Episode zugeschlagen und alle weiteren Schicksale der folgenden Episoden beäugt haben. Und natürlich stecken unter den Maskierungen jene Männer, die in der ersten Episode auf der Flucht waren... bzw. die zwei Überlebenden dieser Männer, denn einer von ihnen wird schon in dieser letzten Episode sterben.
Und so ist diese fünfte Episode im Grunde bloß eine von vier Episoden, fest zur ersten gehörend – und deren ultimative Pointe des Fahrten-Horrors weiter ausbauend: man ist im Kreislauf gefangen, der eigene Tod ist schon festgeschrieben, er hat gar schon stattgefunden, man weiß es bloß noch nicht. Man steckt in der persönlichen Vorhölle fest, büßend für eine alte Schuld, gewarnt vom höllischen Radiomoderator, auf den niemand hört, bezeugt von Racheengeln, die überhaupt nur zwei der Figuren sehen... Eine Cover-Version von "Don't Let the Party End" (1966) kommt vor diesem Hintergrund also mit einer gewissen Ironie daher, ebenso "Goodbye, Goodbye" (2015). Die im Horrorfilm von "The Twilight Zone: The The Hitch-Hiker", "Carnival of Souls", "Dr. Terror's House of Horrors" und "Tales from the Crypt" herrührende und um 2000 mit den mindgame movies à la "Lost Highway" variierte Pointe des Bewusstseins, das seinem Tod nicht ins Auge blicken mag, heftet sich wieder enger an die moralisierenden Schuld- und Bestrafungsszenarios der EC-Comics – und koppelt deren exzessive Derbheit an Verhältnismäßigkeit und Stil neuerer Independent-Horrorfilme, für welche Larry Fessendens Stimme oder Maria Olsens Gesicht einstehen... EC-Comics und Episodenfilm-/-TV-Serien-Kost stehen Pate neben mindgame movies und Independent-Look – und nicht etwa "Pulp Fiction" (1994), den Ain't It Cool News und mit ihnen Tiberius Film GmbH bemühen. (Wobei er zugegebenermaßen nicht allzu weit entfernt ist.)
Man kann "Southbound" mit seinem Konzept einigen Erfolg bescheinigen, wenn man die positive Besprechung von einem episodenfilmaffinen Regie-Großmeister wie Paul Thomas Anderson, den weiteren Werdegang von Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett oder auch den Einfluss des Films auf spätere Independent-Horrorfilme bedenkt: Die unheimlichen, aus Carpenters lovecraftschem "In the Mouth of Madness" stammenden Loops tauchen ähnlich wie in "Southbound" inszeniert im (ebenfalls lovecraftschen) "The Endless" (2017) wieder auf... Andererseits zeigen die Filmschaffenden nur ihre Filmkenntnisse, verzahnen all das, was zusammengehört, erfinden aber nichts neu (sondern beleben bloß nochmals eine populäre und mehr als 80-jährige Pointe), verleihen den Dramen um Schuld und Sühne keine echte Tiefe, belassen teilweise im Hinblick auf die Einzeldramen zu vieles im Dunkeln und betonen dafür den Gesamtzusammenhang doch etwas zu aufdringlich... Und so bleibt im Grunde doch nur etwas übrig, was man eigentlich schon zur Genüge kennt. Immerhin nicht so nervig und geschmacklos wie die Belebung klassischen 60er-Jahre-Episodenhorrors, die Darren Lynn Bousman mit "The Devil's Carnival" (2012) und "Alleluia! The Devil's Carnival" (2015) abgeliefert hat – und immerhin nicht so beliebig und zerfasernd wie die ganzen jüngeren Zwei-Dutzend-Episoden-Anthologien von "The ABCs of Death" (2012) bis "Deathcember - 24 Doors to Hell" (2019).
Gute 5/10
1.) Thomas Koebner: Fahrt. In: Ders. (Hg.): Handbuch Standardsituationen im Film. Schüren 2016; S. 111.
2.) Maria Olsen übrigens, ein bekanntes Gesicht aus kleinen Horror-Erfolgen wie zum Beispiel "Paranormal Activity 3" (2011), "The Lords of Salem" (2012) oder "Starry Eyes" (2014).