Review

"La chanson de Roland" ist - zumindest vordergründig - ein Mittelalter, aber definitiv kein Abenteuerfilm, wie es nun mal die meisten anderen Mittelalterfilme sind, geschweige denn ein heroisches Schlachtenepos. Daher ist das Werk ein hervorragender Kandidat für falsche Erwartungen, die durch den lächerlichen deutschen Verleihtitel "Roland - Die Horden des eisernen Ritters" erst recht geschürt werden. Für heutige Zuschauer gibt es neben diesen falschen Erwartungen noch einen Anziehungspunkt, und der heißt Klaus Kinski. Wie viele grottige Italowestern usw. lassen sich heute noch gut verscherbeln, weil KK dort einen Auftritt von 2-5 Minuten hat - ähnlich auch das hier zu rezensierende Machwerk.

Das einzig Interessante an dem Film ist sein Wechseln zwischen zwei Erzählschichten, die aber beide gleich unterirdisch umgesetzt sind. Die eine gibt die mythische Geschichte von Roland, dem herausragenden Ritter Karls "des Großen" im Kampf gegen die Sarazenen wieder, die andere die eines jungen Schauspielers namens Klaus (wie verbreitet dieser Name im Mittelalter war, entzieht sich meiner Kenntnis - der Kenntnis des Drehbuchautors aber vermutlich auch). Dreimal dürft ihr raten, wer den spielt. Dieser Klaus gehört zu einer Gauklertruppe, die zusammen mit einer Gruppe von Pilgern durch die Lande zieht. Dass den Pilgern diese Gesellschaft recht war, verwundert schon ziemlich, da Gaukler im Mittelalter zu den unreinsten und verworfensten Kreaturen der Menschheit gerechnet wurden. Gerade den Pilgern dürfte das nicht wirklich gepasst haben. Da Reisen im Mittelalter aber alles andere als eine leichte Angelegenheit war und viele Pilger auch auf dem Weg zu ihrem Ziel mal zwischendurch den Geist aufgaben, mag den frommen Leuten diese Zweckgemeinschaft gepasst haben.

Wie dem auch sei, auf historische Glaubwürdigkeit gibt dieser Film wirklich nichts, aber auch gar nichts. So kommen die Pilger z. B. in ein Dorf und erzählen sich, wie die armen Bauern dort leiden müssen. Allerdings besteht dieses Dorf aus großen Steinhäusern, wie sie mittelalterliche Bauersleute wohl kaum bewohnt haben dürften. Das ist nicht nur wegen des Anachronismus lächerlich, sondern auch, weil ständig die Armut der Bauern betont wird, und wie sie unter der Gewaltherrschaft ihrer "Herren" zu leiden haben - und dann diese völlig unpassenden Bauten. Nun ja, Geld für den Bau eines Dorfs aus ärmlichen Holzhütten war wohl nicht da, und die Verantwortlichen interessierte das scheinbar auch gar nicht. Es gibt auch Figuren wie eine gebildete Bäuerin (...wir sind immer noch im Mittelalter...), die als Jeanne-d'Arc-Verschnitt durch die Lande zieht und von der man jede Sekunde erwartet, dass sie eine Pergamenthandschrift mit einer frühen Ausgabe des "Kommunistischen Manifests" aus der Tasche zieht.

Man merkt an den zuletzt erwähnten inhaltlichen Akzenten schon ganz gut, woher der Wind in diesem Film weht, und dass es ihm nicht um glaubwürdige Abbildung des Mittelalters, sondern um Verbreitung einer gewissen Ideologie geht. Mir sind auch noch andere Sachen aufgefallen, z. B. wird hier ein "König von Italien" erwähnt, den es zur Spielzeit des Films nicht gab, und ein Sarazene erwähnt gegenüber dem sterbenden Roland, wie sehr "Frankreich" jetzt geschwächt sei. Das Land Frankreich gab es zur Zeit Karls und Rolands natürlich auch noch nicht. Das wäre sicher zu verschmerzen, wenn der Film auf anderen Gebieten mehr anzubieten hätte. Aber er schmiert letztlich in allen Hinsichten ab. Es gibt eigentlich keine richtigen Dialoge, sondern Figuren äußern auch in Gesprächssituationen lediglich plakative, für sich stehende und nicht selten parolenhafte Sätze, in denen es um große Themen wie arm und reich, ein Leben nach dem Tod usw. geht. Diese Themen werden aber keineswegs profund behandelt, sondern mit vordergründigem Geschwätz und Polit-Propaganda abgetan.

Im Mittelpunkt steht letzlich, wie sich schon andeutete, marxistische Ideologie, was sich besonders am Schluss manifestiert. Dort heißt es von einer nicht unwichtigen Figur des Films, er sei einige Zeit nach der Filmhandlung hingerichtet worden, da er Arbeiter einer Weberei gegen "ihre Herren" aufgehetzt habe (klingt eher nach 19. Jahrhundert...) und gesagt habe, Macht werde durch Gewalt ausgeübt und wenn man im Aufstand dagegen scheitere, dann sei das immer noch ein Sieg, bla bla. Vielleicht hätte man sich beim Verbreiten dieser antiquierten ideologischen Schablonen auch mal überlegen sollen, dass Millionen von Menschen, z. B. zur Zeit des Sowjetkommunismus, diesem Denken zum Opfer gefallen sind. Natürlich war die mittelalterliche Feudalherrschaft sehr grausam gegenüber Leibeigenen, aber die Staaten, die im 20. Jahrhundert alles anders machen wollten, haben sie vielfach an Brutalität noch übertroffen. Trotzdem meint dieser Film, wie auch z. B. die abstrusen Filme Paul Morrisseys über Dracula und Frankenstein, in einem völlig unangemessenen Erzählkontext diese platten Parolen präsentieren zu müssen. Man könnte meinen, einen linientreuen DDR-Streifen der 60er Jahre zu sehen.

Das äußert sich nicht nur auf der Ebene der als Dialoge dargestellten Monologe der Figuren, sondern auch im Rahmen der Handlung: Wie aus dem Nichts tauchen ab und zu dunkelgekleidete Ritter auf und schlachten etliche der armen Pilger, Bauern usw. ab, ohne dass das irgendwie motiviert wäre. Natürlich sehr hölzern und völlig unblutig dargestellt, wir müssen ja unser intellektuelles Erscheinungsbild wahren und da zählt bekanntlich seit einigen Jahrzehnten das Wollen mehr als das Können. Wie mit diesem Geschehen die einzelnen Szenen verknüpft sein sollen, in denen die Inhalte des Rolandslieds amateurhaft nachgestellt werden, ist letztlich nicht klar. Obwohl die Haupthandlung vermitten will, dass der Schauspieler Klaus, alias der Schauspieler Klaus, sich immer mehr vom Mythos emanzipiert, um das "Lied der aufständischen Bauern zu singen", wird parallel dazu ebendieser Mythos bis zu Rolands Heldentod abgehandelt, ohne am traditionellen Ablauf etwas zu ändern.

Bleibt der vermeintlich verbliebene Schauwert des Films zu verhandeln: Kinski. Aber der spielt hier müde und blass, wie man ihn selten gesehen hat. In manchen Szenen wirkt er einfach gelangweilt und scheint lediglich seinen Text aufzusagen, in manchen scheint er entkräftet oder fast wie unter Drogeneinfluss und starrt völlig fertig in die Kamera. In einigen der oben genannten Italowestern vermag er mit seinen 5-Minuten-Auftritten noch mehr zu reißen als für diesen Mist, der einfach nur zusammengeflickt und langweilig daherkommt. Einziger Reiz ist das mittelalterliche Lied "A l'entrada del temps clar", das im Film sowie im Abspann ganz ansprechend dargeboten wird.

P. S. Laut dieser Datenbank gibt es eine ungekürzte Videofassung, die ab 12 ist und 97 Minuten dauert, sowie eine gekürzte DVD, die ab 12 ist und 97 Minuten dauert. Keine davon lohnt die Anschaffung, glaubt mir. Amateurhaftes Karnevals-Laienschauspiel mit einem desorientierten Kinski und plattestem Politgelaber.

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