„Der Spion, der in die Kälte kam"
„Nach wahren Begebenheiten" heißt es gleich zu Beginn des Spionagethrillers „Bridge of Spies". Als historisch interessierten Zuschauer beschleicht hier einen sofort das ungute Gefühl, dass man es mit den geschichtlichen Fakten nicht allzu genau nehmen bzw. mindestens der eigenen Interpretation freien Lauf lassen könnte. Zumal Regisseur Steven Spielberg seit seinem neu entdeckten Faible für Historien-Stoffe regelmäßig ein beredtes Zeugnis für diese Lesart abgegeben hat. Ob Sklaverei („Amistad"), Bürgerkrieg („Lincoln"), Holocaust („Schindler´s Liste") oder vor allem Zweiter Weltkrieg („Der Soldat James Ryan"), stets torpediert er die im Grunde ehrenwerten Absichten mit tendenziösen Seitenhieben, den ein oder anderen Halbwahrheiten bzw. Umdeutungen und dem unverzichtbaren finalen Zuckerguss. Das gerät mal überdeutlich („Private Ryan"), mal weniger („Lincoln") aus den Fugen, hinterlässt aber immer den faden Beigeschmack des Manipulativen.
Nun hat es ihn also in den Kalten Krieg verschlagen. Im Zeitalter neuer Feindbilder ist dieses Terrain allerdings weitaus weniger minenverseucht als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es geht um den ersten Agentenaustausch der beiden Supermächte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der über der Sowjetunion abgeschossene Aufklärungspilot Francis Gary Powers soll gegen den in den USA enttarnten Spitzenagenten Rudolf Abel (Mark Rylance) ausgetauscht werden. Da aber beide Verhandlungspartner aus politischen Gründen nicht selbst in Erscheinung treten wollen, soll der zivile Versicherungsanwalt James B. Donovan (Tom Hanks) die Übergabe aushandeln. Stattfinden soll die Aktion in Berlin, auf der Glienicker Brücke, die den sowjetischen Sektor mit dem US-amerikanischen verbindet.
Spielberg lässt sich viel Zeit um auf diesen Spannungshöhepunkt zuzusteuern. In einer ausgedehnten Exposition erzählt er von der Festnahme Abels durch das FBI, dem darauf folgenden Schauprozess und dem überraschenden Engagement des eigentlich nur zu Propagandazwecken eingesetzten Strafverteidigers James Donovan, das die Todesstrafe für den Sowjet-Spion verhindert und in eine langjährige Haftstrafe abfedert. Mit der Gefangennahme eines US-Spionagepiloten erweist sich die vorausschauende Taktik des zunächst in den USA stark angefeindeten Donovans als goldrichtig, da man nun über ein gewichtiges Faustpfand für einen Agentenaustausch verfügt.
Erst in der zweiten Filmhälfte und dem Ortswechsel in das von den Siegermächten besetzte Berlin dreht Spielberg die Spannungsschraube deutlich an. Hier bekommt es der als Unterhändler entsandte Donovan nicht nur mit dem örtlichen KGB-Chef zu tun, sondern auch mit dem windigen DDR-Anwalt Vogel (Sebastian Koch), da Donovan auch einen in Ostberlin inhaftierten US-Studenten mit auslösen will. Diese eigenmächtige Strategie bringt ihn in Konflikt mit den im Hintergrund agierenden US-Behörden, so dass Donovan buchstäblich von Feinden umringt ist ...
Vieles in „Bridge of Spies" erinnert an klassische Agententhriller wie „Der Spion, der aus der Kälte kam". Altmodisch meint hier aber nicht „altbacken". Das für heutige Verhältnisse fast schon betuliche Tempo und die sich langsam steigernde Dramaturgie kommen ausdrücklich der Entwicklung von Figuren und Geschichte zu Gute, da dem Zuschauer der immer seltener anzutreffende Luxus geboten wird, sich mit beidem vertraut zu machen, was das Filmerlebnis letztlich intensiver macht. Spielberg verzichtet zudem auf moderne Mätzchen wie schnelle Schnitte, Handkamera und Wackeloptik, was das Retro-Gefühl noch zusätzlich verstärkt. Spielbergs „Haus-Optiker" Janusz Kaminski - es ist ihre 14.! Zusammenarbeit - stellt sich ganz in den Dienst dieser visuellen Rückbesinnung und findet vor allem für das winterliche Nachkriegs-Berlin beklemmend schöne Bilder. Höhepunkt ist dabei sicher die als Plansequenz arrangierte Szenerie rund um den hastigen Aufbau der Berliner Mauer. Ein kurzer, aber prägnanter Beweis, dass Spielberg die Mechanismen des Überwältigungskinos nach wie vor im Repertoire hat.
Worauf er aber auch diesmal nicht gänzlich verzichten konnte, ist sein Hang zum Plakativen und zur kitschigen Symbolik. So wird Donovan auf einer S-Bahnfahrt durch das verschneite Berlin natürlich Zeuge von der Erschießung mehrerer Mauerflüchtlinge und natürlich wiederholt Spielberg die Szene 1:1 im herbstlich bunten New York mit einer Schar übermütiger Kinder, die über Zäune und Backsteinmauern springen. Das ist in seiner platten Holzhammer-Pädagogik und simplifizierenden Schwarz-Weiß-Message so irritierend wie ärgerlich. Auch die bewusst grobschlächtige Physiognomie diverser DDR-Wachsoldaten folgt einem ganz ähnlichem Strickmuster und erinnert an praktische deckungsgleiche Szenen in „Saving Private Ryan".
Trotzdem ist „Bridge of Spies" klar einer der besseren Historienfilme Spielbergs, zumal die tendenziösen Schlenker auch solche bleiben und kein dominierendes Element werden. Nicht nur inszenatorisch, dramaturgisch und narrativ, sondern auch hinsichtlich seiner geschichtlichen Herangehensweise ist „Bridge of Spies" nur wenig vorzuwerfen. Das paranoide Klima des Kalten Krieges wird eindringlich vermittelt, der Systemgegner nicht eindimensional und pauschal diffamiert. Die Bilder des geteilten Berlins am Vorabend des Mauerbaus wirken bedrückend real und eindringlich. Mark Rylance gibt dem verhassten Feind ein überraschend menschliches Antlitz und bedient keineswegs das gängige Hollywood-Klischee vom „bösen Russen".
Ohnehin geht es weniger um die Gegenüberstellung von Demokratie und Diktatur, sondern mehr um die Grundprinzipien einer freiheitlichen Verfassung. Genauer: Inwieweit darf, oder gar soll ein Staat diese dehnen, einschränken, wenn er sich mit einer existentiellen Bedrohung konfrontiert sieht? Eine durchaus aktuelle, brisante Frage vor dem Hintergrund von Terrorismus-Paranoia und Überwachungs-Forcierung. So gesehen hätte es im Prolog auch heißen können: „Ein Kommentar zu aktuellen Begebenheiten".