Der ehrgeizige, aber erfolglose Journalist und selbsternannter Kunsthistoriker Sebastian Zöllner (Daniel Brühl) will unbedingt die Biografie des greisen, blinden Malers Manuel Kaminski (Jesper Christensen) schreiben, um bei dessen bald zu erwartenden Tod groß rauszukommen. Deshalb reist Zöllner ins das schweizerische Alpendorf, wohin sich der Künstler zurückgezogen hat…
„Wir haben ja vor einigen Jahrhunderten einen Film namens „Good Bye, Lenin“ gedreht, der mir den Stempel aufdrückte, der netteste Mensch der Nation zu sein. … Deshalb fand ich es eine schöne Idee, mit Wolfgang Becker mal das absolute Gegenteil zu probieren“, sagt Daniel Brühl im Interview (cinema 10/15). Und tatsächlich gelingt es Daniel Brühl, der sein Talent auch schon in dramatischen Filmen, wie „Das weiße Rauschen“ (2002), „Salvador – Kampf um die Freiheit“ (2006) oder „Rush – Alles für den Sieg“ (2013) beweisen konnte, nun in einer Komödie einen selbstverliebten Spinner und absolutes Ekel zu verkörpern; mit heiligem Ernst gespielt und durchweg überzeugend!
Wolfgang Becker (geb. 1954 in Hemer, NW, „Das Leben ist eine Baustelle“ (1997) hat in den 12 Jahren nach dem Riesenerfolg von „Good Bye, Lenin“ (2003, 6 Millionen Kinobesucher, 9 Deutsche Filmpreise) lediglich eine Doku und zwei Kurzfilme gedreht, bevor er mit der Verfilmung des Romans von Daniel Kehlmann seinen nächsten kongenialen Spielfilm präsentiert. Dieser beginnt mit Fotos und Filmschnipseln aus dem Leben eines fiktiven Künstlers, der gefördert von Picasso und Monet in den 60er Jahren zum Star und mit zig prominenten Zeitgenossen abgelichtet wird (im Forrest Gump Style) und sich nach dem Verlust des Augenlichts aus der Öffentlichkeit zurückzieht. Diese Erblindung wird nicht nur vom Schmierenjournalisten Zöllner angezweifelt. Dass der eigentlich nur auf der Suche nach einer Sensation ist und von Kunst keine Ahnung hat, zeigt sich schnell als er vor einem Malen-nach-Zahlen-Bild steht und den Künstler bewundert. Der echte Künstler vergangener Jahre erweist sich bald als ähnliches Ekel, wie sein Biograf, dreht irgendwann den Spieß um und benutzt nun Zöllner um seine Große Liebe zu besuchen. Dabei wird der Film für einige Zeit zum vergnüglichen Roadmovie Richtung Frankreich, wo die schon leicht verwirrte Therese wohnt, rührend dargestellt von Charlie Chaplins großartiger Tochter Geraldine („Doktor Schiwago“ 1965, „Die Gräfin von Hongkong“ 1967, „Mord im Spiegel“ 1980). Auch Jesper Christensen („Die Dolmetscherin“ 2005, „Eine Familie“ 2010), beim Dreh erst 67 Jahre alt, liefert eine Glanzleistung als steinalter, sturer, bisweilen lüsterner Maler, der gesteht, „Kunst ist eine Illusion. Man hat das erkannt und muss trotzdem weiter machen“. Denn Wolfgang Beckers Film ist auch eine Satire auf die Eitelkeiten und Marktmechanismen der Kunstwelt. Vor allem aber ist dem Regisseur etwas sehr seltenes gelungen: eine intelligente Komödie mit Anspruch. (8,5/10)