Review

Think Big!

Aktuell hat er mit seinem ultimativen Epos "The Brutalist" nochmal auf einem ganz anderen Level scheinbar den endgültigen Durchbruch geschafft und schon mit "Vox Lux" hatte er (zumindest mir) damals im Kino sein Genie offenbart - Brady Corbet, Ladies and Gentlemen! Da war es mir wichtig auch sein Regiedebüt zu seinem zehnjährigen Jubiläum endlich nachzuholen - das kaum minder eindrucksvoll in die Knochen und filmische Seele marschiert! Erzählt wird mit einer schier unbändigen audiovisuellen Kraft und Sicherheit aus der Kindheit eines späteren Führers irgendwann nach dem ersten Weltkrieg...

Das Böse tut, was das Böse eben tut?

Elem Klimov wollte am Ende seines Gigantenfilms "Come & See" die traurige Kriegsgeschichte wuterfüllt rückgängig machen und Hitler am liebsten schon als Baby auslöschen. Ganz wie es sich auch "Deadpool" später per Zeitreise überlegte. Corbet zäumt das Pferd allerdings von einer anderen Seite mit "Childhood of a Leader" auf - obwohl es hier gar nicht (zumindest nicht ausdrücklich) um den kleinen Adolf geht... 

Schicksal wird aus Obhut gemacht

Irgendwo zwischen Haneke und Kubrick wirft "Childhood of a Leader" elendig lange Schatten voraus. Es geht um die Wurzel des Übels, um die Machart eines Monsters, um Erbe und Eigenart, um Leidenschaft und Gefühle. Unterkühlt und extrem selbstbewusst dirigiert von Corbet, philosophisch aneckend und reizend, nie den leichten Weg abkürzend. Wundervolle Bilder, bombiger Sound, top Ausstattung. "Childhood of a Leader" ist ein europäisches Großprojekt. Es geht um das Sein und das Werden, das Wollen und das Machen, Vergangenheit und Zukunft, Zusammenhalt gegen das scheinbar Unausweichliche. Von einer kindlichen Unschuld ist nichts zu spüren. Alles kriecht und schlängelt sich schnurstracks unter die Haut und bleibt in den Knochen. Ich habe selten ein solch stilsicheres und fähiges Regiedebüt gesehen. Corbets bullige und geniale Art erinnert mich fast schon an den jungen Orson Welles. Und höheres Lob geht eben nicht. Aber manchmal muss man in diese oberste aller Schubladen greifen - denn dieser Mann und Künstler hat es verdient und ich werde seinen Werdegang und sein Lebenswerk liebend gerne weiterverfolgen. "Childhood of a Leader" ist schockierend gut, vollkommen einnehmend und porentief durchdacht. Ein vom Kopf aus fabelhaft faulender Historienschinken. Der Alptraum des Vaters. Das Ego der Dunkelheit. Eine Warnung. Ein Monument. Sperrig und bissig.

Ich sehe tote Menschen... in meiner Zukunft!

Fazit: schon mit seinem Regiedebüt (!) geht Brady Corbet in die Vollen und wandelt auf den Spuren der ganz Großen... Ein berauschendes und uns Zuschauer quasi überfahrendes, sprachlos zurücklassendes Epos. Intim wie massiv. Pures Kino.

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