Von der Kettensäge zur Gruppentherapie
Regisseur R.D. Braunstein kehrt noch einmal an einen Ort zurück, an dem bereits zweimal verbrannte Erde hinterlassen wurde: das moralisch wie ästhetisch verminte Terrain des modernen Rape-&-Revenge-Kinos. Doch wo der erste Teil wie ein rostiger Schraubstock wirkte, der sich langsam und gnadenlos zuschraubt, und Teil zwei zumindest noch den Willen zur Eskalation hatte, entscheidet sich Teil drei für einen anderen Weg. Einen leiseren. Einen vorsichtigeren. Und letztlich auch einen zahmeren.
Es wird wieder auf das Grab gespuckt – aber diesmal mit angezogener Handbremse. Jennifer Hills, gezeichnet von den Ereignissen des ersten Films, lebt nun unter dem Pseudonym Angela in Los Angeles. Die Wildnis des ländlichen Amerikas ist urbaner Anonymität gewichen, der unmittelbare Schrecken einer langfristigen Traumabewältigung. Das allein ist ein interessanter Ansatz, denn „I Spit on Your Grave 3“ will weniger Schockfilm sein als psychologisches Nachbeben. Zumindest für eine ganze Weile.
Die Geschichte setzt bewusst nicht auf die altbekannte Schockdramaturgie. Keine erneute Vergewaltigungsszene, kein sadistischer Prolog – ein mutiger, fast schon versöhnlicher Schritt innerhalb eines Subgenres, das sonst von Eskalationslogik lebt. Stattdessen begleitet man Angela in einer Therapiegruppe für Vergewaltigungsopfer. Hier soll Heilung stattfinden, oder zumindest Stabilisierung. Gespräche, Rückfälle, Wut, Scham, fragile Solidarität. Der Film lässt sich Zeit. Viel Zeit. Die therapeutischen Sitzungen kratzen an interessanten Fragen – Schuldumkehr, internalisierte Gewaltfantasien, die Sehnsucht nach Kontrolle – doch sie werden selten wirklich vertieft. Stattdessen fungieren sie als notwendige Rampe für das, was unausweichlich folgen muss: Rache.
Problematisch – und offenkundig kalkuliert – ist dabei das Männerbild. Sämtliche männlichen Figuren, die außerhalb der Therapiegruppe auftreten, sind karikaturesk überzeichnete, notgeile Sexualstraftäter in Wartestellung. Subtilität und Ambivalenz sind hier Fehlanzeige. Das ist sicher gewollt, passt zur subjektiven Perspektive der traumatisierten Protagonistin, wirkt aber auf Dauer ermüdend und dramaturgisch bequem.
Wenn der Racheengel zögert
Die erste Hälfte ist dabei äußerst ruhig. Wer hier einen kompromisslosen Exploitationfilm erwartet, wird zunächst enttäuscht – oder positiv überrascht, je nach Erwartungshaltung. Braunstein inszeniert nüchtern, fast spröde. Diese Zurückhaltung ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits verleiht sie dem Film eine unerwartete Ernsthaftigkeit, andererseits fehlt es an Spannung. Diese entsteht weniger aus dem Geschehen als aus dem Wissen, dass es irgendwann kippen muss. Und kippen wird.
Die Atmosphäre ist gedrückt, aber selten beklemmend. Ab der zweiten Hälfte zieht der Film das Tempo merklich an. Angela wird zum Racheengel, zur Vollstreckerin eines Zorns, der sich nicht länger therapieren lässt. Die Kamera verliert ihre therapeutische Distanz, und Blut fließt. Die Gewaltspitzen sind sauber inszeniert, die Effekte handwerklich solide, teils sogar angenehm explizit. Doch verglichen mit der brutalen Wucht des ersten Teils bleiben sie erstaunlich zahm. Die Gewalt hier ist sichtbar, aber selten spürbar.
Braunstein scheint sich nicht ganz entscheiden zu können: Will er schockieren oder reflektieren? Die Antwort lautet leider: beides ein bisschen, nichts davon konsequent. Die Inszenierung bleibt zurückhaltend, fast scheu, wo sie eigentlich kompromisslos sein müsste – oder alternativ den psychologischen Aspekt weiter vertiefen sollte. Ja, es wird blutig und ja, es gibt einige schön anzusehende Effekte. Aber nein, die Gewalt erreicht nie die ikonische Intensität des Originals. Wo Teil eins schmerzte, provozierte und verstörte, bleibt Teil drei illustrativ.
Der unumstrittene Anker des Films ist Sarah Butler. Sie trägt den Film mühelos auf ihren Schultern, verleiht Angela eine stille Intensität, eine kontrollierte Wut, die jederzeit zu kippen droht. Ihre Präsenz hält den Film zusammen, trägt auch die schwächeren Passagen, und sie ist klar das Beste an diesem Film – ohne Einschränkung. Ebenfalls sehenswert ist Jennifer Landon als Marla, obwohl der Film ihr Potenzial nicht voll ausnützt. Der Rest des Casts bleibt funktional, oft eindimensional – was weniger an den Darstellern als an den Figuren selbst liegt.
Fazit
Am Ende ist „I Spit on Your Grave 3 – Mein ist die Rache“ ein Film zwischen den Stühlen. Zu zahm für kompromisslose Genre-Fans, zu oberflächlich für ein ernsthaftes Psychodrama. Storytechnisch und dramaturgisch fährt man auf Sparflamme, die Inszenierung bleibt überraschend defensiv, und die Gewaltspitzen sind eher nett als nachhaltig verstörend. Der Film lebt von seiner Hauptdarstellerin, von einzelnen starken Momenten und von dem Mut, auf eine erneute Vergewaltigungsszene zu verzichten. Doch er verpasst es, aus diesem Ansatz wirklich Kapital zu schlagen. Was bleibt, ist ein sauber produzierter, emotional stellenweise wirkungsvoller, insgesamt aber unausgegorener Abschluss einer Reihe, die einst mit brachialer Konsequenz begann.