Heilige Dreischaltigkeit
Nachdem die Wahl des Hauptdarstellers an der vorangegangen Steve Jobs Verfilmung mit Ashton Kutscher das einzig Mutige & Sehenswerte war, erstrahlt das neue & wohl einzig wahre Werk über die Apple-Legende "Steve Jobs" umso heller. Das Trio um Writer Sorkin, Regisseur Boyle & mittlerweile Megastar Fassbender, macht fast alles überragend richtig, was vorher falsch gemacht wurde. Ihnen gelingt keine klassische Biografie, sondern vielmehr ein Einblick in den Menschen Steve Jobs hinter der Kunstfigur Steve Jobs. Extrem unterhaltsam, stellt dieses grandiose Dialogstakkato fast alles an Filmen über berühmte Persönlichkeiten in den Schatten, ist ein Fest insbesondere für Fans von "The Social Network" & "The Newsroom". Cleverer & ausgefeilter wird Kino 2015 nicht mehr.
Das Script ist hier der Star, nichts scheint heller als Sorkins geschliffene Dialoge & treffende Ausrufe, Fragen & Gesten. Alles verblasst im Gegensatz zu diesen 120 Minuten an Gesprächen, die ihres Gleichen suchen & unterstreichen, dass dieser Mann im Moment einfach einer der genialsten seines Faches ist. Aber auch der Rest dieses wichtigen Werkes, was nicht nur das Jahr 2015 & die kommenden Oscars prägen könnte, sondern die 2010er allgemein, ist nahezu fehlerfrei. Hinten raus etwas wiederholend & lang - aber bei so vielen wichtigen Themen & schlauen Denkanstößen, darf man seinen Aussagen auch mal mit Wiederholungen Kraft verleihen & diese so unterstreichen. Als langjähriger Apple-Benutzer gefielen mir auch die etlichen Anspielungen auf technische Besonderheiten & zukünftige Produkte extrem.
Das bei "Steve Jobs" die richtigen Leute am Werk waren, mit genau den richtigen Grundlagen, genau den richtigen Entscheidungen & Ideen, erkennt man an so vielen Punkten. Von der Dreiteilung in verschiedene Vorstellungen von Apple bzw. Jobs Produkten, dem genialen Einfall, die Epochen & den technischen Fortschritt mit unterschiedlichen Filmstilen (16mm, 32mm, digital) zu unterstreichen, einer aufopferungsvollen aber auf dem Boden gebliebenen Darstellung des Hauptdarstellers (auch wenn ich Fassbender nie ganz ausblenden konnte), einem ebenso überragenden Nebencast (Rogen muss mehr dramatische Rollen spielen!), der pulstreibenden Sounduntermalung (mal modern, artifiziell, mal klassisch) - der Film bietet den Filmschulen rund um den Globus genug Stoff zum Analysieren für Jahre. Und sogar emotional bietet das moderne Fast-Kammerspiel einen überraschend straffen Anker dank der "Beziehung" zu seiner Tochter.
Das immer genau vor den Produktvorstellungen, die entscheidenen Dialoge mit wichtigen Menschen passieren, wirkt zwar etwas theatralisch gewollt, ist mir aber immer noch lieber, als eine lahme Abarbeitung von Geburt bis Tod. So kommt man der zwiespältigen Legende näher, man erfährt Einblick in seinen fortschrittlichen wie tyrannischen Geist, ohne das zu viel vom Mysterium genommen wird. Sowohl Apple-Fans als auch Kritikern werden die Augen aufgehen, so vielseitig wird diese Person & dessen wichtige Merkmale & Entscheidungen beleuchtet. Ein Film wie gemacht, um Kritiker aller Lager verstummen zu lassen. Auch toll: da der Film sofort fesselt, Ruhe & Konzentration fordert, wird auch das Publikum im Kino verstummen & gebannt horchen. Das ist bei dem kommentierwütigen Publikum von heute leider keine Selbstverständlichkeit mehr.
Fazit: ein traumhaftes Trio, was den Drahtseilakt zwischen Glorifizierung & Verteufelung der Ikone Steve Jobs fabelhaft bewältigt & gleichzeitig einen intellektuellen Klassiker geschaffen hat. Paradebeispiel für eine Semi-Biographie done right!