Review

Michael Fassbender spielt Steve Jobs, den Silicon-Valley-Manager, der die Menschheit in ein neues Zeitalter führen sollte. Doch bis dahin war es für den vor wenigen Jahren an einer Krebserkrankung Verstorbenen ein weiter Weg. Er stellte 1984 den Macintosh vor, woraufhin es zum Bruch mit dem Apple-CEO John Scully, gespielt von Jeff Daniels, kam, was Jobs` Ausscheiden aus dem eigenen Unternehmen besiegelte. 1986 präsentierte er einen NeXT-Computer, dessen Markterfolge sich in Grenzen halten sollten, bis er 1998 nach seiner Rückkehr zu Apple mit der Vorstellung des iMac den Grundstein für eine der größten Erfolgsgeschichten der jüngsten Zeit legte.

Die Handschrift des Oscar-Gewinners Danny Boyle, der seit seinem märchenhaft-verträumten Indien-Drama „Slumdog Millionär“ in der ersten Riege der Hollywood-Regisseure mitmischt, sucht man in „Steve Jobs“ fast vergebens. Keine surrealen Trips wie in „The Beach“, „Trainspotting“ oder „Sunshine“, keine überstilisierte Musikvideo-Ästhetik wie in „127 Hours“, stattdessen folgt die Kamera, ähnlich wie zuletzt in „Birdman“, zwei Stunden lang der titelgebenden Hauptfigur hinter den Kulissen diverser Theater- oder Konzertsäle, in denen in wenigen Stunden ein neuer Computer präsentiert werden soll. Wirklich auffällig ist allenfalls, dass die in den 80er Jahren spielenden Sequenzen mit dem leichten Bildrauschen tatsächlich aus der jeweiligen Zeit zu stammen scheinen. „Steve Jobs“ ist definitiv eher Aaron Sorkins als Danny Boyles Film. Die Handschrift des Autors von „The Social Network“ und „Moneyball“ ist von der ersten Minute an unverkennbar, auch „Steve Jobs“ lebt fast ausschließlich von seinen messerscharfen Dialogen, die auch dann sehr viel über Jobs und sein Unternehmen aussagen, wenn sie um scheinbare Nebensächlichkeiten wie einen optisch perfekten Würfel kreisen. Insbesondere die Kenner der TV-Serie „The Newsroom“ werden hier viele bekannte Elemente wiederfinden, die den gefeierten Autoren auszeichnen.

Wer ein klassisches Biopic über den Apple-Chef erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden, weil der Film die Zeiten nur in Rückblenden anschneidet, in denen Jobs und Steve Wozniak in einer Garage die Zukunft erfanden. Außerdem endet er noch vor der Jahrtausendwende, sodass das iPhone, der globale Hype um Apple oder der Krebstod des Managers keine Erwähnung finden sowie auch seine Ehe mit Laurene Powell, mit der er drei Kinder hatte. Sorkin hält sich auch mit Hintergrundinformationen zurück und liefert dem weniger informierten Zuschauer kaum etwas, woran er sich hier orientieren kann. Er fokussiert sich fast ausschließlich auf die drei eingangs erwähnten Präsentationen des Macintosh, des NeXT und des iMac.

Dennoch entfaltet der Film, der die hektischen, mitunter fast hysterischen Vorbereitungen der Präsentationen begleitet, mit seinen geschliffenen Dialogen eine elektrisierende Wirkung und bringt vieles über das Wesen von Jobs und dessen Unternehmen auf den Punkt. In den Dialogen über den optisch perfekten Würfel, anhand der Panik, der neue Computer könne bei der Präsentation nicht „Hallo“ sagen, kommen die aufgebauschten, unendlich stilisierten Produktpräsentationen der Apfelfirma, die krasse Selbstinszenierung von Jobs und seinem Unternehmen sowie sein Perfektionismus in Designfragen, bei dem Schlichtheit und Style maßgebend sind, exemplarisch perfekt zum Ausdruck. Selbiges gilt für Apples Strategie, sich nicht an den Bedürfnissen der Konsumenten zu orientieren, sondern mit neuen Produkten solche erst zu wecken, um sie dann zu befriedigen. Amüsant ist dabei vor allem die scharfe Kritik an Apples geschlossenen Produktsystemen.

Wenn Mark Zuckerberg, der sich einst von „The Social Network“ distanzierte, sich „Steve Jobs“ ansehen sollte, dürfte er erleichtert sein, dass es ihn bei Weitem nicht so hart getroffen hat, wie den ehemaligen Apple-Chef. Jobs wird als tyrannischer Kontrollfreak dargestellt, der auch langjährige Freunde und Geschäftspartner herablassend behandelt, der keinen Widerspruch zulässt, der sich und seine Produkte in einer Reihe mit Julius Cäsar, Napoleon und der Dampfmaschine begreift. Anders als beim Facebook-Film geht es hier aber nicht nur vornehmlich ums Geschäft, sondern auch um die Beziehung von Jobs zu seiner ersten Tochter Lisa, die er jahrelang verleugnete, deren Mutter den Multimillionär stets ums Geld anflehen musste. Das erdet den Film ein wenig und eröffnet den Blick auf einige menschliche Facetten. Auch Jobs` Adoption als Kleinkind wird mehrfach aufgegriffen, aber zu stark psychologisiert. Dass Sorkin es hier und da mit den Fakten nicht so eng nimmt, dass die meisten Gespräche so niemals stattgefunden haben dürften, spielt dabei keine allzu große Rolle, weil hier in erster Linie eine sehr interessante Interpretation von Jobs geboten wird, die gar keinen Anspruch auf Authentizität erhebt. Wer die Aussagen seiner langjährigen Mitarbeiter kennt, kann dennoch den Eindruck gewinnen, dass der Narzisst hiermit das filmische Ebenbild erhalten hat, das ihm gebührt. Ärgerlich ist, dass der innere Antrieb des Managers, seine Begeisterung für die Technik, überhaupt nicht aufgegriffen werden.

Danny Boyle gönnt dem Zuschauer keine ruhige Minute, gibt narrativ von Anfang an Vollgas und eröffnet ein Dauerfeuer an Dialogen, das durchweg mitreißt, mitunter aber auch etwas anstrengend gerät. Die eine oder andere Pause hätte dem Film jedenfalls nicht geschadet. Ein weiteres Problem ist, dass der Dreiklang der Produkt-Präsentationen zum Ende hin etwas berechenbar ist, weil sich die drei Akte in ihrer Struktur zu sehr ähneln. Es tauchen immer dieselben fünf bis sechs Personen auf, die Jobs vor der Präsentation noch sprechen wollen, was dann oft in lauten, manchmal auch zu hysterischen Wortgefechten endet. Man darf Sorkin in jedem Fall dankbar sein, dass er das Ganze auch mal mit bissigem Humor auflockert, sodass der Unterhaltungswert auch dann gewahrt bleibt, wenn sich ein Thema mal wiederholt oder ein längst abgearbeitetes beim dritten Akt wiederaufgegriffen wird. Auch die wenigen Rückblenden, die Boyle gelungen einbringt, helfen ein wenig, die aufkommende Monotonie zu durchbrechen. Dennoch geht dem Film am Ende ein wenig die Luft aus. Noch ärgerlicher ist aber das Happy End, bei dem Jobs doch noch eine unglaubwürdige Wandlung zum einfühlsamen Vater durchläuft, als hätten die Macher nach ihrem zweistündigen Dauerfeuer auf Jobs Angst vor der eigenen Courage bekommen.

Dass Leonardo DiCaprio und Christian Bale die Hauptrolle letztendlich nicht spielen wollten, stellt sich am Ende als glückliche Fügung heraus, denn Michael Fassbender, der nach „Shame“ und „12 Years a Slave“ ja ohnehin einer der Charakterdarsteller der Stunde ist, wächst als Steve Jobs noch einmal über sich hinaus. Fassbender, der auch hier eine enorme Leinwandpräsenz entfaltet, mit seinem Charisma punktet und wie der gesamte Film eine ganz eigene Interpretation von Steve Jobs an den Tag legt, welche sich deutlich vom öffentlichen Bild des talentierten Blenders unterscheidet, empfiehlt sich klar für einen Oscar. Daneben ist eine ebenso herausragende Kate Winslet zu sehen, die als Jobs Marketing-Managerin die einzige Figur im Film verkörpert, die dem Manager auf Augenhöhe begegnet, was die Dialoge der beiden besonders spannend gestaltet. Sie begleitet Jobs permanent hinter den Kulissen der Produktpräsentationen, redet ihm ins Gewissen und versucht, den getriebenen Egozentriker zumindest ansatzweise in geordnete Bahnen zu lenken. Auch die Nebendarsteller, darunter ein seriöser Seth Rogen sowie Jeff Daniels, wissen zu überzeugen.

Fazit:
Sorkins Idee, statt eines klassischen Biopics, lediglich drei Produktpräsentationen zu zeigen, wird nicht jeden Zuschauer begeistern, zumal man wenig Neues über die Biographie des populären Managers erfährt. Stattdessen punktet der theatralische Dreiklang mit seinen geschliffenen Dialogen, die auch dann viel über Jobs und sein Unternehmen aussagen, wenn sie um scheinbare Nebensächlichkeiten kreisen. Der überhebliche, arrogante Steve Jobs, der von Sorkin, Boyle und dem herausragenden Michael Fassbender auf der Leinwand präsentiert wird, mag nicht immer mit dem Steve Jobs übereinstimmen, den wir alle zu kennen glaubten, mit dem realen Jobs ohnehin eher weniger. Dennoch reißen die tiefgründigen, mitunter witzigen, messerscharfen und pointierten Dialogsalven von Anfang an mit und machen „Steve Jobs“ zu einem der elektrisierendsten Filme der letzten Jahre. Schade, dass das streckenweise regelrecht hysterische Treiben zum Ende hin ein wenig monoton wird, worauf ein viel zu süßlicher Abgang folgt. Wenn ein Film kein Happy End haben sollte: Dann dieser.

81 %

Details
Ähnliche Filme