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"Zeit zu lieben und Zeit zu sterben" vereint zwei scheinbar gegensätzliche Strömungen, weshalb dem Film seit seiner Entstehung die ihm zustehende Anerkennung versagt blieb. Schon der Originaltrailer warb mit Douglas Sirks Film vor allem als übergroße Liebesromanze in schwerer Zeit und berief sich damit auf Sirks damaligen Status als begnadetem Regisseur für Melodramen. Diese zeichneten sich besonders dadurch aus, dass sie emotional überhöhte Gefühle in eine durch gesellschaftliche Zwänge unlösbar scheinende Situation transportierten, optisch unterstützt noch durch intensive Farben im Breitwandformat.

Ähnlich pittoresk wirkt auch "Zeit zu lieben und Zeit zu sterben", was die Trümmerlandschaft, in der Sirk in Deutschland drehte, künstlich zu überhöhen scheint. Mit dieser Darstellung der Kriegszerstörungen stand Sirk im Gegensatz zu Filmemachern des neorealistischen Stils, die ihren in Schwarz-Weiß gedrehten Filmen eine dokumentarische Anmutung gaben, während die einzelnen in Trümmern liegenden Gebäude bei Sirk arrangiert wirken. Selbst Billy Wilder drehte seine Nachkriegskomödie "Eine auswärtige Affäre" innerhalb des realen Szenarios der Berliner Trümmerlandschaft in nackten Schwarz-Weiß-Bildern.

Hinzu kam, dass die Liebesgeschichte zwischen Elisabeth (Lieselotte Pulver) und dem Wehrmachts-Soldaten Ernst (John Gavin) äußerlich Sirks Melodramen ähnelte, obwohl die Geschichte aus Erich-Maria-Remarques Feder stammte, der intensiv an der Entstehung des Films mitwirkte und auch in einer kleinen Nebenrolle selbst auftrat. Remarques Anti-Kriegs-Dramen ähneln sich in der Hinsicht, dass sie aus der privaten Sicht des Einzelnen erzählt werden und damit sehr nah an dessem persönlichem Schicksal orientiert sind. Damit kam er Sirks Stil entgegen, dessen Dramen sich aus dem begrenzten Blickwinkel des Agierenden entwickeln und damit dessen subjektives Empfinden in den Mittelpunkt stellen. Einen übergeordneten und damit objektiven Standpunkt nahm er in seinen Filmen selten ein.

Doch "Zeit zu leben und Zeit zu sterben" ist ein Film über den Nationalsozialismus in Deutschland und spielt innerhalb weniger Wochen im Jahr 1944, während die Wehrmacht schon auf dem Rückzug war und die Bevölkerung in Deutschland unter einem permanenten Bombenkrieg litt. Sirks Art, persönliche Schicksale ohne einen umfassend informativen Kontext darzustellen, wurde im Zusammenhang mit dieser Thematik als oberflächlich erachtet. Und zwar von allen Seiten.

Den Einen war Sirks Film zu wenig kritisch, weil er zwar die Judenverfolgung und Foltermethoden der SS erwähnte, diese aber nicht in ihren tatsächlichen Auswirkungen zeigte. Ernst begegnet zwar seinem alten Klassenkameraden Binding (Thayer David), der inzwischen ein einflussreicher SS-Mann geworden ist, wieder, aber obwohl er dessen Methoden ablehnt, die Sirk in ihrer selbstherrlichen Dekadenz verdeutlicht, geht er nie in offene Konfrontation zu diesem, sondern nutzt sogar dessen gewährte Vergünstigungen. Ernst ist kein Held. Sein Widerstand findet ausschließlich im privaten Bereich statt und auch sein Wissen erhält er nur aus den Worten anderer Zeugen. Die öffentlich zugänglichen Informationen unterliegen alle der Propaganda.

Doch gerade darin liegt die frappierende Wirkung des Films, weshalb es zu verstehen ist, dass er Ende der 50er Jahre in Deutschland auch als zu negativ angesehen wurde. Denn Sirk machte deutlich, dass man schon mit ignoranter Blindheit geschlagen sein musste, um die täglichen Repressalien zu übersehen, denen auch der ganz normale Bürger ausgesetzt war. Das beginnt schon damit, dass der Soldat Ernst gar nicht wusste, wie stark die Zivilbevölkerung litt. Während den Menschen in Deutschland von der wohlgenährten und erfolgreichen Armee berichtet wurde, die von Erfolg zu Erfolg eilte (echte Informationen von der Front wurden als Verrat angesehen), dachten die demoralisierten Soldaten, der Bevölkerung zu Hause gehe es gut. Erst mit dem Erkennen dieser Realitäten, angesichts von zerstörten Häusern, vermissten oder toten Angehörigen und einer Machtelite, die sämtliche Bürgerentscheidungen willkürlich kontrollierte, beginnt Ernst nachzudenken.

Dadurch, dass Sirk und Remarque einen einfachen und patriotisch gesinnten Soldaten in den Mittelpunkt stellten, zerstörten sie die Mär, dass der "normale" Mensch nichts wusste. Es mag sein, dass er die tatsächliche Größenordnung nicht wirklich erfasste (weshalb es konsequent ist, die Story immer aus dem beschränkten Blickwinkel des Protagonisten zu schildern), aber das Menschen nur auf Grund von Religionszugehörigkeit oder unliebsamer Aussagen plötzlich verschwanden, dass man jederzeit denunziert werden konnte und das sich manche als Herren über Leben und Tod aufspielten, konnte man nicht übersehen.

"Zeit zu leben und Zeit zu sterben" kann gerade in seiner sehr emotionalen Erzählweise großartig die furchtbaren Auswirkungen einer Diktatur vermitteln. Der Film wirkt in seinem Verzicht auf Gewaltdarstellungen und mit seinem Bemühen, dass "normale" Leben innerhalb chaotischer Zustände zu zeigen, aus heutiger Sicht sehr kritisch und nicht verharmlosend. Besonders deshalb, weil er sich einer Ebene widmet, die zunehmend in Vergessenheit gerät. Der Illusion, es litten nur die unter einer Diktatur, die sich nicht anpassen könnten, wird hier vehement widersprochen.

Mit dieser privaten Thematik lag Sirks Film nicht auf der Linie der politischen Aufklärung, wenn diese zum damaligen Zeitpunkt überhaupt schon stattfand. Durch die Liebesgeschichte und einer wie immer sehr süßen Lieselotte Pulver, schien dem Film auch der notwendige Ernst zu fehlen, obwohl gerade Elisabeths Aussagen keinen Zweifel an ihrer Haltung zulassen. Doch selbst denen, die in ihnen auch den Widerstandsgeist und den Vorbildcharakter sahen, macht es der Film nicht leicht, denn der verzichtet gänzlich auf einfache Lösungen. Als Ernst letztlich Konsequenzen aus seinen Erkenntnissen zieht, wird er dafür bitter bestraft. Ein komplexer, großartiger Film (10/10).

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