Painful to live in fear, isn't it?
Nachdem Ridley Scott mit "Alien" (1979) das Science-Fiction-Genre revolutioniert und eine düstere Anti-These zu George Lucas' Popart-Märchen "Star Wars" von 1977 entworfen hatte, verfolgte er diesen Weg mit "Blade Runner" weiter.
"Blade Runner" hat keinen verdreckten Raumfrachter, sondern ein stickiges, nicht minder dreckiges Los Angeles des Jahres 2019 zum Schauplatz. Die Atmosphäre ist genauso düster, hoffnungslos und bedrohlich wie in "Alien". Es regnet ständig, es ist dunkel, Harrison Ford ist Deckard, ein ausgebrannter, geschiedener "Detektiv" der Zukunft und "Blade Runner" wird zum einem Meilenstein des Film Noir, nicht nur des Science-Fiction-Genres.
Das Design der futuristischen Großstadt ist genial und kann lediglich von Tim Burtons Gotham City in "Batman" (1989) erreicht werden (Scott wollte die Stadt ursprünglich sogar Gotham City nennen; weitere interessante Hintergundinformationen gibt es übrigens bei dem Review von 'Moonshade' in der ofdb nachzulesen). Die Story von "Blade Runner" ist sehr tiefgründig, nimmt unter anderem Aspekte aus Spielbergs SF-Märchen "A.I." vorweg und erscheint vor allem gut durchdacht.
Die Kritik an der Gesellschaft (bei "Alien" angeklungen) und die Frage nach dem Mensch-sein stehen bei "Blade Runner" im Mittelpunkt. Die Replikanten erscheinen teilweise als Opfer, sie wollen leben und sich nicht mit den vier Jahren Lebensdauer abfinden, für die sie geschaffen worden sind. Und nicht nur die Coca Cola-Werbung ist ein Hinweis auf den ausgeuferten Kapitalismus, der in Ridley Scotts Stadt der Zukunft herrscht. Von der zwielichtigen Organisation, für die Deckard gezwungenermaßen arbeitet, bekommt er einen Replikanten (Rachael) vorgesetzt, der nicht einmal weiß, dass er kein Mensch ist und nicht im geringsten daran glaubt nicht-menschlich zu sein. Diese unethische Vorgehensweise verteidigt einer der Wissenschaftler wie folgt: "Commerce is our goal here at Tyrell. "More human than human" is our motto. Rachael is an experiment. Nothing more."
"Alien" und "Blade Runner" bilden gewissermaßen eine gedankliche Einheit, es könnte durchaus sein, dass beide zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten spielen. "Blade Runner" ist allerdings weitaus nachdenklicher gestimmt, die Frage etwa, ob Deckard ein Replikant ist oder nicht, kann bis zum pessimistischen Ende (geht man vom Director's Cut aus) nicht sicher beantwortet werden und bleibt letztlich dem Zuschauer überlassen. Es scheint kaum möglich zu sein, aber gänzlich verneint werden kann (und soll) es nicht.
Die Darsteller können komplett gefallen, knapp hinter Indiana Jones ist Deckard Fords beste Rolle und vor allem Rudger Hauer kann vollends überzeugen und liefert die einzige überzeugende Leistung seiner Karriere ab. Mit "Blade Runner" hat Ridley Scott seine Vison aus "Alien" fortgeführt und die bereits dort angesprochene Problematik der künstlichen Intelligenz (Ash als Verräter an Bord der Nostromo) in den Mittelpunkt seines zutiefst philosophischen und atmosphärisch komplexen Film Noir-SF-Meisterwerks gestellt.
9/10 Punkten.