"Do andriods dream of electric sheep?"
Die Verfilmung der Kurzgeschichte von Phillip K. Dick ist Ridley Scotts zweiter großer Wurf und hat bis heute seinen Kultstatus als genialer Regisseur geprägt.
In einer düsteren Zukunft werden viele wirklich unangenehme Jobs von Andrioden, sog. Replikanten erledigt. Diese sind äußerlich vom Menschen nicht zu unterscheiden, sind ihm jedoch physiologisch weit überlegen. "Menschlicher als der Mensch" ist das Motto der Tyrell-Corporation, der Schöpferin dieser Andrioden. Um diesen Wahlspruch zu verwirklichen, sind die Replikanten der neuen Nexus-6-Reihe den Menschen so ähnlich, dass sie tatsächlich beginnen, eigene Identitäten und Gefühle zu entwickeln. Um der hieraus resultierenden Gefahr eines möglichen Aufstandes zu begegnen, gibt man den Nexus-Replikanten dreierlei mit auf den Weg: Eine eingebildete Identität als Mensch, hierzu passend implantierte Erinnerungen an ein fiktives Vorleben - und drei Jahre Lebenserwartung.
Es kommt wie es kommen muss: Eine Gruppe von Nexus-6 wird sich ihres Nicht-Menschseins bewusst, desertiert und begibt sich illegal auf den Weg zur Erde, um Antworten auf die Frage nach ihrer Existenz zu finden. Genau für einen solchen Fall wurde eine Spezialeinheit der Polizei gegründet: Die Blade Runner sind ausgebildete Detectives, die illegale Replikanten aufsprüren, entlarven und eleminieren sollen. Deckert (Harrison Ford) ist einer dieser Blade Runner. Als Einzelgänger vegetiert er in einer düsteren Zukunft, in der sich asiatische Kultureinflüsse mit der westlichen Welt zu einem soziologischen Brei verschmolzen haben, mehr vor sich hin, als dass er wirklich lebt. Über seine Vergangenheit erfahren wir wenig bis gar nichts - lediglich sein abgestumpfter Zynismus wird schnell offenbar: Er hasst seinen Job, obwohl er angeblich der Beste darin sein soll. Deckert wird also auf die illegalen Replikanten (im Fachjargon abwertend "Haujobs" genannt) angesetzt und macht sich fortan daran, einen nach dem anderen "auszuknipsen".
Die visuelle Kraft von Blade Runner ist wohl in der Filmgeschichte im Hinblick auf sein frühes Entstehungsdatum einmalig: Los Angeles im Jahr 2019 als düstere Megapolis, von Slums, Abrissvierteln und Fabriken gekennzeichnet, dominiert die Handlung, Dauerregen reflektiert die Stimmung des Hauptprotagonisten und ständig ertönen sirrende und flirrende Audioathmosphären des genialen Soundtüftlers Vangelis, dessen Soundtrack für diesen Film wohl ebenfalls zu seinen innovativsten Werken zählt. Die Austattung des Films, die vielen kleinen Details, machen diese Zukunftsvision so glaubwürdig und düster-real, wie es nur wenigen anderen Filmen vergönnt ist.
Architektur, Mode und Sprache bestehen aus einem wirren Mix von Art Deco, Jugendstil, nüchternem 20. Jarhundert und Futurismus. Genau diese Mischung macht Scotts Zukunftsvision für uns nachvollziehbar und glaubwürdig, kommt einem doch inmitten aller futuristisch anmutenden Visionen vieles dennoch vertraut vor.Die Bilder sind von geradezu schmerzhaft poetischer Natur und passen so hervorragend zu seiner verwinkelten Story. Hier geht es nicht einfach nur um einen Spezialisten, der grausame Gegner zu Strecke bringt, es geht um die Frage nach dem Sein, um die eigene Identität, die Suche nach Gott, und die Begegnung mit dem "Schöpfer". Und bereits zwei Dekaden vor Matrix geht es um die Frage nach unserer Realität.
Im Verlauf des Films wird schnell klar, dass die vermeintlich bösen Andrioden angsterfüllte getriebene Opfer sind, die freilich dennoch böses tun. Auch wird klar, dass der "Held" böses tut und sich von seinen Opfern wohl durch weitaus weniger unterscheidet, als wir zunächst denken. Dennoch zieht der Blade Runner seinen Job bis zum bitteren Ende durch und lässt uns am Schluss des Films mit einer essentiellen Frage zurück, deren eindeutige Beantwortung sich der Film glücklicher Weise verkniffen hat...
Harrison Ford spielt routiniert seine Rolle als "abgefuckter" Profi, und Rutger Hauer gibt hier wohl die weitaus beste Darstellung seines Könnens seiner gesamten Filmkarriere. Sean Young spielt indes sehr kühl und hölzern, was jedoch auch ihrer Rolle geschuldet sein mag. In weiteren Nebenrollen brillieren u.a. Edward James Olmos, Daryl Hannah, M. Emmet Walsh, Joe Turkel und Brion James, der hier ebenso wie Hauer wohl eine der besten schauspielerischen Leistungen seiner ansonsten (ebenso wie bei Hauer) durch B-Movies geprägten Karriere, abgibt.
Blade Runner und Alien (ebenfalls Ridley Scott) dürfen wohl als diejenigen Filme angesehen werden, die das Science Fiction Genre grundlegend revolutionierten. Niemals zuvor wurde die Zukunft gleichzeitig dermaßen düster und realistisch dargestellt wie hier. Im krassen Gegensatz zu George Lucas' Star Wars oder auch zu Star Treck gibt es hier keine sauberen, weißen und polierten Oberflächen, klar definierten Heldenfiguren, oder befriedigende und alles erklärende Happy Ends. Der Zuschauer bleibt mit einem schalen Gefühl zurück, dass sich unter der Oberfläche dessen, was er gerade gesehen hat, noch weitaus mehr verbergen könnte, als es auf den Blick den Anschein hat.
Zahlreiche Nachahmer versuchten sich an dem visuellen Stil und der mehrdeutigen Story von Blade Runner, meißtens mit sehr zweifelhaftem Erfolg. Blade Runner ist und bleibt nun einmal das Original - und das bereits seit 1982.