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Als Blade Runner im Jahre 1982 in den Kinos dieser Welt lief, war sich seltsamerweise das Publikum wie auch das Feuilleton einig. Der Film galt unter anderem als zu düster und gemeinhin als zu langatmig. Um es gleich vorweg zu nehmen, ich verstehe diese Anschuldigungen kein bißchen. Sicherlich war die damals erschienene Fassung (heute bekannt als Kinocut) nicht optimal, aber ich glaube kaum, daß es dem "Directors cut" damals anders ergangen wäre. Es hätte ihm eher noch weniger Verständnis eingebracht. Die Frage zu klären, warum und woran dieser Film an den Kinokassen scheiterte ist müßig. Lag es an seinem langsamen Szenenaufbau oder an den recht düster geratenen Kulissen? Es war wohl einfach die falsche Zeit. Ein Schicksal das er auch mit John Carpenters kurz davor erschienenen "The Thing" teilt, der von Spielbergs freundlicheren Alien Variante ausgeboten wurde. Über die Jahre hat sich "Blade Runner", von einem Geheimtip zu einem waschechten Klassiker des Science Fiction Films entwickelt. Ridley Scott, der zwischen den Jahren 78 und 82 offenbar in einer vor Kreativität nur so strotzenden Schaffensperiode war, zu der er leider in seinen weiteren Arbeiten nicht mehr im Stande war, lehnte die Story an Philip K. Dicks Kurzgeschichte (Do Androids Dream of Electric Sheep) an. Bis auf das Grundgerüst hat der Film aber kaum Ähnlichkeiten mit Dicks Werk.

Wir befinden uns im Jahre 2019, die Welt ist dunkel und die Großstädte sind hoffnungslos überfüllt und chaotisch. In jener zukünftigen Welt ist es möglich künstliche Menschen (Replikanten) zu erschaffen. Diese Replikanten werden vorzugsweise für Sklavenarbeiten auf anderen Planeten benötigt. Immer wieder kommt es zu Revolten unter den Replikanten. Und immer wenn Gefahr von ihnen ausgehen könnte oder sie verbotenerweise auf die Erde zurückkehren wollen, schalten sich die Blade Runner ein. Deren Zweck ist, die Replikanten mittels "Void Kampff Tests" ausfindig zu machen und zu liquidieren. Rick Deckard (Harrison Ford) ist einer von ihnen, und er wird beauftragt 5 Replikanten, der nahezu perfekten Nexus 6 Serie, zu stellen.
Scotts Verzicht seinen Hauptcharakteren (Deckard und Rachel) Tiefe zu verleihen erweist sich hier als absolut genial. In einer künstlichen Welt mit künstlichen (erfundenen) Lebewesen passen diese Klischeehaften, ja fast unauthentischen Figuren wie Deckard und Rachel bestens hinein. Sie wirken wie aus einem billigen Groschenroman, mit zynischen und allen Wasser gewaschenen Privatschnüfflern und verführerischen, unnahbaren Frauen. Als Deckard versucht Rachel ihre Künstlichkeit zu erklären sagt er sinngemäß, "daß ihre Kindheitserinnerungen nur Implantate seien, und diese womöglich ihren Ursprung bei Tyrells Nichte hätten." Sie sind von Menschen kreierte Idealfiguren und ihre Existenz basiert auf einer Vorgabe von bereits erlebten und erdachten Gefühlen oder Stereotypen Vorstellungen. Roy Batty (Rutger Hauer), von Scott etwas zu aufdringlich als "Erlöser" bzw. künstlicher Jesus symbolisiert, ist die tragischste Figur. Sein Streben nach mehr Leben, und seine Suche nach dem Sinn seines kurzen aber intensiven Lebens, lassen dieses vermeintlich perfekte Wesen menschlicher wirken als jeden anderen in diesem Film. Obwohl der Film weit mehr bietet als großartige Bilder, so sind es doch vorwiegend jene die ihm zu einem absoluten Klassiker werden ließen. Düstere Häuserschluchten die immer wieder kurz durch gigantische Werbeleinwände beleuchtet werden, schwebende Autos die durch Neonlicht geschwängerte Straßen gleiten, und wie gewohnt von Scott, die typischen Gegenlichtaufnahmen. All diese fantastischen Szenen sorgen für wohlige Schauer, und doch wirkt dieses Bild der Zukunft beängstigend authentisch. In einer der besten Szenen des Films jagt Deckard die Replikantin Zhora durch die Straßen von "Neu" Los Angeles. Wir hören den Straßenlärm, Ampeln die monoton Befehle wiedergeben, vorbeiziehende Hari Krishnas, das Gekreische und Gejaule von (künstlichen) Tieren die an allen Straßenecken verkauft werden. Und in mitten dieses Chaos, Jagt Deckard seinem Opfer (Haujobb) hinterher. Die Szene endet mit dem plötzliche aussetzten des Lärms, wir hören nur noch die Schüsse aus Deckards Waffe, das klirren der Scheiben durch die Zhora stürzt, und die langsam einsetzende Musik von Vangelis. Man taucht in dieses Geschehen geradezu ein, eine auditive wie visuelle Meisterleistung.

Über "Blade Runner" läßt sich noch viel schreiben und interpretieren, doch ich belasse es dabei eine absolute Empfehlung an alle zu geben die ihn noch nicht gesehen haben. Ridley Scott hat das Kunststück geschafft, eine sowohl philosophische wie auch träumerisch poetische Geschichte mit großem Budget in ein visuell beeindruckendes, anspruchsvolles Gesamtpaket zu verwandeln.

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