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Ärgerlich: zwischen all den ach so komischen Pro7-Serienproduktionen, deutschen Betroffenheitaufarbeitungen der Generation Golf und den vorformatierten American Pie-Nachziehern entgeht einem als interessiertem Mittdreißiger dann die wirkliche Perle, weil sie in dem Durchschnittswust und Massennansturm keiner mehr sehen will.
Das war das Schicksal von Kai Wessels „Das Jahr der ersten Küsse“, einem Film, der sich zwischen Sperma im Bier und „Soloalbum“, so geschickt qualitativ einpendelt, daß die Augen zu leuchten beginnen.

Wie auch die deutsche Produktion „Schule“ ist auch Wessels Film ein gefühlvolles Portrait einer verlorenen Zeit oder Kindheit, eine bezaubernde Mischung aus 80er-Nostalgie und Coming-Of-Age-Drama, das man reichhaltig mit Komödienstreuseln bestreut hat.

Im Mittelpunkt steht der 15jährige Tristan, der trotz seiner recht überschaubaren Größe gut mit seinen Mitschülern arrangiert hat, eine hübsche Schulclique ist entstanden, doch plötzlich gerät die Welt aus den Fugen, denn die allseits beliebte Mitschülerin Kerstin erweckt plötzlich ganz neue Gefühle, Onanie macht auch Spaß und Schule ist scheißegal, noch mehr jedenfalls als seine Psychotherapeuteneltern ihre baldige Trennung verkünden – insofern wird dieses Schuljahr im Kreise der Lieben sein letztes sein.

Erzählt wird das alles von dem erwachsenen Tristan, dargestellt von einem lakonischen Oliver Korittke, der es schafft, per Stimme Komik und Tragik zu gerechten Teilen in die Story einfließen zu lassen. Im Zentrum steht, trotz einiger klamaukiger Einschübe, die aber alle sehr harmlos ausfallen, der Zusammenhalt der Heranwachsenden und die erwachenden Gefühle, die sehr reelle Pubertätsphasen und Verhaltensweisen durchlaufen – trotz aller Emotionalität trägt Tristan sein hartes Los, als freundlicher, netter Typ, der einfach nicht zum Zuge kommt, auch wenn er es sich von Herzen wünscht.

Nacheinander wird er erst als ewiger bester Freund verpflichtet, scheitert dann mit seiner freundlichen Unschuld am Wildfang der Klasse im Rahmen eines Theaterprojekts, bekommt dann den Grund für sein Scheitern um die Ohren gehauen, als er glaubt, am Ziel zu sein (eine türkische Mitschülerin gesteht ihm eine Schwärmerei, erklärt ihn aber für zu lieb und brav und geht dann mit seinem stotternden Freund auf Matratze), um schließlich heldenhaft eine weitere Freundin vor ihrem gewalttätigen Vater zu beschützen. All diese Erlebnisse sind gleichsam emotional tragisch wie ungemein witzig dargestellt und bestechen durch ihren tadellosen Realismus, auch wenn die Darsteller manchmal etwas zu alt für Spiele wie Flaschendrehen wirken oder bei der ersten Party durch unkontrollierten Alkoholkonsum abstürzen – auch wenn das, soweit sich der Autor an die 80er erinnert, genau so gewesen ist.

Das größte Problem ist vielleicht, daß hier im Kern wirklich alle nur gute Freunde sind, nicht ein einziges Arschloch sticht aus dem Kreis hervor, auch wenn es im Sinne des Teenagerfilms Archetypen sind (Der Dicke, das lange Elend, die leicht punkige mit dem Lehrer-Crush, der Stotterer, der von Pickeln Geplagte, der zu Kleine, die Ausländerin, die unter Prügeln Leidende).
Eingebettet in HB- und Persilreklame, ausgestattet mit der passenden Musik (La Boum natürlich dabei), bunten Curacaodrinks und furchtbaren Klamotten, wie schräg karierten Norwegerpullis und Polohemden mit aufgestelltem Kragen, macht sich sowohl Wehmut wie wunderbare Erinnerung breit – eine Zeit, in der eben alles anders wurde. Die Eltern in allen Himmelsrichtungen, keinen Sex, keine Knutschereien, aber das Ziel der Begierde jeden Tag vor Augen – wer nicht sofort mit den ersten Bartstoppeln der absolute Mädchenschwarm war, wird verstehen wie es gemeint war oder es sogar nachfühlen können.

Dazwischen besticht der Film nicht durch Rasanz, sondern durch stille Einfühlung, geradezu aufreizend unkommentierte und klischeebefreite Szenen, wenn seine Singlemom etwa etwas mit Kerstins Vater anfängt und er die beiden morgens im Bett auffindet oder viele Momente der trüben Teenagereinsamkeit, wenn man allein auf verlassenen Straßen nach der nächsten Enttäuschung erste Entscheidungen fürs ganze Leben trifft – und jeder Tag einen ein wenig mehr verändert. Wessel zelebriert manchmal die Wortlosigkeit, zeigt Gefühle, über die man einfach als Teenager keine Sätze sprechen kann anhand der starken Bilder und bricht dann doch mit ihnen, weil es einfach raus muß, daß nach jetzt nichts so sein wird wie bisher.

Das Ende ist sowohl glücklich wie tieftraurig, aber die Lebenslektionen sind gelernt – und es die wesentliche Lebenslektion wird tatsächlich noch in eine prägnante Botschaft gepackt: egal, wie mies das Leben damals mit dir umgesprungen ist, hattest du wirkliche Freunde, dann hattest du Glück. Auch wenn du sie wie alles im Leben irgendwann aus den Augen verlierst. Fürs Herz. (8/10)

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