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Ein kleiner Raum, zweckmäßig eingerichtet. Ein Stuhl, ein Tisch, ein Mikrophon. Auf dem Sessel sitzt Rachel Meadows (Lauren Ashley Carter, The Woman), gefesselt, mit einem schwarzen Sack über dem Kopf. Schräg hinter ihr steht Dr. Michael Slovak (John Speredakos, The Innkeepers), der Arzt, der hier das uneingeschränkte Sagen hat. Schließlich befinden sich die beiden im Slovak Institute of Psychokinetics, einer bestens bewachten Hochsicherheitsanstalt, in der mit besonderen, mit ungewöhnlichen Kräften ausgestatteten Menschen experimentiert wird. Der Wissenschaftler, der die zierliche Frau nicht aus den Augen läßt, stellt die erste Frage. "Do you understand, why I can't take the sack off?" Rachels Antwort ist selbstbewußt, direkt und lakonisch. "Because you are scared." Slovak lacht kurz auf, wird jedoch sofort wieder ernst und fährt lauernd fort. "What is there to be scared of?" Sehr langsam dreht Rachel den verdeckten Kopf in seine Richtung. Ihre Erwiderung ist knapp, trocken, und sie ist richtig. "Me."

Rachel ist nicht die einzige "Patientin" mit gewaltigen Gedankenkräften im Haus. Ein Mann namens David Armstrong (Matt Mercer, Contracted: Phase II) ist bereits seit einiger Zeit ihr Leidensgenosse, und wenig später gesellt sich auch ihr Exfreund Zack Connors (Graham Skipper, Tales of Halloween) dazu, von dem es heißt, daß seine Kräfte selbst die von Rachel noch übersteigen. Bald ist auch klar, was der skrupellose Arzt im Schilde führt. Slovak hat einen Weg gefunden, die psychokinetischen Kräfte von seinen Gefangenen auf sich zu übertragen. Das Verfahren ist - für beide Seiten - extrem schmerzhaft, aber was tut man nicht alles, um Macht zu erlangen und damit die Welt zu verändern? Im Jahre 1981 ließ der Kanadier David Cronenberg in seinem Film Scanners spektakulär vor laufender Kamera einen Kopf zerplatzen. Bereits vorher richteten PSI-begabte Menschen in Filmen wie Carrie oder The Fury viel Unheil an, aber es war dieser eine, kraftvolle, unvergeßliche Moment, der die Möglichkeiten psychisch fokussierter Energieströme anschaulich auf den Punkt brachte.

Joe Begos (Almost Human) greift nun mit The Mind's Eye diese faszinierende Thematik erneut auf. Dabei orientiert er sich so stark am Scanners-Franchise (speziell am ersten Sequel), daß man seinen Film auch Scanners: The Next Generation oder Scanners Reloaded nennen könnte, obwohl der Begriff "Scanners" im Film nie in den Mund genommen wird. Die überwiegend im Februar 1991 angesiedelte Geschichte ist sehr simpel und geradlinig gehalten, das (von ihm selbst verfaßte) Drehbuch ist klar und übersichtlich strukturiert, und die dürftig charakterisierten Figuren lassen sich problemlos in die Lager Gut und Böse einordnen. Zwar sind Zack, David und Rachel ganz bestimmt keine Heiligen, aber da ihre Gegenspieler allesamt gewissenlose, sadistische und verabscheuungswürdige Bastarde sind, nimmt man sie trotz ihrer Fehler als Helden wahr. Aufgrund der inhumanen Behandlung, welcher sie durch Dr. Slovak ausgesetzt sind, ist das Publikum sofort auf ihrer Seite, fiebert mit ihnen mit und hofft, daß sie es ihren Peinigern letztendlich heimzahlen.

Die schauspielerischen Darbietungen sind durch die Bank akzeptabel. Lediglich John Speredakos beginnt mit zunehmender Laufzeit etwas zu nerven, da er die Kontrolle über sein Overacting nach und nach verliert. Als Zacks Vater ist Schauspieler/Regisseur Larry Fessenden (We Are Still Here, Wendigo, The Last Winter) zu sehen, der aus seiner kleinen Rolle noch das Beste gemacht hat. Stilistisch ist The Mind's Eye phasenweise eine Augenweide. Begos, auf dessen Konto auch die Kinematographie geht, orientiert sich visuell offensichtlich an der Ästhetik des europäischen Genrekinos der 1970er- und 1980er-Jahre, wobei es ihm die Herren Mario Bava und Dario Argento besonders angetan zu haben scheinen. Die oft von satten Farbtönen dominierte Szenenausleuchtung ist nicht nur ganz toll anzusehen, sie sorgt auch für eine leicht unwirkliche, surreale Stimmung. Ebenfalls ganz famos ist Steve Moores einfach arrangierter Elektro-Score, dessen eingängige, treibende Synthesizer-Klänge an John Carpenter erinnern und einen mitreißenden, hypnotischen Sog entfalten.

Der Grundton des in Rhode Island gedrehten Filmes ist extrem gewalttätig und düster, für Humor scheint es hier keinen Platz zu geben. Eine friedliche Koexistenz ist unmöglich, sämtliche Konflikte werden mit Gewalt gelöst. Sei es mit Schußwaffen, Messern und Äxten, oder sei es mit zielgerichteter Gedankenkraft, das Ergebnis ist im Endeffekt dasselbe: Ein zerstörter, lebloser Körper. Leicht haben es Zack, David und Rachel dennoch nicht. Die Anwendung ihrer psychischen Gabe ist ungemein anstrengend. Die Kräfte kosten Energie, zehren an Geist und Körper, und zwar so vehement, daß bei Überstrapazierung sogar der Tod eintreten kann. Die mit dem Benutzen der Kräfte einhergehende Anstrengung wird glaubhaft vermittelt und macht es somit auch plausibel, daß diese Fähigkeit nicht nach Belieben eingesetzt werden kann. Unsere Protagonisten sind keine unverwundbaren Superhelden, ganz im Gegenteil. Es sind Menschen wie du und ich, die einfach nur ein spezielles Talent haben und sich energisch gegen die Ungerechtigkeit zur Wehr setzen, die ihnen widerfährt. Selbst wenn es ihnen das Leben kosten sollte.

Bei einem Film mit Scanners-Thematik nehmen die Spezialeffekte natürlich einen hohen Stellenwert ein, und Begos läßt es in dieser Hinsicht auch gewaltig krachen. Der Gore-Score ist höher - wesentlich höher - als bei den diversen Scanners-Streifen, und, soweit ich das beurteilen kann, sind die blutigen Effekte (darunter auch, wie könnte es anders sein, eine imposante Kopfexplosion) gänzlich praktischer Natur und wissen fast ausnahmslos zu überzeugen. Des Weiteren setzt Begos auf Tempo und Action. Die Story hetzt so rasant von Set-Piece zu Set-Piece, daß man als Zuseher vor lauter Staunen gar nicht erst auf den Gedanken kommt, über das Gesehene nachzudenken bzw. es zu hinterfragen. Eine gute Entscheidung, könnte man ansonsten doch merken, daß unter der schicken Oberfläche des schwer unterhaltsamen Retro-Spektakels eine große, gähnende Leere herrscht. Nein, mit Originalität, Tiefe und Anspruch punktet Begos' leidenschaftliche, von Herzen kommende Liebeserklärung an seine Kindheitsfavoriten gewiß nicht. Und vielleicht rockt diese alternative, inoffizielle Scanners-Neuauflage genau deswegen die Hütte.

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