In Mexiko City erledigt James Bond, gespielt von Daniel Craig, einen Terroristen, noch bevor der ein ganzes Stadion in die Luft sprengen kann. Auf dessen Beerdigung in Rom trifft er die Witwe, gespielt von Monica Bellucci, deren Mann Mitglied in einer Geheimorganisation war, welche sich noch am Abend in Rom zusammenfinden soll. Das kann sich Bond natürlich nicht entgehen lassen. Während der Doppelnull-Agent feststellen muss, dass es sich beim von Christoph Waltz verkörperten Oberhaupt der Terrororganisation um einen alten Bekannten handelt, kämpft M, gespielt von Ralph Fiennes, in London um das Überleben des Agentenprogramms. Die Top-Spione sollen nach dem Willen eines eifrigen Behördenleiters zukünftig durch Massenüberwachung und Drohnenschläge ersetzt werden.
James Bond, die wohl größte Filmfigur aller Zeiten, ist wieder da. Und wie immer wurde im Vorfeld über Nebensächlichkeiten diskutiert, welche bei fast allen anderen Filmreihen kaum eine Erwähnung finden würden. Sollte es sich beim von Christoph Waltz verkörperten Franz Oberhauser womöglich um den Superschurken Blofeld handeln? Würde dieser Film, welcher womöglich der letzte des quasi amtsmüden Daniel Craig sein könnte, die Tetralogie innerhalb der Bond-Reihe beschließen und die vorherigen Episoden verbinden? Viele Kritiker befanden es vor Kinostart als revolutionär, dass mit der 51jährigen Monica Bellucci ausnahmsweise ein Bond-Girl besetzt wurde, das sich in einer ähnlichen Altersklasse wie der Top-Agent befindet, wenngleich ihr Auftritt keine zehn Minuten dauert. Die wenigen Hintergründe, die im Film über Bonds Jugend preisgegeben werden, dürften angesichts des gigantischen Hypes daher ausreichen, um Presse und Fans mitunter zum Hyperventilieren zu bringen. Darüber rückt das eigentlich Wichtigste schnell in den Hintergrund: Die Qualität des Films. Und die hält sich nach dem gelungenen „Skyfall“ leider in Grenzen.
Dabei geht es gut los. Die Anfangssequenz, für die der Tag der Toten in Mexiko Stadt unter erheblichem Aufwand mit zahllosen Statisten nachgestellt wurde, ist an Opulenz kaum zu übertreffen, hier kommen die erheblichen finanziellen Mittel von angeblich 300 Millionen Dollar voll zum Zuge. Die Kamera folgt Bond aus dem Schlafzimmer einer attraktiven jungen Dame über einige Dächer, ein Haus explodiert, es gibt eine Verfolgungsjagd im Getümmel zu sehen und schließlich einen spektakulären Fight in einem über der Menschenmenge kreisenden Hubschrauber. Ein toller Start, der durch den miesen Titelsong kaum getrübt wird. Anschließend kommt Bond auf die Spur der Geheimorganisation Spectre, die kaum mächtiger und gefährlicher sein könnte. „American Beauty“-Regisseur Sam Mendes, der bereits für „Skyfall“ verantwortlich war, schwört etliche dunkle Vorzeichen herauf, versucht die Atmosphäre zu verdichten, setzt voll auf das düstere Charisma von Christoph Waltz. Der aus „Ein Quantum Trost“ bekannte Mr. White kündigt einen Hurricane an, der über Bond, den sinnbildlich kleinen Lenkdrachen, hereinbrechen soll.
Doch viel mehr als eine steife Brise schlägt dem Doppelnullagenten nicht entgegen. Über weite Strecken entfaltet die von Christoph Waltz gespielte Oberhauser-Figur nicht die intendierte bedrohliche Präsenz, sie tritt erst am Ende wieder in Erscheinung. Wirklich zu schaffen macht Bond meist nur der vom Wrestler Dave Batista gespielte Gorilla, dessen beeindruckende Physis vor allem im Nahkampf aber voll zur Geltung kommt. Am Ende lässt Oberhauser, ganz in der Tradition vieler anderer „Bond“-Filme stehend, den Agenten nah an sich heran, nur dass es dem dann allzu leicht fällt, der Krake den Kopf abzuschlagen. Immerhin wird das zweite Zusammentreffen der Gegenspieler mit einer einfallsreichen, wenngleich unappetitlichen Folterszene garniert.
Waltz, der mit seinem zynischen, herrlich süffisanten Spiel als „Bond“-Gegner absolut prädestiniert ist, hätte da definitiv eine bessere Figur verdient gehabt. Er rettet zwar, was zu retten ist, doch der Schurke ist letztendlich ein Reinfall. Seine Motivation bleibt unglaubwürdig, seine Ziele seltsam allgemein, viel mehr als eine austauschbare Welteroberungsfantasie kombiniert mit einem kruden persönlichen Background, welcher sich auf die Jugend der beiden Gegenspieler bezieht, ist den drei Drehbuchautoren leider nicht eingefallen. Die Idee, den drei Vorgängerfilmen und „Spectre“ einen gemeinsamen Überbau zu geben, indem man kurzerhand Oberhauser für alles Übel im „Bond“-Universum verantwortlich macht, ist OK, wäre aber besser zum Tragen gekommen, wenn man die Anzeichen dafür in den vorherigen Filmen stärker verdichtet hätte.
Die vier Craig-Filme haben eines gemeinsam: Sie werden allesamt sehr persönlich. Bonds große Liebe und die von Judi Dench verkörperte Mutterfigur „M“ kommen ums Leben und Mendes legt auch „Spectre“ als einen emotionalen und persönlichen „Bond“-Film an. Daher bezieht er sich immer wieder auf die tragischen Ereignisse in den Vorgängerfilmen und auch Oberhauser scheint vor allem eine persönliche Rechnung mit Bond begleichen, ihn auch auf der menschlichen Ebene treffen zu wollen. Dementsprechend gibt es erneut einen grimmigen Bond zu sehen, einen meist todernsten, persönlich getroffenen Daniel Craig, der seine Rolle dennoch sehr gelungen ausfüllt und auch mal mit trockenem Humor überzeugt. Die Dramatik, welche „Skyfall“ zuletzt auszeichnete, kommt freilich dennoch nicht zustande, weil viel zu verkrampft auf die emotionale Karte gesetzt und zudem hölzern erzählt wird.
Was den Unterhaltungswert angeht, bietet „Spectre“ Solides. Die Action-Szenen können sich allesamt sehen lassen, wenngleich die grandiose Eingangssequenz unerreicht bleibt. Den Autorennen fehlt es vielleicht ein bisschen an Dynamik, sonst zeigt Regisseur Mendes, der von Hause aus nicht gerade ein ausgewiesener Action-Experte ist, aber ein sicheres Händchen für spannenden Nahkampf, gigantische Explosionen und vor allem spektakuläre Flugszenen. Hinzu kommen die tollen Schauplätze, der anfangs gelungene Spannungsaufbau sowie der eine oder andere beiläufige Gag, der das düstere Treiben auch mal ein wenig auflockert. Leider krankt „Spectre“ aber an seiner Episodenhaftigkeit, weswegen kein durchgängiger Spannungsbogen zustande kommt, und an seiner in Anbetracht der dünnen Story viel zu langen Laufzeit. So kommen in der zweiten Filmhälfte leider viele Längen auf.
Bei einer „Bond“-Kritik bleibt es zuletzt dann aber doch nicht aus, noch einige Spezifika der Reihe abzuhandeln. Die französische Schauspielerin Lea Seydoux, die zuletzt in „Blau ist eine warme Farbe“ auf ganzer Linie überzeugen konnte, ist als Bond-Girl eine tolle Besetzung und das nicht nur aufgrund ihres reizvollen Äußeren. Sie spielt eine ausnehmend starke Frauenfigur, die zwar auch das eine oder andere mal von Bond gerettet werden muss, diesem aber in vielen Belangen ebenbürtig ist, was bei der „Bond“-Reihe durchaus beachtlich ist. Außerdem kommt es kaum zu Intimitäten zwischen Bond und den Frauen, nur am Rande, der Vollständigkeit halber eben. Das steht der Reihe so aber ganz gut, weil das Frauenbild so eher ins 21. Jahrhundert passt. Stimmig ist in dieser Hinsicht auch, dass es keine sonderlich spektakulären Gadgets gibt, denn hier sind Daten und Überwachungssysteme die neuen Waffen bzw. Machtmittel. Der „Bond“-Film, der so ganz im Zeichen der Snowden-Enthüllungen steht, greift somit ein aktuelles Thema kritisch, wenngleich sehr allgemein, auf, was dem Ganzen inhaltlich zumindest etwas Substanz verleiht. Erwähnt seien zudem noch die mitunter ganz netten Anspielungen auf andere "Bond"-Einsätze.
Fazit:
Nach der an Opulenz und Fulminanz kaum zu übertreffenden Eingangssequenz in Mexiko City, die vermutlich ihren Platz in der jüngeren Filmgeschichte einnehmen wird, verspricht „Spectre“ seinen Zuschauern mit düsteren Andeutungen wortwörtlich einen Hurricane, der über James Bond hereinbrechen soll. Der bleibt aber aus, weil der episodenhafte Film danach nicht so recht an Fahrt aufnimmt, die Motive des Bösewichts viel zu allgemein sind und die krampfhaften Versuche, das Geschehen auf eine persönliche Ebene zu ziehen, kaum Emotionen aufkommen lassen. Mit sehenswerter Action, etwas Witz und gutem Stil unterhält das Ganze insgesamt solide, es gibt aber einfach zu viele Längen. Das Jahr 2015 geht klar an „Mission Impossible“.
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