Mit "Spectre" läuft nun das von mir erhoffte Ende des Handlungsbogens im Kino, welcher seit nunmehr drei Filmen den privaten Bond in den Mittelpunkt rückte. Schluss damit! Her mit den größenwahnsinnigen Superschurken! Her mit der Bond-Schablone!
Die Gunbarrel-Sequenz stimmt dann schon mal hoffnungsfroh. Was folgt, ist dann zwar ein Film, der wohltuend spärlich mit überbietungswütender Action aufwartet. Nur leider bietet das Drehbuch wenig Ausgleich für diesen löblichen Verzicht, denn im Nachhinein wirkt der etwas langatmige Serienbeitrag teils arg zusammengeschustert und bezieht wieder das Privatleben Bonds mit ein, was wohl der größte Fehler von "Spectre" ist.
Als Beispiel für das holprige Drehbuch wirkt die Episode um die wunderschöne Monica Bellucci doch sehr unmotiviert und eingeschoben und auch wenn diese 10 Minuten über einen unleugbaren Unterhaltungswert verfügen, hätte man ebenso darauf verzichten können. Diesen Absatz hier könnte ich genauso gut auch löschen, ohne die Aussage meiner Rezension zu ändern, aber da Monica Bellucci darin vorkommt, lass ich ihn einfach stehen.
Der gesamte Film weist auch eine gewisse Unausgewogenheit auf, welche sich aus dem Hang, einen ernsten und zeitgemäßen Thriller abliefern zu wollen und einer verstärkten Hinwendung zum klassischen, aber eben auch altmodischen Bond-Kitsch ergibt.
Die moderne Informationsproblematik und die verbreitete Furcht vor der staatlichen Totalüberwachung zwingt sich ja schon fast auf, aber was die böse und namensgebende Krakenorganisation nun wirklich will, wird nich so recht erklärt. Da könnte der von Christoph Waltz dargestellte Österreicher doch bitte konkreter werden und das (wieder einmal) private Motiv von Franz Oberhauser zieht den Handlungsbogen aller Craig-Bonds irgendwie in die Beliebigkeit.
Die Folterszene (und auch der Weg dahin) ist als Psychoduell gedacht, zerschießt sich aber lehrbuchmäßig selbst. Franz Oberhauser ist ein Ziehbruder Bonds, ein Psycho-Kukuk! Zudem funktioniert seine Folterapparatur nicht so, wie er es rotzfrech behauptet! Man hat Christoph Waltz schlichtweg verheizt!
Nachdem wir die Bedrohung für die stabile Weltordnung nun mehr und mehr im familiären Umfeld der lieben Familie Bond zu finden scheinen, erwarte ich beinahe, dass im nächsten Teil eine Tante dritten Grades des Schwippschwagers eines bisher unbekannten Vetters des Großvaters für Unheil sorgt... Tante Herta aus Schwäbisch Gmünd (Die deutschen Bösewichte sind die besten!) treibt ihr Unwesen, indem sie plant, das ganze Land auf der Welt zu kaufen, um es mit Gewinn zu verkaufen, wofür sie zunächst aber Bonds Ehefrau Nr. 2 ermorden lässt, um 007 für ein hinterhältiges Doppelspiel als Marionette auf dem Schachbrett der internationalen Anti-Terror-Bekämpfung schäbig ausgenutzt gehabt zu haben...scheinen...will...
Aber sie hat die Rechnung natürlich ohne den Wirt gemacht!
Aber "Spectre" hat auch was auf der Haben-Seie zu verbuchen. Die unaufgeregte Art des Erzählens ist im Krawallkino der Gegenwart eine angenehme Abwechslung und einige Selbstreferenzen sind tatsächlich gelungen. So gibt es eine intensive Kampfszene in einem Zug a là "Liebesgrüße aus Moskau", "Q" spielt nochmal ein bisschen "Lizenz zum Töten" und es gibt doch wirklich und tatsächlich eine weiße Perserkatze zu sehen. Zudem bekommen wir eine (etwas zu langatmige) Schurkenkonferenz geboten, wo man sich zum gemeinsamen Bösesein trifft. Ach ja, Gadgets gibt es auch wieder.
Dagegen stehen dann aber auf der anderen Seite ein hundsmiserabler Eunuchengesang in der Titelsequenz und die Titelsequenz selbst, die mit ihren Bildern für eine unfreiwillige Komik sorgt. Im Garten eines Kraken möcht' ich sein.
Zuletzt muss ich dann noch feststellen, dass ich Daniel Craigs Mangel an Lockerheit und Smartheit nun mit dem Stempel "hoffnungslos" versehen muss. Gerade in einem Film, der viel auf seinen (holprigen) Plot setzt, muss man mehr als Physis einbringen. Aber so verkrampft, wie Craig mit gespreizten Beinen und der Hand in der Hosentasche da steht, wirkt das unübersehbar so, als hätten ihn da drei Setdesigner in mehreren Etappen drapiert. Eine atmende Muskelverhärtung! Charismatisch dafür aber sehr begrenzt.
Fazit
Die Ära Daniel Craig wirkt mit dem vierten Teil insgesamt wie eine Berg-und Talfahrt, wobei es am Ende leider nicht bergauf geht. Viele gute Ansätze werden verschenkt und verlaufen sich im Gewirr des Drehbuchs, das insgesamt überraschend unausgegoren ist. Zudem ist der gestalterische Ansatz unentschlossen in Bezug auf die Ernsthaftigkeit und den wiederkehrenden Kitsch des Bond-Universums. Über letzteren habe ich mich gefreut.
*SPOILER*
Ernst Stavro Blofeld darf gerne wiederkommen, aber das nächste Mal sollte er genau wissen, wohin die Reise geht. Vergessen sollte er hingegen, dass James Bond sein Bruder ist, denn es klingt extrem blöd, wenn man das hier so hinschreibt. Ein eklatanter Stolperstein des Drehbuchs, der den Film stark verhunzt. Aber wenn James Bond dann im nächsten Film plötzlich ganz anders aussähe, könnte Blofeld diesen Blödsinn ja einfach vergessen.
*SPOILERENDE*
Wünschenswert wäre ein neues Gesicht für das Franchise aus meiner Sicht jedenfalls, wenn man endlich die Serie vom Seifenoper-Kitsch befreien wollte.
Eventuell ist Bond dann ja schwarz, schwul oder eine Frau... oder alle drei Minderheiten gleichzeitig? Zumindest werden derlei Optionen ja in Diskussionen emsig debattiert.
Mmh.
Können wir nicht vielleicht doch den größten noch existierenden Chauvinisten des Kinos politisch inkorrekt sein lassen? Dafür rettet er uns dann eventuell ja auch mal wieder die ganze Welt.