Die Produzenten von "Der letzte Ritt nach Santa Cruz" hatten prinzipiell alles richtig gemacht, denn sie hatten die Zeichen der Zeit erkannt. Während sich der Erfolg des Italo-Westerns erst anbahnte - Sergio Leone drehte seinen ersten Western "Für eine Handvoll Dollar" parallel, ebenfalls mit Marianne Koch in einer weiblichen Hauptrolle - siedelten sie ihre Geschichte auch schon in den staubigen Gefilden der südlichen USA, im Grenzgebiet zu Mexico, an. Entscheidender für die Wegbereitung des Westerns im deutschen Kino, waren aber der zuvorige Erfolg der Karl May -Verfilmungen "Der Schatz im Silbersee" und "Winnetou I", von dem sie konsequenterweise gleich Mario Adorf als Bösewicht übernahmen. Auch die Wahl Klaus Kinskis als Banditen erwies sich geradezu als prophetisch, denn nach seinen Schurken-Rollen in den Edgar-Wallace Verfilmungen stellt "Der letzte Ritt nach Santa Cruz" den Beginn seiner langen Western-Karriere dar.
Ebenfalls die Verpflichtung Edmund Purdoms, einem damals populären englischen Darsteller, für die Heldenrolle Rex Kelly, scheint auf den Versuch, internationale Standards erreichen zu wollen, hinzuweisen, aber die Besetzung zweier wichtiger Nebenrollen mit Walter Giller und Thomas Fritsch verweisen auf deutsche Spezifika. Giller war damals schon sehr populär, während Fritsch als vielversprechender Newcomer und jugendlicher Held galt, aber auch ihre Dreitagebärte können nicht darüber hinweg täuschen, dass sie in dem Western wie Fremdkörper agieren. Man könnte das als nebensächlich erachten, wenn die Gestaltung ihrer Rollen nicht symptomatisch für das Drehbuch von Herbert Reinecker und Rolf Olsens Regie-Arbeit wäre, die Beide ebenfalls Western-Neulinge waren.
Es sind weniger die fehlende Härte und die trotz der staubigen Umgebung meist saubere Kleidung und glatten Gesichter, die nur wenig Nähe zum Italo-Western vermitteln - "Der letzte Ritt nach Santa Cruz" orientiert sich in dieser Hinsicht sicherlich mehr an den Karl May-Verfilmungen - sondern die fehlende Authentizität in den Charakterisierungen, die in ihrer Ausgestaltung an pubertäre Western-Fantasien erinnern und nie auch nur in die Nähe selbst klischeehaftester US-Western geraten. Der Film wirkt im Grunde über seine gesamte Laufzeit so, als ob ein paar deutsch/österreichische Filmemacher in ihrem Filmstudio-Sandkasten einmal Western spielen wollten - angesichts einer Darstellerriege, die bei diversen späteren Gelegenheiten beweisen sollte, wie überzeugend sie dieses Szenario zu verkörpern in der Lage sind, ein deutliches Armutszeugnis.
Nun kann dieser Vorwurf sicherlich auch für eine Vielzahl der Karl-May Verfilmungen aus deutscher Produktion gelten, aber dort fand gleichzeitig eine intensive Identifikation mit den Hauptdarstellern statt, die hier vollstädnig fehlt. Darin wird die Schwäche des Drehbuchs am deutlichsten, denn dieses deutet immer nur Konflikte an, ohne sich tiefer auf sie einzulassen. So muss schon eine an TV-Vorabendserien erinnernde Familienkostellation mit Frau und kleinem, in seiner piepsigen, altklugen Art, nervenden Sohn reichen, um Rex Kelly zu einem Verbrechen zu motivieren, denn er raubt seine eigene Bank aus, um seine Familie zu retten, die in die Gewalt des Bandenbosses Pedro Ortiz (Mario Adorf) geraten ist. Einen Moment droht er deshalb selbst vom Sheriff, seinem eigenen Nachfolger, verhaftet zu werden, kann sich aber mit Gewalt befreien. Doch anstatt diesen inneren Konflikt, diese ungerechfertigte Anschuldigung weiter zu verfolgen, die Edmund Purdom auch die Möglichkeit gegeben hätte, seiner sonst sehr oberflächlichen Figur mehr Tiefe zu verleihen, kommt der Film einfach nicht mehr darauf zurück.
Ähnliches gilt für den anderen Protagonisten Pedro Ortiz, der als sehr gefährlich gilt, was er zu Beginn auch gleich beweist, als er seinen Freund Carlos (Thomas Fritsch) aus dem Gefängnis befreit, aus dem er selbst erst kurz zuvor entlassen wurde. Für Carlos soll er so etwas wie ein väterlicher Ersatz sein, aber tatsächlich kann man diese Verbindung nie nachempfinden, denn der brave Fritsch arbeitet von Beginn daran, sein glattes, weiches Gesicht einem selbstverständlich guten Charakter zu verleihen, dass mit Verbrechern nichts gemein hat. Noch unglaubwürdiger ist Woody Johnsons (Walter Giller) Anbiederung an Pedro Ortiz, denn seine penetrante unterwürfige Kriecherei dürfte den selbstverliebtesten Gangster misstrauisch werden lassen. Leider erschliesst sich auch die Beziehung zwischen der attraktiven Juanita (Marisa Mell) und Ortiz keinen Moment, da sich der Film jeder kleinsten sexuellen Andeutung familiengerecht verweigert.
Und so muss auch Mario Adorf ständig zwischen ganz bösem Bösewicht und inkonsequentem Weichling changieren. Wenn es an der Zeit ist, darf er den inzwischen abtrünnigen Carlos aus dem Hinterhalt killen, damit Fritsch den Heldentod sterben darf, zu einem anderen Zeitpunkt darf Rex Kellys Frau mitkommen und ihren Sohn Steve betreuen, als wären sie auf einem Familienausflug. Angeblich wollte sich Ortiz doch an dem verhassten Kelly rächen, der ihn ins Gefängnis gebracht hatte, doch während er einen hilflosen Großgrundbesitzer eiskalt ermordet, lässt er immer einen seiner Männer allein auf Kelly los, um diesen an der Verfolgung zu hindern. Dabei hat er doch alle Trümpfe in der Hand, um diesem seinen Willen aufzuzwingen. Stattdessen gibt er Kelly so die unnötig leichte Gelegenheit, seine Streitmacht zu reduzieren. Man könnte das auch als Demaskierung eines angeblich harten Burschen interpretieren, aber dafür fehlt es Adorfs Rolle an charakterlichen Differenzierungen.
"Der letzte Ritt nach Santa Cruz" erinnert mehr an harmlose deutsche Unterhaltungsfilme als an einen spannenden Western, aber wahrscheinlich genügte es damals schon, dass Adorf und Kinski zwischendurch etwas mordlüsternen Wahnsinn durchschimmern liessen, und eine anständige Ehefrau und ein blonder Junge von Verbrechern entführt wurden, um den Betrachtern den Angstschweiss auf die Stirn zu zaubern. Mit der Gestaltung der Rollen von Giller und Fritsch als Pseudo-Verbrecher war der Zenit an Tiefgründigkeit und Differenziertheit zudem schon erreicht, weshalb man solche Ambitionen bei den weiteren Rollen gleich wegliess, wenn man von Marisa Mells krampfhaft, gequältem Gesichtsausdruck einmal absieht, bevor sie sich selbst in die Luft jagt.
Ob man dem Film heute noch einen gewissen, unfreiwilligen Charme zugesteht oder in ihm einen legitimen Vertreter des damaligen Zeitgeistes sieht, der einige Strömungen frühzeitig erkannte, liegt im Auge des jeweiligen Betrachtres, ändert aber nichts an der Tatsache, dass "Der letzte Ritt von Santa Cruz" von der Story und der Charaktergestaltung einfach schlecht ist (2/10).