"Als sie etwa eine halbe Meile vor Ashcroft eine Kurve durchfuhren, konnten sie das Haus schon sehen: ein großzügiges Gebäude von größter architektonischer Harmonie. Von der langen, geschwungenen Auffahrt aus sah Jury, dass die Parkanlage aus einem angelegten Garten - gepflegte Hecken und Blumenrabatten - und aus einem verwilderten Teil bestand, weshalb sie aussah, als hätte der Gärtner mitten in der Arbeit Spaten und Hacke fallen lassen.
Vor dem Haus standen zwei Polizeiautos."
Als vor etwa 18 Monaten mit Der Tote im Pub die erste Verfilmung eines der Bücher um Inspector Jury, aus der Feder der Amerikanerin Martha Grimes und damit nach mehr als 30 Jahren nach der Veröffentlichung erschien, war die Verwunderung um die Entstehung aus ausgerechnet Deutschen Landen ebenso groß wie die teilweise Ablehnung der Adaption. Kritiken monierten den krampfhaften Versuch, mit etwas Lokalkolorit und sonstig aufgesetzten Gestus eine Bebilderung zu bemühen, die die Herkunft im Auftrag des ZDF nicht vergessen machen konnte und wie eine preiswerte Kopie sonstiger britischer Zeugnisse, Marke Inspector Barnaby und Co. wirkte. So ganz unrecht hatte man mit dieser Einschätzung nicht, allerdings waren die Zuschauer damals für den "Fernsehfilm der Woche" mit etwa 5.67 Mio. an der Zahl ebenso dabei wie nun bei der Zweitverfilmung auch, was für die angehende Reihe und dem a) Interesse und b) auch Wohlwollen des (lesenden?) Publikums spricht und genug Fundament für weitere Folgen geben dürfte. Zumindest weitaus genug Vorlagen von Grimes sind vorhanden, und die ersten halben Dutzend davon auch durchaus die Ausgangsqualität für eine gekonnte filmische Ausrichtung wert. Mord im Nebel pickt sich mit das dünnste Exemplar aus dem Buchschrank heraus und das trotz des Ausgangsthemas auch mit das leichteste noch mit:
Vor 20 Jahren: Sam Waterhouse [ Aaron Monaghan ] wurde wegen des dringenden Tatverdachtes des Mordes an der jungen Mutter verhaftet und aufgrund Indizienbeweisen und Augenzeugen auch verurteilt und eingesperrt. Kurz nach seiner Entlassung und der Rückkehr in den Heimatort treten erneut Morde, diesmal an mehreren Kindern in den umliegenden Ortschaften auf, was nicht nur die Bevölkerung extrem beunruhigt und verstört, als auch Inspector Richard Jury [ Fritz Karl ] samt seinen verschnupften Assistenten Sergeant Alfred Wiggings [Arndt Schwering-Sohnrey ] von Scotland Yard auf den Plan ruft. Jury versichert sich durch Nachfragen bei dem frühr zuständigen Brian Magalvie [ Conor Lambert ] von dem Umständen damals und heute, und verhört auch Waterhouse, der sich wenig kooperativ und eher ablehnend zeigt. zugespitzt wird die eh schon angespannte Situation durch einen Vater eines der Opfer, den Metzger Albert Riley [ Steve Wilson ], der sowohl evenso verdächtige Umstände aufweist, als auch selber auch Rache schwört. Außerdem wird die kleine Jessica Ashcroft [ Ayana Ledl ], eine angehende Erbin eines riesigen Vermögens aktiv bedroht, während ihr Onkel Robert [ Marc Benjamin Puch ], der momentane Vermögensverwalter auch nicht ganz geheuer scheint. Jury versucht, seinen Freund, den Adeligen Melrose Plant [ Götz Schubert ] und dessen aufdringliche Tante Agatha Ardry [ Katharina Thalbach ] als Schutz inkognito zu platzieren.
"Es war eine trübe Spelunke an einem trostlosen Stück Straße. Die ursprünglich ockerfarbenen Wände waren durch den Rauch, der aus den Schornstein auf dem Dach drang, graugelb geworden. Über dem Eingang baumelte an einer Eisenstange das Wirtshausschild, und durch die Fenster konnte man vor lauter Dreck nichts mehr sehen. Das Gebäude hatte Schlagseite, entweder von der Trockenfäule oder von der aufsteigenden Feuchtigkeit. Ein so heruntergekommenes Pub konnte eigentlich nur heruntergekommene Gestalten anlocken."
Zugrundeliegen tut der Bearbeitung von Günter Knarr, der auch das Drehbuch zum Vorgänger schrieb, Band Nummer Sechs, veröffentlicht 1985, dessen Titel "Inspector Jury lichtet den Nebel" hier im wahrsten Sinne des Wortes zu Herzen genommen wurde und dessen Ratschlag sich durch den größten Teil des Skriptes zieht. So viel Nebel in der Bedeutung von falschen Fährten und möglichen Verdächtigen gibt es hier nämlich gar nicht, was auch an der flüssigen Schreibweise des Textes und dessen im Grunde zweiseitiger Schilderung liegt. Einmal die Perspektive vom ermittelnden Polizisten, in dessen Arbeit sich bald die Sicht der kleinen Jessica und damit das potentielle Opfer eventuell noch folgender Mordtaten schiebt.
Vereinfacht wurde die ganze Angelegenheit hier noch noch vermehrten Wert auf Rückblenden, die die Ausgangstat von vor 20 Jahren deutlicher in Augenschein nehmen, durch das Streichen oder Ändern wichtiger Nebenfiguren und durch die vermehrte Zusammenfassung, die die Darsteller durch ihre Figuren wie als Hilfestellung für die dennoch Verwirrten im Publikum zusätzlich an die Hand geben. Im Buch, keine 200 Seiten, wird angenehmerweise gar nicht großartig geraten und (wie in späteren Bänden bedeutungsschwanger) gerätselt, sondern einfach locker vor sich weg erzählt, was hier de facto und analog dazu auch passiert; nur noch ein wenig mehr auf red herrings und entsprechend Andeutungen und (etwaige) Mysteriösitäten auf Spannung im Sinne eines öffentlich-rechtlichen Abendkrimis getrimmt. Dass einige literarische Personen wegfallen, fällt dem Unkundigen sowieso nicht auf und ist auch nicht weiter schlimm. Dass andere wiederum deutlich umgeschrieben werden, oder viel öfter und penetranter im Vordergrund sind, ist der Funktion des Filmes als Bestandteil einer Serie geschuldet, in der man sich an dem Wenigen festhält, was zuvor bereits etabliert wurde. Dass Melrose Plant deswegen hier bereits von Anfang an und seine gierige Tante auch recht schnell dabei sind: Kein großes Ding.
Vorstellungen des Leser trifft man so höchstens ungefähr, sehen die Leute im Bildschirm aber sowieso nicht aus wie in der Phantasie. Das Schauspiel kann auch kein Grund für die spezielle Besetzung gewesen sein, aber man nimmt was man bekommt und viel Auswahl oder überhaupt eine andere Alternative außer dem Abschalten des viereckigen Kastens im Mittelpunkt des Wohnzimmers hat der Interessent und möglichst auch Liebhaber der Romane ja sowieso nicht. Unplanmäßig wurde hier zudem (zwischen September und Oktober 2014, als Koproduktion des ZDF mit Crazy Film GmbH, sowie der epo-film Produktionsgesellschaft und dem ORF, gefördert mit Mitteln der Fernsehfonds Austria) nicht direkt vor Ort, sondern in Irland, als Double für Dartmoor, Dorset, Cornwall gedreht und dort die entsprechende Kulisse, die Staffage fabriziert. Eine Örtlichkeit aus dem Fundus, was wenigstens etwas an malerischer Pracht hermacht, auch die Dekoration ist soweit nicht in sich stimmig, aber als Phantasiereise so bemüht, dass man sich im Fernsehsessel bequem zum Tee und Scones und Clotted Cream direkt beschaulich und wie zu Hause, dem aus Klischeeland immerhin fühlt. Dass ausgerechnet Kindesmorde im Zuge der Ermittlungen stehen, wird hier durch einen (rührseligen bis peinlichen, wenn auch edel anmutenden) Kniff mit dem Gang in die Vorstellungskraft des Inspector, der in seinen Tagträumen mit den Ermordeten spricht und spielt und sie tröstet und versteht ebenso direkt verwässert und wie so manch Anderes an Beiläufigkeiten für das eher ältere und gesetzte Publikum aufgehellt. Schuld und Missbrauch hier, aber Hoffnung auf ein besseres Leben und viel Spaß und Freude im Spiel da; überhaupt gibt es so einige Punkte und ganze Szenen, über die man lieber schweigen und so im Schneideraum hätte lassen sollte, statt sie zu inszenieren und integrieren.